FrontKulturCarnevale di Venezia - nicht von dieser Welt

Carnevale di Venezia – nicht von dieser Welt

Es gibt unzählige Inspirationen und Liebesschwüre zu Venedig, dieser Perle der Kanäle und Wasserstrassen, aber die jährlichen zehn Tage Karneval verdienen in der Tat höchste Elogen.

Das geflügelte Wort „einmal Neapel sehen und sterben“ dürfte Venedig genau so in Anspruch nehmen – nicht nur der Novelle Thomas Manns wegen, wo sich  der alternde Schriftsteller Aschenbach in der berühmten Novelle „Der Tod in Venedig“ mit einem letzten Liebestraum von dieser Welt verabschiedet. Auch im ewigen Duell zwischen Paris und Venedig um das Primat „Stadt der Liebe“ fällt vielen Venedig-Liebhabern die Wahl leicht, und selbst Verona muss sich im Andenken an Romeo und Julia mit dem Attribut „Stadt der Liebenden“ begnügen.

Verträumtes Paar und verträumte Kulisse vor der Piazza San Marco

Sei’s drum, doch was taugen all die Superlative, wenn einen der „Carnevale di Venezia“ erst einmal gefangen nimmt? Im Gegensatz zu den eher schrillen und deftigen Fasnachtsbräuchen nördlich der Alpen mit ihren Guggenmusiken, Schnitzelbänken und Schunkeleien  à la „Mainz bleibt Mainz“, zeigt sich Venedig ganz von der stillen Seite. Die barocke Pracht der Gewänder, ihren erlesenen Stoffen, Masken und Accessoires passt wunderbar in die Kulissen der „Serenissima“, wie die Hauptstadt Veneziens auch genannt wird. Eleganz und Grandezza zeichnen die meisten Figuren aus, nichts Anrüchiges oder Derbes verdirbt die Laune. Wer die italienische Mode liebt, weiss auch den Carnevale zu schätzen. Nichts als Musse zeichnet ihn aus, jede Maske lässt sich in ihrer leicht narzisstischen Verstiegenheit so lange fotografieren, wie es den passionierten Bild-Fetischisten gefällt. Selfie-Mania könnte man das Spektakel auch nennen, doch seltsamerweise überwiegt die Faszination der Augenweide den Gram über voreilige Touristen. Und wenn sich wie dieses Jahr der Nebelschleier über die Lagunenstadt legt und alles in ein milchiges Weiss taucht, gewinnt das Spiel der Farben und exaltierten Bewegungen eine traumwandlerische Dimension – nicht von dieser Welt.

Geheimnisvolle Schöne – Blick aus der Seele der Stille 

Erstmals Erwähnung findet der Karneval in einer Dogen-Chronik anno 1094. Er soll zu Lebzeiten Casanovas im 18. Jahrhundert seine Blütezeit entfaltet haben, erlebte dann aber ab 1797 den wirtschaftlichen Niedergang, als Napoléon der Stadt ihre Selbständigkeit entzog. Als Venedig 1867 dem Königreich Italien angegliedert wurde, feierten die Festumzüge durch private Betreiber ihre Renaissance. Fellinis Film „Casanova“ bescherte dann 1976 den Grosserfolg, der Venedig darauf hin mehr und mehr zur Touristenattraktion werden liess. Damit gelangten auch die Figuren der Commedia dell’arte und die Komödien Goldonis wieder vermehrt auf die Bühnenbretter und erleben im Carnevale alljährlich ihre beschwingte Wiederauferstehung.


wundersame Vertrautheit von Maske zu Maske

Wer glaubt, die Touristenströme würden einem die Stille rauben und den Blick aufs Wesentliche  verstellen, ist angenehm überrascht, denn viele warten halt doch die wärmeren Ostertage ab, bis dann Venedig bis in den Herbst nur noch in Nebengässchen seinen ganzen Charme entfalten kann.

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