FrontKolumnenErleichterte Abtreibung: eine Pioniertat?

Erleichterte Abtreibung: eine Pioniertat?

Das Seilziehen unter Gynäkologen, ob Abtreibungen auch nach einem einzigen Arztbesuch ermöglicht werden sollen, irritiert, zeigt Ungleichbehandlung und ein zynisches Argument. 

Soll ich mich als Mann zu diesem heiklen Thema überhaupt äussern? Wenn ich von der Überzeugung ausgehe, dass die Verantwortung für das Leben unteilbar ist, dann sollte niemand schweigen. Dass die Gynäkologen in diesen Tagen unterschiedliche Meinungen äussern und diese in der Öffentlichkeit debattieren, zeigt, dass latent erneut unbewältigter Konfliktstoff vorhanden ist, der aufhorchen lässt. Die Divergenzen gehen um die Frage, ob die Vorgaben der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), wonach vor der Abtreibung Bedenkzeit eingeräumt und eine zweite Konsultation empfohlen wird, beibehalten oder revidiert werden sollten. Thomas Eggimann, Generalsekretär der SGGG mit einer Gynäkologiepraxis in Kreuzlingen, ist skeptisch gegenüber einer solchen Anpassung. Er hat schon oft erlebt, dass bei Frauen nach etwas Bedenkzeit ein Meinungsumschwung stattfand und sie ihre Absicht abzutreiben widerriefen.

André Seidenberg, Facharzt Allgemeinmedizin, hat hierzu eine dezidiert andere Meinung. Er engagiert sich seit 1978 in der Behandlung drogenkranker Menschen und im Abbruch unerwünschter Schwangerschaften. Er ist auch Mitbegründer von ARUD, der „Arbeitsgemeinschaft für einen risikoarmen Umgang mit Drogen“ und gilt als Pionier bei den Versuchen mit kontrollierter Heroinabgabe. Die Schweizerische Ärztezeitung hielt 2012 fest: „In über 30 Jahren hat er rund 3000 Heroinabhängige behandelt und 3000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt“ (nachzulesen im Internet). Nun bekennt er sich offen dazu, seit Anfang 2015 „erleichterte Schwangerschaftsabbrüche“ anzubieten. Die Zahl der Abbrüche habe sich zwar leicht erhöht, liege aber im Rahmen der letzten Jahre. Seine Erfahrungen zeigten, dass sich viele Frauen von Anfang an sicher seien, dass sie abtreiben wollten. Deshalb sei eine „erzwungene weitere Konsultation unnötig und könne als Schikane (!?) angesehen werden.“

Anderer Ansicht ist Yvonne Gilli, Gynäkologin und ehemalige Nationalrätin bei den Grünen. Sie lehnt die Vereinfachung ab. Die Gespräche seien sehr wichtig und hätten dazu beigetragen, dass viele Frauen ihre Entscheidung änderten.

Thomas Eggimann und die SGGG werden das Thema „One Stop“-Abtreibung demnächst im Vorstand thematisieren. Er ist aber skeptisch gegenüber einer solchen Anpassung. „Ich meine, wenn es um werdendes Leben geht, ist eine Bedenkzeit und ein zweites Gespräch nicht zu viel verlangt.“ So pionierhaft sich André Seidenberg gibt und so unbestritten seine Erfolge in der Therapierung Suchtkranker sind, so zweifelhaft sind „seine Pioniertaten“ unter Umgehung des allgemein üblichen Kodex in Sachen Schwangerschaftsabbruch. Eine einheitliche ethische Handhabung der von der SGGG empfohlenen Richtlinien würde zur Klärung beitragen und sog. „fortschrittliche“ Fanfarenstösse zurückbinden.

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