Gesellschaft

„Diese Urner“

16 spannende Porträts vom Gotthard. Herausgegeben von Eva Holz und Susanne Perren und mit einem Vor- und Schlusswort von Gabi Huber und Franz Steinegger.

Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können. Der NEAT-Tunnel war gleichentags eröffnet worden. Und das Publikum sass am Abend des denkwürdigen Tages gespannt in der Buchhandlung Hirschmatt in Luzern. Vorgestellt wurden sechzehn Porträts von Menschen aus dem Kanton Uri, dem Gotthardkanton! Geschrieben von den beiden Herausgeberinnen Eva Holz und Susanne Perren und weiteren bekannten Autorinnen und Autoren. Jedem Kapitel vorangestellt illustrieren Bilder den Alltag der Beschriebenen. Die Fotografin Franca Pedrazzetti hat es verstanden, durch ihre eindringlichen Aufnahmen der Leserschaft das Umfeld dieser Menschen aus Uri nahe zu bringen und auf die Texte neugierig zu machen.

Ein Meisterstück ist das Vorwort von Gabi Huber, alt Landammann und alt Nationalrätin des Standes Uri. In geraffter Form gibt sie eine Übersicht über ihren Kanton, umreisst die Einflüsse, welche die Schönheiten der Natur, die Naturgewalten, die Berge auf das Leben in Uri ausüben.

„Welcher Menschenschlag lebt nun in diesem kleinen Land, von dessen Gesamtfläche gerade einmal zwei Prozent Siedlungsgebiet sind und der Rest aus Bergen, Gletschern, Gewässern und Wald besteht?“, fragt sie.

Die Antwort, die das Buch auf diese Frage gibt, ist verblüffend. Den Anfang mit „A“ wie Arnold macht die 31jährige Madlen Arnold, Schauspielerin, Käserin und Bäuerin. Von ihr heisst es im Porträt: „Das ist die Madlen – e chli e Komischi, aber voll okei“. Und dann folgt Kari Poletti, der von 2007 bis 2010 Gemeindepräsident von Andermatt war. Obwohl er kein Andermatter ist, sondern „unten“ geboren wurde, in Schattdorf. In diesem Kapitel erfahren wir auch, in einfachen, verständlichen Worten, die Geschichte von Andermatt und Samih Sawiris. „Die Zeit mit Samih war meine Lebensschule“, sagt Kari Poletti.

Was ich dann weiter über Therese Scheidegger erfahre, lässt mir fast den Atem stocken. Knapp ein Vierteljahrhundert ist sie jünger als ich, studierte an der ETH, übernahm Bauleitungen und ging 2003 als stellvertretende Oberbauleiterin zur Alp Transit Gotthard AG. „Sie fühlt sich als Frau voll und ganz akzeptiert und hat nie das Gefühl, mehr leisten und besser sein zu müssen als Männer“, heisst es von ihr. „Wow“ kann ich da nur voll Bewunderung sagen!

Die Buchpräsentation vor zahlreichem Publikum ging originell über die Bühne. Franca Pedrazzetti projizierte ihre attraktiven Bilder und Eva Holz und Susanne Perren lasen zu jeder Person einen grösseren oder kleineren, charakterisierenden Text.

Verraten sei, dass in dem Buch der Name Arnold mehrmals vorkommt. Wir treffen Sabrina Arnold, das Topmodel. Und Bobby Arnold, den Unternehmer. Dessen Name ist mit der Schaffung des Reussdelta verbunden. Wir werden durch die Geschichte der Geschwister Indergand in das Metier der Kristallsucher eingeweiht. Und wo gibt es wohl die schmackhafte „Ürner Capuzinersuppe“ (sieben Vaterunser lang gekocht), eine Rindskraftbrühe mit Gemüse und Majoran und Muskat verfeinert? Kann im Buche nachgelesen werden! Auf die Leserinnen und Leser warten noch viele weitere Überraschungen!

Und last but not least: Die ehemalige Politikerin Gabi Huber lässt das Buch mit ihrem dichten Vorwort starten. Den Schlussstein setzt Franz Steinegger mit seiner Antwort auf die Frage: „Gibt es, Franz, in Ihrem Leben so etwas wie eine Grundwahrheit? Ein Urvertrauen in irgendetwas?“ Nach langem Schweigen lautet sie: „Ich gehe davon aus, dass der Mensch in Ordnung ist.“

Kari Poletti sagte in seinem Kapitel über Samih Sawiris: „Samih sah immer alles anders. Und ich dachte oft: Warum können nicht auch wir alles anders sehen?“.

Wer meint, die Urnerinnen und Urner zu kennen, wird diese nach der Lektüre des spannenden Buches von Eva Holz und Susanne Perren ganz sicher „anders sehen“!

 Eva Holz/Susanne Perren (Hg.), Diese Urner, 16 Porträts vom Gotthard, 2016 Limmatverlag, Zürich, ISBN 978-3-85791-804-9