FrontGesellschaftDie 1. August-Feier auf dem Rütli

Die 1. August-Feier auf dem Rütli

Gegensätze auf dem Rütli: Lukas Niederberger will einen neuen Text für die Landeshymne. Carla del Ponte verrät Seniorweb: „Ich hoffe, dass die Schweiz bleibt wie vor 100 Jahren.“

Über 1400 Personen pilgerten am 1. August aufs symbolträchtige Rütli, um den 725. Geburtstag unserer Eidgenossenschaft und die 150 jährige Gastorganisation, das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) zu feiern.

Ich wählte im Rahmen der Serie „Sommerwelten“ von Seniorweb, in der wir Redaktionsmitglieder über persönliche Sommereindrücke und -erlebnisse berichten, ebenfalls den Weg aufs Rütli.

1400 Personen kamen aufs Rütli. Erinnerungen kamen hoch

Und so sitze ich auf dem geschichtsträchtigen Rasen und lasse den Gedanken freien Lauf. Hier wurde Geschichte geschrieben, der Rütlischwur, der Rütlirapport am 25. Juli 1940, als General Henri Guisan seine Offiziere zum Rapport antreten liess.

Persönlich in Erinnerung bleibt mir vor allem der Besuch der Queen Elisabeth II am 2. Mai 1980. Sie wurde in Luzern von Bundesrat Georges-André Chevallaz begrüsst. Auf dem Weg aufs Rütli wurde die Presse von Sicherheitsbeamten hinter eine Absperrung dirigiert. Ich wollte jedoch mein Bild an einem Ort machen, von wo der See und Brunnen sichtbar ist. Kurzerhand riss ich das Presseabzeichen vom Kittel und so war ich ein gewöhnlicher Tourist, den man gewähren liess. Als ich das Bild gemacht hatte, kam der neben der Queen laufende Bundesrat Hans Hürlimann zu mir und begrüsste mich persönlich. Auf dem Rütli zeigten Darsteller der Altdorfer Tellspiele die Apfelschuss-Szene.

Später besuchte der König von Jordanien mit der Familie das Rütli, nachdem er sich bei den Flugzeugwerken Pilatus in Stans nach den neusten Fliegern erkundigt hatte.

Weniger rühmlich war die 1. August-Feier im Jahre 2005, als Bundespräsident Samuel Schmid von Rechtsextremen beschimpft und niedergeschrien wurde.

Von diesem Zeitpunkt an konnte das Rütli nur noch mit speziellen Zutrittskarten betreten werden.

Die Besucher kommen

Diese Familie brachte den Mittagstisch mit.

Dieser tanzte aus der Reihe .                       

Inzwischen hat sich die Wiese mit Menschen gefüllt.

Die Prominenz, darunter 100 Botschafter, werden auf einem speziellen Platz verköstigt, geben Interviews und geniessen das Rütli. Angenehm kühl ist der Wind. Die Fahnen flattern, am Hauptmast hat die Fahne vom SRK Mühe, die Schweizer Fahne breitet sich aus. Fast als möchte sie sagen: Hier auf dem Rütli bin ich der Chef.

Die Stimmung ist gelassen. Viele sind etwas früher gekommen, um an den Tischen einen Platz zu ergattern. Die Musikgesellschaft Brunnen eröffnet die Feier. Jean-Daniel Gerber begrüsst die Anwesenden und Annemarie Huber-Hotz, Präsidentin des SRK, preist die grundlegenden Werte des SRK.

Es folgen Fahnenschwinger und der Auftritt des Schweizer Jugendchors. Die Nationalhymne wird in unseren vier Sprachen gesungen.

Und alle warten gespannt auf den Auftritt von Carla der Ponte. Überschwänglich kündigt der Moderator Jean-Daniel Gerber die ehemalige Chefanklägerin in Den Haag an. „Als ich sie fragte, ob sie die 1. Augustrede halten würde, sagte sie sofort nein. Als ich ihr sagte, dass dies auf dem Rütli sei, sagte sie nach einem Tag Bedenkzeit zu», verriet Gerber lachend.

Carla del Ponte fragt Lukas Niederberger: Bin ich dran?

Del Ponte spricht zur Festgemeinde.

Del Ponte ist die erste Person aus dem Tessin, die auf dem Rütli die Festansprache hält.

Sie beginnt auf italienisch: „Wir sind ein kleines Land mit grossen Visionen.» Die Schweiz finde immer eine Lösung, auch trotz der aktuellen, turbulenten weltpolitischen Situation.

Alter oder neuer Schweizerpsalm?

Nun ist es Zeit für den Schweizerpsalm. Alle stehen auf und singen zu den Klängen der Musikgesellschaft Brunnen die Nationalhymne mit dem alten Text. Im Vorfeld der Rütlifeier hat der Versuch von Lukas Niederberger und der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, die Hymne mit einem neuen Text zu versehen, zu Misstönen geführt. Er entstand im Jahre 2014 aus einem Künstlerwettbewerb. Der Beitrag von Werner Widmer wurde von der Fachjury und von mehr als 24’000 Online-Wählern unter den 208 Bewerbern als Sieger erkoren.

 

Als der Schweizer Jugendchor den neuen Text („Weisses Kreuz auf rotem Grund..“) intoniert, bleibt es merkwürdig still. Wohl versuchten einige, den Text nachzusingen, aber selbst die Musikgesellschaft hört nur noch zu.

Viele waren dagegen, einige dafür. Carla del Ponte erklärte später leicht ironisch auf TeleZüri: «Ich muss gestehen, ich kenne den neuen Text, die neue Musik nicht. Ich kenne auch die Worte der aktuellen Nationalhymne nicht, aber ich möchte es niemandem sagen. Sie muss etwas stark sein, also wie die russische, wie die italienische Hymne, die habe ich sehr gerne.“

Auf meine Frage, was sie den älteren Menschen in der Schweiz heute sagen würde, erklärte Del Ponte: “Ich spreche für alle Schweizer. Ich mache einige Reflexionen zur aktuellen Situation. Wie sollten wir uns benehmen gegenüber verschiedenen Gefahren, die uns drohen, nicht nur Terrorismus, Imigration und Korruption? Diese Elemente, die vor der Türe stehen. Ich glaube, wir müssen von der alten Schweiz lernen, wie sie die Lösungen gefunden hat, damals vor 100 Jahren. Damals gab es auch Probleme. Die wichtigsten Elemente der Demokratie sind Kompromiss, Diskussion, Akzeptanz und die verschiedenen Kulturen. Ich hoffe, dass die Schweiz so bleibt wie damals.“

Abschied von Reto Habermacher

Der Urner Polizeikommandant Reto Habermacher

Und da ist noch eine Geschichte am Rande der Feier. 22 Jahren lang war der Polizeikommandant des Kantons Uri Reto Habermacher für die Sicherheit auf dem Rütli verantwortlich. Diese Feier war seine letzte. Er wird Direktor des Schweizerischen Polizei-Institutes in Neuenburg. Sein Vater war beim Bau des Gotthardstrassentunnel dabei. Bei der Eröffnung war Reto Habermacher Polizeikommandant.

Ungewissheit: Alte oder neue Hymne?Mit gemischten Gefühlen verliessen viele das Rütli. „Es wird Jahre dauern, bis die Schweiz die neue Hymne anwendet“, sagte ein bärtiger Bergler.

Fotos: Josef Ritler

Unter dem Titel «Sommerwelten» veröffentlicht die Seniorweb-Redaktion bis Mitte August persönliche Sommereindrücke und -erlebnisse. Jedem Redaktionsmitglied war es freigestellt, ein spezielles Sommerthema auszuwählen.

Links zu bereits erschienenen Beiträgen «Sommerwelten»:

Schmetterlinge im Bauch (Brigitte Poltera)
Surfen (Judith Stamm)
Sommerfarben (Bernadette Reichlin)
Lesen, lesen, lesen . . .  (Joseph Auchter)
Sommerbücher (Fritz Vollenweider)
Mit dem Nachtzug an die Nordsee  (Maja Petzold)

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