FrontGesellschaftDer kleinste gemeinsame Nenner

Der kleinste gemeinsame Nenner

Was ist von der Erinnerung an die Geburt Christi geblieben? Die Krippe? Die Christmette? Der Geschenkerummel? Das familiäre Schlemmen? Es ist vor allem der Weihnachtsbaum.

Es ist doch eigenartig: Christlichem Gedankengut begegnen wir misstrauisch, stellen es in die Frömmlerecke oder in die religiöse Fundi-Szene, und die Präambel unserer Bundesverfassung „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ möchten viele am liebsten tilgen. Und wer das „C“ als humanistischen Wert im politischen Umfeld in Erinnerung ruft, wird gleich des „christlichen Totalitarismus“ (Zitat Christian Levrat) bezichtigt.

An katholischen Feiertagen wie Allerheiligen oder am 8. Dezember werden Zürichs Strassen von Innerschweizer Autonummern geflutet, weil vor- und adventliches Shopping den Kirchgang mehr und mehr überflüssig macht. Wir schenken, was das Zeug und das Portemonnaie auszuhalten vermag. Wir schenken uns alles, nur keine Stille, aber „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen wir dann doch aus voller Kehle, und der Glanz der Weihnachtskerzen spiegelt sich wundersam in unseren kindlich gebliebenen Herzen.

Nun, die Sehnsucht nach einem kleinen Zipfel Geborgenheit, nach mitmenschlicher Wärme, nach Friedfertigkeit und Einkehr bedarf keiner religiösen Symbole und keiner Bibelfestigkeit. Aber die Dunkelheit ruft nach Licht, und wer könnte dieses züngelnde Kerzenlicht oder die Led-Lichterketten stimmiger zum Strahlen bringen als der gute alte Tannenbaum.

Seit wann geschmückte Bäume konnotiert sind, ist historisch nicht belegt. Doch schon die Römer bekränzten ihre Häuser zum Jahreswechsel mit Lorbeerzweigen, und aus dem Mittelalter sind die Bräuche verbrieft, die Maibäume oder Richtbäume festlich zu schmücken.

Der Lichterbaum beim Baur au Lac am Zürichsee

Zu Ehren von Adam und Eva wurden früher in den Kirchen an deren Gedenktag, dem 24. Dezember, «Paradiesspiele» aufgeführt. Und der Paradiesbaum wurde als Zeichen des Sündenfalls und der befreienden Erkenntnis mit Äpfeln behängt.Die älteste schriftliche Erwähnung eines Weihnachtsbaums datiert übrigens erst aus dem Jahre 1527.

Widerspruch hin und Säkularisierung her, der Baum aller Bäume fasziniert uns Jahr für Jahr. Die Erinnerungen an unsere Kindheit sind so stark, dass jeder Gedanke an Kitsch, an scheinbar überholte Traditionen, an leere Kirchen und an die Geschäftemacherei obsolet werden. Das nachfolgende Gedicht ist zwar von Unbekannt, aber es spricht uns bekanntermassen aus dem Herzen – und das wird wohl immer so bleiben.

 

Der Weihnachtsbaum

Strahlend, wie ein schöner Traum,

steht vor uns der Weihnachtsbaum.

Seht nur, wie sich goldenes Licht

auf den zarten Kugeln bricht.

“Frohe Weihnacht” klingt es leise

und ein Stern geht auf die Reise.

Leuchtet hell vom Himmelszelt –

hinunter auf die ganze Welt.

 

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