FrontKulturWohnzimmer, Kneipe oder Ledischiff: Vorlesen geht überall

Wohnzimmer, Kneipe oder Ledischiff: Vorlesen geht überall

Die Buchstabensuppe schwappt über den Tellerrand oder: das Festival «Zürich liest ’16» will über Grenzen gehen

Zum sechsten Mal findet am kommenden Wochenende der von Verlegern und dem Buchhandel gestaltete Event statt, 130 Autorinnen und Autoren, dazu Gesprächsleiterinnen, Musiker und Performer wurden eingeladen die 180 Veranstaltungen mit Leben und Literatur auszufüllen.

Das Fest der Bücher und der Schreibenden hat sich diesmal mit dem Schwerpunktthema „Über die Grenzen“ eine weit offene Interpretationsplattform gewählt: Wenn wir an Grenzüberschreitungen denken, fallen uns zunächst Flüchtlingsströme ein, aber auch in der Poesie werden Grenzen überschritten, oder ganz banal beim Erfinden von Veranstaltungsorten jenseits der Norm.

Lust, eine Lesung auf einem Ledischiff mitzuerleben? Alex Capus oder Arno Camenisch werden‘s richten. Oder ziehen Sie das Urbane vor? Dann wäre eine Tramfahrt mit literarisch kriminalistischem Programm passend. Und wers am liebsten wie zuhause hat, der wird sich für eine der Wohnzimmerlesungen gleich am Donnerstag anmelden.

Alles bereit: Dichter und Gäste können ins Wohnzimmer zur Lesung kommen

Ohne Reservation im Voraus wird manches verwehrt sein: die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass mehr Publikum als Stühle in Buchhandlungen, Theatern, Bars und anderen Literaturclubs auf Zeit vorhanden ist. Das Programm ist so dicht gepackt, dass wir hier ein paar Rosinen für Sie picken. Querbeet und ohne Rücksicht auf allfällige Grenzsteine.

  • S wie Siegerkunst und streiten: Wolfgang Ulrich, scharfer Kritiker des Kunstbetriebs und Autor des Buchs Siegerkunst hält fest, dass Künstler heut nicht frei seien, sondern die Bedürfnisse der Sammler nach Exklusivität und Luxus bedienen. Der Provokation will Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums Winterthur kontern. Passt perfekt zur ebenfalls an diesem Wochenende stattfindenden Messe Kunst Zürich ‘16
  • Ü wie Lesung der Ü-70-Sieger: ausgerechnet im JULL, dem Jungen Literaturlabor gibt es sieben preiswürdige Texte von Seniorinnen und Senioren zu hören.
  • E wie Erotik: Eine sinnlich-literarische Reise führt uns in den Erotikladen Special Moments, wo Alexandra Haas Spezialitäten aus ihrem Buch Speisekarte der Lustspiele auftischt, unterstützt von Sibylle Baumann, die das Spiel gleich in Mundart fortsetzt.
  • B wie Baden gehen in Zürich: Mit Betonung auf Gehen: Zu einem sportlichen Rundgang von den römischen Thermen über das Seebad Utoquai und die Männerbadi bis zum strahlenden, neu renovierten Hallenbad lädt das Sportamt ein.
  • J wie Justizskandal: In Otelfingen verhandelt die szenische Lesung von Michelle Minelli und Peter Höhner einen Kriminalfall aus dem Jahr 1904. Die Verlorene wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte der Frauen.
  • K wie Küche: Christian Schmid, vielen noch von der Schnabelweid bekannt, serviert Geschichten rund um Redensarten aus der Küche, womit er beileibe nicht in Teufels Küche kommt, aber erzählt, was der Spruch auf sich hat.

Cesare Pavese (1908 bis 1950). Foto © Rotpunktverlag, Zürich

  • W wie Widerstand: „Früher diente die Macht den Ideologen, jetzt dienen die Ideologien der Macht,“ sagte Cesare Pavese (1908 bis 1950). Mit einer Lesung von Isabelle Menke und einer Einführung durch Chasper Pult ist Gelegenheit, den grossen Autor wieder zu entdecken.
  • T wie Tatort: Delia Mayer, „unsere“ Tatortkommissarin bringt zusammen mit ihrem kriminaltechnischen Dienst dem dinierenden Publikum im Salon das Gruseln bei: es gibt Songs rund ums Töten von Kurt Weill bis Randy Newman.
  • Z wie Zwicky: Der Autor Dieter Zwicky schreibt ausgefallene Geschichten und ist ein selten begnadeter Vortragskünstler. Er hat zwar ein neues Buch im Handel (Hihi – mein argentinischer Vater), aber leider keine Lesung.

Genug der Häppchen aus dem skurrilen und randständigen Spezialitätenprogramm von Zürich liest. Wenden wir uns dem Mainstream, der grossen Literatur zu. Wer die Autorinnen- und Autorenliste durchgeht, stösst allenthalben auf die bekannten Schreibenden von hier und von ennet der Grenzen: Arnon Grünberg liest aus seinem vielgelobten Roman Muttermale, Martin Walser ist da, Marlene Streeruwitz tritt auf, Raoul Schrott setzt sich mit einem Geologen auseinander, Ruth Schweikert bekommt den Kunstpreis der Stadt Zürich überreicht, Lukas Bärfuss liest, Endo Anakonda plaudert und singt. Zum Schreiben über Grenzen hinweg äussern sich unter anderen Melinda Nadj Abonji und Irena Brežná, und die slowenisch-ungarisch-schweizerische Dichterin Ilma Rakusa hat die rumänisch-schweizerische Autorin Dana Grigorcea zum Dichterduett gebeten. Wann und wo erfahren Sie auf der Homepage von Zürich liest. Am besten programmieren Sie sich Ihr literarisches Fest gleich selber: Hier können Sie nach Herzenslust Frauen und Männer aus der Literaturszene aussuchen, den Leseort finden und notfalls reservieren.

Neue Abenteuer des Holzpferdchens, das schon beliebt war, als Grossmutter ein Kind war

Fehlt noch der Hinweis aufs Fest für lesende Kinder: So will Bruno Hächlers Protagonist Finn eine Band gründen, und das Rösslein Hü, das vor vielen Jahren wegen der Geisterpferde bei mir Albträume auslöste, bekommt seine wohlverdiente Fortsetzung und fährt wieder in die Welt, diesmal von Gockhausen aus.

Wem es zuviel wird, das Event, nicht die Literatur, dem raten wir, sich ins Museum  Strauhof zu begeben und sich bei Gomringer&Gomringer (Vater Eugen und Tochter Nora) neue Energien zu holen.

In den Festivalzentren in Zürich (Zentrum Karl der Grosse) und Winterthur (Casinotheater) gibt es ebenfalls Lesungen sowie einen Stammtisch mit und ohne Autorinnen und Dichtern

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