FrontKulturLiebelei und Postkartenwelt

Liebelei und Postkartenwelt

„Im weissen Rössl“ im Berner „Kubus“ erleben Katalog-Touristen grosse Romantik: Sommersonne, Berge, Liebe – auch verwirrliche.

Schwer zu definieren, was der Begriff „Operette“ heutzutage bedeutet! Mit der Zeit ist diese Sparte des Musiktheaters zunehmend zwischen die Pole „Revue“ und „Musical“ geraten. Allerdings haben die Zeiten sich auch geändert. Uns Heutigen ist nicht mehr so lebendig vor Augen, was die Welt von Gestern empfunden, wie sie gelebt, gefestet, glitten und geliebt hat. Sieht man sich in der Geschichte der Operette von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die Zeit des Musicals um, gewahrt man, dass die Gattung vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg oft recht schillernde Formen aufweist. Ralph Benatzky (1884-1957) mag mit seinem „Weissen Rössl“ (uraufgeführt 1930 in Berlin) etwa in der Aera der Operettenkomponisten um Franz Léhar stehen, dem rund 14 Jahre Älteren. Dieses Werk war sein grosser Wurf und brachte ihm Ruhm und Reichtum.

Leichte Muse, viel Dialog, lüpfiger Gesang, beschwingte, eingängliche Musik, Elemente der französischen Tanzrevue und des konventionellen Cabarets – so ungefähr könnte man die Operette charakterisieren. Wie aber soll man sie heute aufführen, wenn man nicht eine verstaubt museale Realisation will?

Hier im „Kubus“, dem provisorischen Ersatz-Spielort des in der Endphase des Umbaus befindlichen Stadttheaters Bern, stimmt schon der Übergang von der Wirklichkeit der Strasse zur Wirklichkeit der Bühne in die Welt des „Weissen Rössls“ am Wolfgangsee ein. Weder zeitlich noch örtlich verknüpft, atmet der Foyer-Zeltbau die Idylle einer sonntäglich besuchten Gartenwirtschaft. Der Regisseurin Sabine Hartmannshenn, dem Bühnenbildner Ralph Zeller, der Kostümmeisterin Susana Mendoza (und allen ihren Assistentinnen und Mitarbeitern) gelingt es, mit sparsam hingetupften Akzenten aussagekräftige Tableaus zu schaffen. Hier ein widerspenstiger Lehnstuhl, dort eine aufblasbare Ente als Schwimmhilfe im Bad; hier Badekostüme, dort Dirndl und Lederhosen, ein Fahrrad, lange Wanderdoppelstöcke, und vieles mehr … Die grossflächige, sonnig wirkende Beleuchtung der grotesk-kitschigen Bergkulisse und des drehbaren Gasthaus-Chalets schafft verblüffend echte Stimmung eines Ferienreisekatalogs und der zugehörigen massentouristischen Angebote. Man spürt die über dem Ganzen schwebende Ironie, empfindet sie als gewollt witzig-sarkastisch und doch nicht aufgesetzt.

Diese Ausstattung gehört zum Hintergrund des Spiels und Gesangs auf der Bühne so gut wie alle die kleinen unerwarteten Pseudo-Ausrutscher von der Welt des Bühnenspiels in die Welt der alltäglichen Tatsachen; etwa wenn die Rössl-Wirtin den Schlagzeuger im Orchestergraben zurechtweist, dass es jetzt der Moment nicht sei, ein Znüni zu verzehren oder wenn der Dirigent dem leidend flennenden Zahlkellner Leopold („Zueschau’n kann i ned“) ein Papiertaschentuch reicht… Kleinigkeiten, nicht einmal Kleinkunst, jedoch extemporierend, stimmungsvoll, illustrierend, belustigend. Und mindestens seit Shakespeare hat sich die Bühnenwelt immer wieder solcher Unterhaltungselemente bedient.

Operette ist auch Musik

Hans Christoph Bünger fordert vom Berner Symphonie-Orchester den notwendigen Schwung und die untadelige Präzision. Liegt es an der elektronischen Verstärkung, dass die Dynamik den gewissen operettenhaften Schmelz, den ebenfalls in der Partitur enthaltenen lyrischen Tonfall – neben den schmissigen Ensembles – nur ansatzweise spüren lässt? Es klingen auch die Chöre vor allem im Forte und Fortissimo unnatürlich hart.

Operette ist auch Handlung

Bettina Jensen, Uwe Schönbeck

Für die aufgeführte Berner Fassung zeichnet Xavier Zuber verantwortlich. Ausser dem Berner Marsch werden seine Eingriffe dem Publikum kaum bewusst. Das Schwergewicht der Inszenierung scheint auf der optischen Wirkung zu liegen, vor welcher die kleinen Intrigen und Liebeleien, die theatralischen Irrtümer und Missverständnisse ihre üblichen Pointen feiern. Die Handlung als solche ist ja weit herum bekannt, nicht zuletzt aus der exemplarischen Verfilmung (1960, mit Peter Alexander). Ebenso bekannt sind auch einzelne unsterbliche Soli und Chöre. Daneben entwickelt sich das Geschehen teilweise eher zähflüssig; gegen den Schluss hin empfindet man Längen; szenische straffende Eingriffe hätten steigernd gewirkt.

Über die Darsteller der differenziert gestalteten Rollen lässt sich schmunzeln: Uwe Schönbeck (Fabrikant Wilhelm Gieseke), quengelnd, schimpfend, ausbrechend und schliesslich sich zufrieden mässigend, ist der Gunst des Publikums zu Recht sicher. Als seinen Antipoden könnte man den falschen Kaiser sehen, mindestens an der Premiere. Doppelt falsch, doch mindestens so stadtbekannt wie Uwe Schönbeck: der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Dieser scheint sich allerdings nicht bestens zu fühlen auf den Brettern, die nur zum Teil seine Welt bedeuten. Doch er selbst und das Publikum tragen es mit gelassenem Humor.

Von links: Jospha (Bettina Jensen), Leopold (Arne Lenk)

Das Paar der Protagonisten, Bettina Jensen (Rössl-Wirtin Josepha) und Leopold Brandmeyer (Zahlkellner Leopold) agiert und singt mit grossem Charme und spielt seine Verwirrung und Versöhnung ausdrucksstark. Das zweite Paar, Laura Louisa Lietzmann (Ottilie, Tochter Giesekes) und Arne Lenk (Dr. Siedler, Anwalt), kann erst zusammenfinden, wenn Ottilie ihr etwas aufgesetztes Chargieren aufgibt und Gieseke mit Siedler eine Intrige knüpft, die allerdings sichtlich verschmitzt-perfid umgesetzt wird. Das dritte Paar spielen Mariananda Schempp und Jonathan Loosli, nämlich das verspielte, leicht anrüchige Klärchen (Tochter von Prof. Hinzelmann, gespielt und gesungen von Kai Wegner) und den legendären schönen Sigismund, der es vor lauter sportlichem Gehabe versäumen muss, noch schöner zu wirken. Die übrige Schar der Solo-Darsteller und vor allem auch der Chor als Touristenschar (Leitung: Zsolt Czetner) vervollständigen die Szenerie, die, wie bereits erwähnt, auf ironisch-groteske Weise einen modernen Tourismusbetrieb persiflieren soll. Misst man „Im weissen Rössl“ von diesem Aspekt her, ist die Inszenierung bestens gelungen.

 

Bilder: © Annette Boutellier

Weitere Aufführungen bis 9. Oktober.

Im weissen Rössl

Vorheriger ArtikelGut sein in einer Kleinstadt
Nächster ArtikelChasperlitheater

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel