FrontGesundheitGesund Altern – trotz oder dank Stress?

Gesund Altern – trotz oder dank Stress?

Während Altern zu früherer Zeit vor allem mit Abbau gleichgesetzt wurde, wird Altern heute als viel facettenreicher angesehen.

Von Emilou Noser und Jessica Ruppen / Uni Zürich

Die Forschung geht davon aus, dass wir über die gesamte Lebensspanne, also in allen Altersbereichen, ein enormes Entwicklungspotential haben und uns an veränderte Entwicklungskontexte anpassen können. Jede Lebensphase bringt viele Entwicklungsaufgaben mit sich. Altersbedingte Veränderungen und damit verbundene Anforderungen können dabei in jeder Lebensphase Stress verursachen und unsere innere Balance gefährden.

Was bedeutet Stress?

Der Forscher Hans Selye nannte Stress „Allgemeines Anpassungssyndrom“ und beschrieb dabei drei Phasen, die immer schrittweise nach einer Belastung, beispielsweise bei einer äusseren Gefahr, durchlaufen werden (siehe Abbildung):

Als erstes gerät der Körper in eine Art Alarmzustand. Diese akute körperliche Anpassungsreaktion wird durch Stresshormone ausgelöst, die der raschen Bereitstellung von Energiereserven dienen. Das Kreislaufsystem wird stimuliert, während andere Körperfunktionen, wie das Immunsystem oder der Stoffwechsel, herunterreguliert werden. Der Körper gerät in einen akuten Zustand erhöhter Aktivität und Leistungsbereitschaft. Das Ziel dieser automatisch ablaufenden körperlichen Anpassungsreaktion ist die schnelle Bereitstellung von Energie für eine Flucht oder einen Kampf. Diese sogenannte „Fight or Flight“-Reaktion ist tief in uns verankert und überlebenswichtig.

Überlebt der Körper die Belastung, folgt automatisch eine Phase des Widerstands. In dieser Phase ist der Körper bestrebt, das aktuelle Stressniveau durch Eliminieren der Belastung wieder zu reduzieren, die in der Alarmreaktion ausgeschütteten Stresshormone abzubauen und so den Normalzustand und das innere Gleichgewicht wiederherzustellen.

Hält die Belastung aber sehr lange an, schafft der Körper es nicht mehr, sich länger anzupassen und gerät zunehmend in einen Erschöpfungszustand. Hält diese dritte Phase der Erschöpfung lange an, kann es zu ernsthaften Langzeitfolgen kommen. Langfristige Auswirkungen von Stress können eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens, Schlafstörungen oder vitale Erschöpfung sein. Ausserdem ist das Risiko für Depression oder Herz- und Kreislauferkrankungen erhöht.

Eine akute Stressreaktion auf Anforderungen oder Belastungen ist lebensnotwendig und versorgt unseren Körper kurzfristig mit Energie, um eine bestmögliche Leistung zu erzielen und die Belastung erfolgreich zu bewältigen. Müssen wir jedoch langanhaltenden Stress bewältigen, sind unsere körperlichen Stresssysteme ständig aktiviert und geraten dadurch zunehmend aus dem Gleichgewicht.

Ressourcen für einen besseren Umgang mit Stress

Oftmals haben wir nur geringfügigen Einfluss auf das Ausmass von stressreichen Belastungen, denen wir ausgesetzt sind. Glücklicherweise ist jedoch nicht nur die Anzahl an Belastungen entscheidend für unsere Gesundheit, sondern insbesondere auch unser Umgang damit. Für einen besseren Umgang mit Stress sind Ressourcen verantwortlich, die uns Rückhalt geben. Befinden sich Belastungen und persönliche Ressourcen in einem Gleichgewicht, steigert dies unsere Widerstandskraft und uns wird ermöglicht, eine Belastung ohne gesundheitliche Konsequenzen zu bewältigen. Eine psychologische Ressource ist zum Beispiel das Empfinden von positiven Emotionen. Positiver Affekt dämmt die körperliche Reaktion während einer stressvollen Belastung ein und weniger Stresshormone werden ausgeschüttet. Gleichermassen verhelfen Humor und Optimismus zu einem höheren Wohlbefinden, einer besseren körperlichen Gesundheit und grösseren sowie befriedigenderen sozialen Netzwerken.

Eine andere wichtige Ressource für Ressource ist physische Aktivität: Körperliche Bewegung verbessert unser Wohlbefinden, die Stimmung und den Selbstwert. Sport fördert also nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern gleichzeitig auch unser psychisches Wohlbefinden.

Ressourcen für ein gesundes Altern

Obwohl im Alter bestimmte Belastungen wie körperliche Beschwerden zunehmen, können wir im Alter auf bestimmte Ressourcen zurückgreifen, die sich über die Lebensspanne entwickelt haben. Im Hinblick das gesunde Altern besteht eine immense Forschungslücke, da sich die bisherige Forschung hauptsächlich auf problemorientierte Aspekte des Alterns konzentriert hat.

Um diese Forschungslücke zu schliessen, hat die Universität Zürich den Universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) Dynamik Gesunden Alterns lanciert (http://www.dynage.uzh.ch/). Die Vision dieses UFSP ist die Entwicklung und Bereitstellung neuer Standards für eine gesunde Alternsforschung. Anfang 2016 wurde in diesem UFSP eine neue Studie lanciert, Männerstress 40+ (http://www.männerstress40plus.ch), die sich spezifisch mit dem Umgang mit Stress und seinen Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit bei Männern ab dem mittleren Lebensalter auseinandersetzt.

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