FrontKulturJuwelen der scheidenden Natur

Juwelen der scheidenden Natur

Die Fotoausstellung „scheinbarUNscheinbar – Makrofotografien“ erweist verwelkten Pflanzen am Wegrand die Ehre.

Im Alters- und Pflegeheim Schenkenbergertal in Schinznach Dorf (AG) bekunden Simone Sommerhalder und Michael Bernhart mit ihren Fotografien berührende Zuneigung zum Vergänglichen. Das Thema passt fürs Altersheim. Die Hauptdarsteller der fotografischen Werke sind allesamt nicht mehr in jugendlicher Frische, sie stehen am Ende ihres Lebens. Und doch. Ihre Schönheit erkennt nur die Lupe oder eben die Kamera. Den Künstlern gelingt es hervorragend, Juwelen der scheidenden Natur ans Licht zu holen.

Faszinierende Netzstruktur verdorrter Blütenblätter: So schön kann ein Pflanzenteil sein

Verdorrte Unkräuter sind lästig und unnütz, gealterte Menschen oft belastend. Wo verstecken sich deren Schönheiten? Achtsamkeit und Gelassenheit sind die Schlüssel, verborgener Anmut in ihren Gesichtern, ihren Augen und ihrer Haltung innezuwerden. Simone Sommerhalder schreibt: «Schönheit muss nicht immer ein junge Rosenblüte sein. Die Pflanzen-Veteranen sind ein Beispiel dafür, dass Altern und der Tod zum Leben gehören und auch notwendig sind für das Gedeihen einer neuen Generation. » Diese Wertschätzung findet Ausdruck in den Fotografien von Simone Sommerhalder und Michael Bernhart. Im Café «La Vida» des Altersheims werden die Wände alle paar Monate mit Bildern neu bestückt. Das Altersheim wird zum Kunstmuseum im eigenen Zuhause, ist sieben Tage in der Woche geöffnet, von morgens bis abends. Die Soziologin Hanna Meier, sie wohnt in Schinznach-Dorf, hat als Freiwillige und Vorstandsmitglied im Verein pro Altersheim diese Ausstellung angestossen. Die Leiterin der Galerie, Emmi Wernli, betreut sie.

Nur drei Millimeter misst diese Samenkapsel. Durch die Vergrösserung wird die holzartige Struktur sichtbar

Simone Sommerhalder und Michael Bernhart sind neben ihrem Brotberuf seit vielen Jahren im Kunstbereich tätig. Sommerhalder malt und zeichnet mit Gouache, Kohle und Tusch. Sie ist eine passionierte Naturbeobachterin und Fotografin. Sie schreibt zudem Kurzgeschichten, die sie selbst illustriert. Je kleiner und feiner die Dinge, desto unbändiger gilt ihnen ihr Interesse. So hat sie neben jeder Fotografie in der Ausstellung das originale Pflanzenteil eingebettet in Miniaturkästchen gestellt. Die Betrachter staunen – David wird zum Goliath, eindrücklich und wahrhaftig. Bernhart ist ein virtuoser Fotograf. Er hat Talent für Porträtaufnahmen, für Gruppenbilder – eine knifflige Aufgabe – und widmet sich der Panoramafotografie. Dazu meint er, natürlich gegebene schöne Gegenden – etwa die Toscana – sind pflegeleichte Objekte, weniger harmonische Landstriche eine Herausforderung. Im Bereich der digitalen Fotografie und der Bildbearbeitung hat er sich im Selbststudium ein grosses Wissen und Können angeeignet. Fotografiert wurde mit einer relativ einfachen Spiegelreflexkamera, der Canon 600D. Bei dieser Art Bilder ist nicht die technische Raffinesse massgebend, entscheidend für das Gelingen ist vielmehr die Art und Weise der Lichtsetzung. Die oft subtilen, manchmal plakativ gewählten Farben in den Fotos sind das Resultat von Farbfilterfolien, die über drei bis vier Blitze gelegt wurden. Die so entstandenen Stimmungen sind also nicht das Resultat aufwändiger Computernachbearbeitung, sondern wurden von den Fotografen bereits mit der Kamera eingefangen. Die fotografischen Kunstwerke erinnern zunächst an die Bilder des grossen Fotografen Karl Blossfeldt. Er könnte ein Urahne und Inspirator der beiden jüngeren Künstler sein. Bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bildete er Pflanzen vergrössert ab. Die Fotos von Karl Blossfeldt sind nüchtern, sachlich und natürlich schwarz-weiss. Dagegen führen die Fotos in der Ausstellung – gerade auch die farbig ausgeleuchteten – in dreidimensionale Fantasy- und Unterseewelten, auf verrückt ausstaffierte Theaterbühnen oder auch in Schmuckläden mit ganz besonderen Ringen, ausgefallenen Manschettenknöpfen und üppig ausladenden Broschen.

Weidenröschen-Samen sind filigrane und effiziente Flugkörper

Die Bilder stossen ein zweites Thema an: Biologie und Umweltfragen. Im Bereich Pflanzenbiologie kann der Ausstellungsbesucher manches lernen. Zum Beispiel über das Epilobium, das zart rosa blühende Weidenröschen. Auf der Makrofotografie wird die Schönheit der Samen deutlich: Man erkennt, dass ein Samen mehrere Dutzend Flügel hat. Unkrautphobiker ärgern sich über diese Samenschleudern, umgekehrt freuen sich die Anwender von Heilmitteln. Das Weidenröschen ist eine Heilpflanze, die volkstümlich bei Prostata- und Magen-Darmerkrankungen als Tee verwendet wird.

Die Weinrebe ist ein Lianengewächs, die gekringelten Ranken entfalten im rechten Licht ihre Anmut

Ein drittes Thema: Essen und trinken! Tee aus allen Pflanzenteilen sind gang und gäbe. Die Makrobilder beflügeln, aussergewöhnliche Rezepte zu wagen. Samen der unscheinbaren Unkräuter als Apéro-Knabbereien serviert? Geröstete Fenchelsamen in einen Brotteig eingearbeitet, zu schlanken (Grissini-)Stangen geformt und knusprig gebacken, eine Delikatesse. Waldrand und Wiesen liefern feinste Zutaten für einen bunten Salat mit Malven- und Kapuzinerblüten Günsel- und Gundelrebenblüten, doch auch deren Blätter und Samen schmecken köstlich. Viele der sogenannten Unkräuter sind essbar. Sie sind die Vorfahren unserer Volg-, Migros-, Coop- und Tuttobio-Gemüse – und sie haben häufig mehr Geschmack als die überzüchtete Grünware. Ein letzter Weg führt den bedachtsamen Besucher darüber hinaus in den gesellschaftlichen Bereich. Das haben Simone Sommerhalder und Michael Bernhart bereits im Titel der Ausstellung «scheinbarUNscheinbar» formuliert. Sommerhalder beschreibt, dass sie die unscheinbaren Kräutli am Wegrand lange Zeit gar nicht beachtete. Dann aber, durch den Zufall geleitet, habe sie sich diesen verblühten, verdorrten Pflänzli zugewandt. Sie schaute sie genauer an, fotografierte – und stellte schliesslich Vergrösserungen her.

Einst ein Blütenzweig, dessen Samenstand im Licht der Fotografen zur Skulptur wurde

Die Gedanken sind geflossen – Parallelen zu alten Menschen sind aufgetaucht. Ist alt unnütz? Nicht mehr schön? Nicht mehr zu gebrauchen? Wenn man in die Medien schaut, könnte man manchmal glauben, es sei so. Schaut man aber die Fotos an, die jetzt im Altersheim Schenkenbergertal – im Daheim von alten Frauen und Männern – hängen, dann verführt einem das Alter mit seiner Schönheit. Man spürt die gelebte Kraft, die in den Formen steckt. Das Leben hat die Pflanzen geformt, und diese Formen sind Ausdruckskraft, sie erzählen Geschichten, schöne – von Sonnenschein und Wärme – und, natürlich, auch schwierige – von Sturm und Regen. Es sind ganz besonders die Samenbilder, die den Kreislauf deutlich machen: «Der Samen ist die Zukunft, der Anfang der nächsten Generation.»

Fotos © Michael Bernhart und Simone Sommerhalder (s. Teaserbild)

bis 28. Juli
Alters- und Pflegeheim Schenkenbergertal, Schinznach-Dorf. Tel. 056 463 67 67

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