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Meine Erinnerungen an Dimitri

Wir trauern um den Clown Dimitri, der im Alter von 80 Jahren im Beisein seiner Gattin zu Hause gestorben ist. Begegnungen mit dem poetischen Menschen vergisst man nicht.

Vor vielen, vielen Jahren. Der Anruf kam an einem Vormittag: Der Clown Dimitri liegt im Kantonsspital Luzern und muss operiert werden. Vorher wird ihn sein Freund Emil Steinberger und die Direktorin des Kleintheaters Luzern besuchen. Telefonisch erkundigte ich mich, ob ich die Szene fotografisch festhalten dürfe. Und so kam das Bild zustande.

Emil besucht seinen Freund Dimitri im Luzerner Kantonsspital
Foto: Josef Ritler

Selbst im Spitalbett sendete Dimitri positive Signale aus. Sein breites Lächeln faszinierte mich. Immer wenn der begnadete Künstler in Luzern weilte, traf er Emil.

Es gab damals einen Mann namens Fredy von Wyl. Er verkehrte mit allen bekannten Künstlern, brachte Hazy Osterwald, wenn er sich im Hotel Schweizerhof  aufhielt, das Frühstück ans Bett. Oder hielt sich bei fast allen Konzerten hinter den Kulissen auf.  Nach den Vorstellungen besuchte man ihn in seiner Wohnung an der Baselstrasse in Luzern.

Und so kam es, dass eines Abends auch Dimitri und Emil in der Stube bei Fredy über Gott und die Welt diskutierten. Fredy rief mich an und sagte:“Du glaubst es nicht. Dimitri und Emil sind bei mir. Komm und lass Dir nichts anmerken. Mach so, als  ob du völlig überrascht bist“.  Und so kam es auch. Überrascht waren vor allem Dimitri und Emil. Sie nahmen es mit Humor und es wurde eine interessante Diskussion.

Dimitri und die Familie Knie. Das war auch eine besondere Beziehung. Als Dimitri im Circus einen Auftritt hatte, sass unter den Zuschauern Charlie Chaplin. Nach der Vorstellung drückte Fredy Knie Dimitri einen Blumenstrauss in die Hand und sagte: Bring Charlie den Strauss!

Später erinnerte sich Dimitri an die Szene. Er sei völlig verblüfft gewesen und voller Bewunderung, den grossen Charlie Chaplin im Circus zu sehen. Auch verwirrt sei er gewesen und habe die falsche Reihe benutzt, um zu Chaplin zu gelangen. Unter dem Gelächter der Zuschauer musste er den Weg wieder zurück unter die Füsse nehmen. Es sei ein unbeschreibliches Gefühl gewesen, dass Charlie Chaplin ihn gelobt habe und dass er ihm die Hand reichen durfte.

Die gleichen Gefühle hatten auch mich übermannt, als ich Charlie Chaplin auf seinem Gut in Vevey die Hand schütteln durfte. Auch das hatte mit Humor zu tun.

Der Schweizerische Fotoreporter-Verband suchte damals den lustigsten Menschen der Schweiz und kam auf Charlie Chaplin, der kurz zuvor aus Amerika zurückgekommen war. Und so überreichten wir ihm die lächelnde Kamera. An diese Szene musste ich denken, als Dimitri sich vor dem grossen Charlie Chaplin verbeugte und ihm den Blumenstrauss übergab. Später haben wir voller Ehrfurcht über Charlie Chaplin diskutiert.

Zuletzt traf ich Dimitri vor sechs Jahren am Internationalen Filmfestival in Locarno. Er schwärmte von alten Zeiten und wies verschmitzt auf eine Zuschauerin neben ihm hin.

Es war Carla Del Ponte, Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes. Dann zeigte er sein breites Lächeln.

 

Und noch einer von der Redaktion Seniorweb kann sich an Dimitri erinnern. Kollege Fritz Vollenweider:

«Ich erinnere mich, als junger Theater-Berichterstatter an einer Medienkonferenz teilgenommen zu haben, in welcher eine gewisse Frau Müller ihren Sohn, den jungen Dimitri, anlässlich eines Gastspiels im damaligen Ateliertheater Bern der Öffentlichkeit vorstellte.»

Ja, Müller hiess Dimitri eigentlich. Dimitri verbrachte seine Kindheit in Ascona im Kanton Tessin. Sein Vater war der Bildhauer und Architekt Werner Jakob Müller, seine Mutter Maja war Kunsthandwerkerin; durch die Eltern begegnete er der Anthroposophie. Als er im Alter von sieben Jahren den Schweizer Clown Andreff im Circus Knie erlebte, entschloss er sich, auch Clown zu werden. Nach zehn Schuljahren im Tessin und in Zürich absolvierte er eine Töpferlehre in Zollikofen bei Bern. In dieser Zeit nahm er bereits Unterricht in Schauspiel, Musik, Ballett und Akrobatik. Er spielte erste komische Rollen an Studentenbühnen und schuf erste kurze Clown- und Pantomime-Nummern.

Nach Abschluss der dreijährigen Lehre zog er 1954 nach Aix-en-Provence und 1955 weiter nach Paris; dort studierte er Pantomime, Akrobatik und  Seiltanz bei Zirkusartisten und lernte Gitarre bei Flamenco-Spielern. Es folgte ein kurzer Aufenthalt in Schweden, wo er als Töpfer arbeitete und gleichzeitig Kurse bei einem Kunstturner besuchte.

1970, 1973 und 1979 war er mit dem Circus Knie unterwegs. Tourneen führten ihn durch Europa, Nord- und Südamerika, China, Japan und Australien.

Zurück im Tessin, gründete er im Jahre 1975 die Schauspielschule Scuola Teatro Dimitri, wo tausende junger Künstler ausgebildet wurden.

Wir werden Dimitri nie vergessen.

Fotos: Josef Ritler

Links:
Dimitri bei Aeschbacher 
Dimitri Trailer
Dimitri mit Familie
Blick über den Tod von Dimitri

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