FrontKulturDada ist auch Anti-Europa

Dada ist auch Anti-Europa

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden ist der Ausstellungstitel im Museum Rietberg

Nochmals Dada in Zürich? Unbedingt, denn der Aspekt, den das Museum Rietberg wählte, wird weder im Landesmuseum (Dada universal), noch im Kunstmuseum (Dada globe), noch im Hauskonstruktiv (Dada anders) berücksichtigt: die Untersuchung des Zusammenspiels von Dada und Kunst aus Afrika oder Ozeanien ist etwas fundamental Neues. Hier geht es zur Hauptseite des Dada-Jubiläums. In der Folge verwende ich Zitate aus der Ausstellung zu deren Beschreibung.

Dada ist die Negation des bisherigen europäischen „Sinnes“ des Lebens. Raoul Hausmann

Kriegsgeschädigt waren sie, die Dadaisten vor einem Jahrhundert. So gibt es nicht nur die berühmten Lautgedichte, die jeden Sinngehalt dekonstruieren, aber auch die bösen Figuren, mit welchen das Museum Rietberg am Saaleingang auf Dada Afrika einstimmt.

Maske mit Hörnern. 19. Jh. Elfenbeinküste Museum Rietberg

Der Preussische Erzengel, der lebensgross über den Besuchern schwebend als bissige Karikatur des Soldaten rechts eine Prothese in Bajonettform, unterm Käppi eine Schweinsfratze, das wahre Gesicht des Militarismus zeigt. Das Objekt (hier als Rekonstruktion) wurde von John Heartfield und Rudolf Schlichter gebastelt.

Wir suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen sollte. Hugo Ball

Im Cabaret Voltaire, dem Fluchtpunkt von Künstlern und Kreativen, auch Deserteure waren dabei, die in Zürich ein Leben abseits des ersten Weltkriegs suchten, gab es regelmässig Soirées nègres, bei denen Maskentänze „mit Motiven aus dem Sudan“ aufgeführt wurden und in exotischen Kostümen wilde pseudoafrikanische Musik mit Gesang und Trommeln gemacht wurde. Eine Hörstation im Saal gibt Hörproben von den Einflüssen von Jazz und Afrikanischer Musik auf die Dada-Poesie und -Musik. Eine andere Hörstation ist mit Lautgedichten gespeist, eine dritte mit dem Maori-Lied Toto Waka, das Tristan Tzara als Lautgedicht ausgab. Jetzt ist es im Original und in Deutsch zu hören. Tzara setzte sich ernsthaft mit ethnologischen Quellen auseinander und sammelte auch Kunstgegenstände.

Das Magische aus Afrika war Inspirationsquelle für Dadakunst. Blick in die Ausstellung 

Die Auseinandersetzung der Dada-Künstlerinnen und -Künstler mit aussereuropäischer Kunst und Kultur, besonders der afrikanischen, wird im Museum Rietberg zum ersten Mal thematisiert, ausgestellt und wissenschaftlich erforscht. In Vitrinen gibt es Dokumente, wie sich die Dada-Bewegung im Einzelnen mit der fremden Kunst befassten, auf den Podesten und an den Wänden präsentieren sich – gleichsam als „Zwillingspaare“, so Esther Tisa, eine der Kuratorinnen – Statuen oder Masken fremder Kulturen und deren Verwendung als Inspiration oder Quelle in einem dadaistischen Kunstobjekt oder Bild.

Ich wollte die skrupellose und simple Verwendung, der zu dieser Zeit aus Afrika – Europa überschwemmende Negerplastik anleuchten. Hannah Höch

Im Zuge des Kolonialismus oder auch schon der Entdeckungsreisen waren regelmässig Performances und Artefakte der „primitiven“ Völker nach Europa gekommen. Viele der Objekte aus fremden Welten wurden in Zeitschriften und Katalogen fotografiert, für Hannah Höch Material für ihre einmaligen Collagen.

Torso der Göttin Uma. Spätes 9. / frühes 10. Jh., Kambodscha, Khmer-Reich. Museum Rietberg Zürich

Das Bild einer Pende-Maske gibt es gleich zweimal als Kopffüssler, einmal kombiniert mit kräftigen dunklen Männerbeinen im Spagat-Sprung, einmal schwebend über einer Wolke aus Beinpaaren von Ballettmädchen, oder die Abbildung des Torsos der Göttin Uma (in der Rietberg-Sammlung) kombinierte sie mit Schultern, Armen und Kopf einer weissen Frau und mit ihrem grossen, sehenden Auge. Auch fürs Plakat der Ausstellung verwandte das Museum eine Höch-Collage aus afrikanischer Maske und Arm und Bein einer Frau. Alles verstörend, anregend und sehr schön. Hannah Höchs kritisch-politisches, ja feministisches Engagement steckt in vielen ihrer Arbeiten, wie auch im Haus Konstruktiv zu sehen ist.

Von Höch sind viele Dokumente vorhanden, darunter ein Heft, in das sie Fotos aus Zeitschriften klebte, darunter von afrikanischen Frauen. Manche Vorlagen hat sie der Zeitschrift Querschnitt entnommen.

Ein Ehrenmal afrikanischer Kunst würde es nie geben, wenn ich es nicht baute. Han Coray

Der Reformpädagoge und Galerist Han Coray, der dem Dada-Volk nach der Schliessung des Cabaret Voltaire in seiner Galerie eine neue Wirkungsstätte bot, war einer der ersten Sammler von Kunstgegenständen aus Afrika. So nannte sich die erste Dada-Ausstellung von 1917 in der Corray-Galerie Dada. Cubistes. Art Nègre.

Han Coray, hier beim Schilfmähen in Agnuzzo, war passionierter Sammler von afrikanischer Kunst. courtesy of stoopvandeventer.nl

Zum ersten Mal waren hierzulande Artefakte aus Afrika ausgestellt, zum ersten Mal überhaupt avantgardistische mit exotischen Kunstwerken vereint Zu sehen ist das damalige Plakat, gestaltet von Marcel Janco. Von ihm zeigt das Rietberg-Museum Masken aus fragilen Materialien, gepaart einmal mit einer Lötschentaler Holzmaske, die Janco gekannt haben könnte, einmal mit einer japanischen Hannya-Maske. Ein Teil der Afrika-Sammlung Han Corays ist heute in der Rietberg-Sammlung und war Fundus für die drei Kuratoren Michaela Oberhofer und Esther Tisa vom Museum Rietberg sowie Ralf Burmester von der Berlinischen Galerie, wo die Ausstellung leicht verändert im Sommer und Herbst gezeigt wird.

Die Maske verlangte nicht nur sofort nach einem Kostüm, sie diktierte auch einen ganz bestimmten pathetischen, ja an Irrsinn streifenden Gestus. Hugo Ball

Diesen Satz von Hugo Ball kann unterschreiben, wer sich einmal voll maskiert, beispielsweise in fasnächtlichem Kontext, auf seine andere Gestalt einliess. Mit der Kolonialzeit waren afrikanischen und ozeanischen Masken losgelöst von ihrem rituellen oder magischen Kontext meist ohne Kostüm in den Handel geraten.

Blick auf Sophie Taeuber-Arps Katchina-Kostüm, rechts in der Vitrine Glasperlenstickerei

Sie wurden zunächst aus ethnografischen Interessen gesammelt, um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert dann auch wie die Statuen als Kunst definiert und gehandelt. Anders als Künstler wie etwa Picasso suchten die Dadaisten bei den Artefakten nicht nur die Inspiration im Formalen, sondern auch das Magische und Ikonische. Eine vollständige Figur aus Afrika mit Gewand aus Gräsern und nachempfundene Hopi-Puppen-Kostüme, in denen Sophie Taeuber-Arp tanzte, illustrieren Hugo Balls Aussage.

Nur kunsthistorisch will das Rietberg-Museum auch diesmal nicht sein: Dada hat auch heutige afrikanische Kunst inspiriert, so ist das geruchsintensive Portes Oanges von Senam Okudzeto ein ironisches Zitat von Duchamps Readymade des Flaschenständers. Die Ausstellung Dada Afrika, in der die Auseinandersetzung des Dadaismus mit den damals in Mode geratenen Objekten aus exotischen Ländern, vorab aus Afrika gezeigt wird, hat zu einer wissenschaftlich fundierten Begleitpublikation, herausgegeben von den drei Kuratoren, geführt.

Teaserbild: Museum Rietberg: Handout-Titelblatt
Bis 17. Juli

Alle Informationen zur Ausstellung Dada Afrika und den Begleitveranstaltungen finden Sie hier

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