FrontKulturFragmente aus dem Nacht-Leben

Fragmente aus dem Nacht-Leben

In der Schiffbau Box zeigt das Schauspielhaus Zürich ein Projekt mit Ton, Licht, Action, aber ohne Worte

Nachtstücke, Gemälde mit nächtlichen Szenen, romantische Musik oder auch E.T.A. Hoffmanns Erzählungen sind geläufig. Nun hat auch das Schauspielhaus sein Nachtstück, eins bei dem manches im Dunkeln bleibt, wo es zu rätseln, zu lachen und vor allem einmalig Eindrückliches zu sehen und zu hören gibt. Obwohl die vier Schauspielerinnen und Schauspieler stumm agieren – getrieben vom Puls einer vom Menschen dirigierten Maschine. Fritz Hauser, Perkussionist aus Basel, und Schauspielhausintendantin Barbara Frey veranstalten zum dritten Mal (Trommel mit Mann 2001; A Dream Within a Dream 2010), gemeinsam ein aussergewöhnliches Theaterstück.

Frau im Fokus einer Gruppe – Szene mit dem Ensemble. Foto © Matthias Horn

Erwartungsvoll und schon fast totenstill ist es im Publikum, bevor es ganz dunkel wird. Ein grauer Screen zeichnet sich schwach im Dunkeln ab, man hört den Stundenschlag einer kleinen Kirche. Elf – zwölf – dreizehn… über Mitternacht hinaus, die Glocke schlägt weiter und weiter. Im Zimmer oben geht Licht an, ein Mensch im Bett. Der pulsierende Klang setzt sich fort, das Licht geht aus und wieder an. Eine Figur steht vor dem Bett. Aus – an, präzis für Nächtliches eingerichtet von Rainer Küng. Der Mensch im Bett hat einen Blumenstrauss in den Händen auf der Decke. Ob das eine Totenwache ist? Flashes auch draussen, rechts vor dem grauen Screen. Draussen unter einer Strassenlaterne sitzt ein Mann auf einer Bank. Drinnen – draussen: wie Filmstills erstarrte Bewegung, Fraktale einer Geschichte, die in der Phantasie der Zuschauer ihren Ablauf sucht, perfekte Projektionsfläche für Assoziationen und reiner Genuss zum Schauen und Hören.

Eilig ins Büro – vielleicht (Hans Kremer, Michael Maertens, Markus Scheumann). Treibende Kraft im Hintergrund: Fritz Hauser, der Klangmagier. Foto © Matthias Horn

Gehemmt, gar verklemmt die Figuren, welche kurz ins Licht kommen, ganz entspannt dagegen der Puls – immer noch erzeugt durch eine Klangschale. So beginnt das Nachtstück für acht Schauspieler und eines Perkussionsgenies. Unvermittelt geht ein akustischer Vulkan los – unter dem Hotelzimmer mit dem Bett ist die Klangfabrik: Fritz Hauser steht hell beleuchtet hinter seinem Schlagwerk und wirbelt und trommelt Gewalt und Getöse in die zuvor so verhaltene Stimmung, der graue Screen ist ein transparenter Stoff, der das Orchester verbirgt. Greller Blitz schmerzt die Augen der Zuschauer, wieder ist es stockfinster – der Puls geht weiter – mal auf einem Becken, auf dem Gong, auf der dumpfen grossen Trommel – bis der Vulkan wieder eine Eruption hat, man den Klangmagier und seine Maschine, der meist nur als Schemen oder als pulsierender Schlagstock wahrgenommen werden kann, wieder kurz und laut ins Licht kommt, insgesamt eineinviertel Stunden lang.

Auf dem Hotelbett mit Blumenbouquet: Michael Maertens; dumpfer Puls von der Grossen Trommel: Fritz Hauser. Foto © Matthias Horn

Die nächsten Szenen sind ausführlicher, die Schauspieler in Bewegung, treten in Kontakt zueinander oder ignorieren Annäherungsversuche. Mit einem Blumenstrauss versucht ein Mann nach dem anderen – alle in abgetragenen Anzügen und weissen Hemden mit offenem Kragen – eine der Frauen in hellen einfachen Sommerkleidern anzubaggern, als Kommunikationsinstrument ein je verschiedenes Pfeifchen hervorziehend (Bühne und Kostüme Bettina Meyer). Witzig und trostlos, denn falls ein Thema über dem Nachtstück steht, wäre es die Einsamkeit, die wir alle kennen, der wir immer wieder in nächtlichen Strassen, in Hotelzimmern oder auch allein zuhause begegnen.

Oder: die Männer machen sich mit Aktenmappen nach nirgendwo auf den Weg, führen unvermittelt zu zweit ein akrobatisches Kunststücklein vor, heischen mit bekannter Geste Applaus – der ausbleibt, weil der Puls, der das Geschehen unerbittlich vorantreibt, weitergeht. Oder auch: ein Mann fällt immer wieder dröhnend links und rechts vom Bett herunter, im Strassenraum gespiegelt von einer Frau mit verrückten Überschlägen. Oder auch: eine Schlägerei rund ums Bett, eine Bettszene mit zwei Männern, zaghafte, gleich wieder abgebrochene Tanzschritte der vier Paare, die keine sind. Im Kopf entstehen Bilder aus der Lektüre amerikanischer Trashliteratur aus der 50er und 60er Jahre, bei einer Art bedrängender Kreis-Szene das unheimliche Opferritual aus dem Sacre du Printemps, Filme mit Humphrey Bogart, Dramen von Arthur Miller oder Beckett aber auch aberwitzig Skurriles – was auch die wortlosen, aber präzis angeordneten Handlungen der acht Figuren einem ins Gedächtnis weht.

Für das Nachtstück mit Strassenraum und Hotelzimmer fanden Fritz Hauser (Musik) und Barbara Frey (Regie) die Inspirationsquelle bei Edward Hoppers Bild Hotel Room von 1931: eine spärlich bekleidete Frau sitzt auf der Bettkante, ein zweimal gefaltetes Blatt – es könnte ein Brief sein – auf den Knien.

Mit: Hans Kremer, Chantal Le Moign, Dagna Litzenberger Vinet, Michael Maertens, Lisa-Katrina Mayer, Markus Scheumann, Friederike Wagner, Milian Zerzawy, Fritz Hauser

Teaserbild: Milian Zerzawy, Markus Scheumann. Foto © Matthias Horn

Nächste Vorstellungen in der Schiffbau Box: Heute Abend, 6. März und 28. März, jeweils 19 Uhr; 10., 15., 16., 19., 21., 24., 29. und 31. März, jeweils 20 Uhr; 4. und 5. April, ebenfalls 20 Uhr.

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