Kultur

„I Puritani“ - mehr Wahnsinn als Unsinn

Zürichs Opernhaus lud zur Festpielpremiere von Bellinis letzter Belcanto-Oper „I Puritani“. Von DADA zwar keine Spur, dafür umso mehr vom Festspielmotto „Zwischen Wahnsinn und Unsinn“.

Am Samstag picknickten gegen 10’000 Liebhaber der Oper (oder des Sechseläutenplatzes) bei moderat-feucht-garstigem Wetter wieder vor einer Riesenleinwand, um mit Tschaikowskis „Pique Dame“ dem jährlichen Spektakel „Oper für alle“ zu frönen. Und am Sonntag folgte mit Bellinis Kriegsopus „I Puritani“ im Innern die letzte Saisonpremiere, die sich Hausherr Andreas Homoki gleich selbst ans Regie-Revers heftete. Zwar stehen die diesjährigen Festspiele unter dem Motto „DADA zwischen Wahnsinn und Unsinn“, aber die grossen Kunstinstitute Zürichs taten sich schon immer schwer mit einem Generalnenner und spulen halt ab, was in einer verlängerten Spielzeit Kasse machen kann. Und so bleibt es beim DADA-Kleber an den Türen. Es wäre höchste Zeit, dieses Nicht-Konzept auf glaubwürdigere Beine zu stellen.

Liebe in Zeiten erbitterter Kriege: Pretty Yende und Lawrence Brownlee als Liebespaar

Immerhin, der Wahnsinn kommt in einem hanebüchenen Libretto von Carlo Pepoli nach einer Romanvorlage von Walter Scott  voll auf seine Rechnung. Wieder einmal ist Bürgerkrieg, diesmal zwischen republikanischen Puritanern und königstreuen Stuarts. Logisch muss dann eine triefend-glühende Liebesgeschichte mit einem tränenseligen Text dazu herhalten, Bellinis Belcanto-Seligkeit im Jahre 1835 zu zelebrieren. Es ist das Vermächtnis des bereits mit 34 Jahren sterbenden italienischen Mozart, der mit der Süffigkeit seines Melodienreichtums  selbst Rossini in den Schatten stellte.

Als der Wahnsinn in der Oper Schule machte

„Schluss mit dem Wahnsinn“ betitelt Sibylle Berg in ihrer Magazin-Kolumne die schiere Häufung von wahnsinnsbefallenen Frauenfiguren von Lucia di Lammermoor, Anna Bolena, Linda di Chamonix bis zu Bellinis Elvira und fordert vehement die Entrümpelung der Opernspielpläne. Die aus der männerkruden DDR in die Schweiz eingewanderte Autorin bemüht sich dabei einmal mehr, ihr feministisches Wütchen zu kühlen. Eigentlich genügte da Peter von Matts Kurztext zur Wahnsinns-Problematik im aktuellen Programmheft, um zu belegen, dass es gerade die Frauen – und nur sie – sind, welche sich in ihrer Ohnmacht den Kriegsgurgeln entgegen stellen und für ein humanes Gegenmodell kämpfen.

Und die Betontrommel dreht und dreht und dreht sich…

Das Regieteam um Andreas Homoki (Henrik Ahr, Bühnenbild, Barbara Drosihn, Kostüme) bemüht sich, die ständig wechselnden Schauplätze rasant in Fahrt zu halten, indem sie einerseits die Drehbühne mit einer Art Betonoval nutzen, um die Chorszenen zu gliedern und den geschützten Raum von Elvira und Arturo zu symbolisieren, und anderseits mit dem geschlossen abweisenden Käfigzylinder als Drohkulisse für die Aussenschauplätze Wirkung zu erzielen. Aber das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Gleichviel, ob im „Fliegenden Holländer“ oder jetzt in „I Puritani“, Homokis Chormassen wabern immer gestenreich und unheilschwanger von links nach rechts und umgekehrt. Die Männerhorden haben immer die Hosen voll, und die Frauen wuseln wie gerupfte Hühner umher. Auch die Solisten werden zu Dauerläufern rund um den hochgefahrenen Drehturm und verheddern sich in den immergleichen stereotypen Gesten. Homokis Empathie zur Opernregie und zu allen Mitwirkenden ist unbestritten, doch wer die Dramatik im Orchestergraben laufend noch steigern will, verwechselt die inhärente Dramaturgie leider mit allzu viel Betriebsamkeit und läuft ins Leere.

Sängerisch hochgradig und festwochenwürdig besetzt

Die Anforderungen an die Interpretinnen und Sänger sind exorbitant, und es gibt weltweit nur wenige erlesene Spitzenkräfte, welche Gewähr bieten, die an die Rollen gestellten Erwartungen zu erfüllen. Dazu zählen in erster Linie die südafrikanische Belcantistin Pretty Yende als Elvira und der sensationelle Tenor Lawrence Brownlee als ihr Liebhaber Arturo. Yendes Sopran ist ungemein einnehmend in ihrer agilen Wandelbarkeit. Vielleicht fehlt ihr der Silberstift der Jahrhundertstimme Gruberovas in dieser Rolle, dafür ist ihre klangmalerische Bandbreite einzigartig. Und wenn man Brownlees unwiderstehlichem Tenorglanz von allerhöchstem Schwierigkeitsgrad  zuhört, wird wohl klar, weshalb Juan Diego Florez diese mörderische Partie ad acta gelegt hat. Immerhin darf man sich auf seinen Liederabend vom 21. Juni freuen.

Pretty Yende als Elvira zur Braut gekleidet / Fotos: Judith Schlosser

Festwochenglanz verleihen auch Michele Pertusi (als väterlicher Freund Giorgio), George Petean (als Gegenspieler Riccardo), Liliana Nichiteanu (Enrichetta), Wenwei Zhang (Lord Valton) und Dmitry Ivanchey (Robertson). Für willkommene Blutauffrischung sorgt Pablo Assante mit einer mustergültigen Choreinstudierung. Und Fabio Luisi, der sich im Programmheft als Bellini-Fan outet, gibt mit seiner Philharmonia Zürich den irisierenden Klangteppich vor. Er bricht den allzu süsslichen Belcantoschmelz mit aufgerautem, die Partitur strukturell auslotendem Impetus auf, übertreibt es dabei aber etwas mit der Lautstärke. Die ständige Hochspannung mit Musik und Bühne führt damit allseits zur Überforderung. Aber Belcanto-Freunde werden sich diesem Sog nicht entziehen wollen.

Weitere Vorstellungen: Juni 22, 25, 29 und Juli 3, 7, 10