FrontKulturÜberleben im Smog der Gesellschaft

Überleben im Smog der Gesellschaft

Wie Menschen den Smog Teherans und den Umbruch der Gesellschaft überleben, zeigt Behnam Behzadi im Film «Inversion» in einer eindrücklichen Geschichte.

Niloofar, Mitte dreissig, lebt zusammen mit ihrer chronisch asthmakranken Mutter Mahin in einem Apartment in Teheran. Dort leitet sie erfolgreich die Schneiderei ihres verstorbenen Vaters. Seit einigen Wochen trifft sie sich mit ihrem Jugendfreund Soheil, der erst kürzlich in die Stadt zurückgekehrt ist. Zwischen ihnen entwickelt sich, mit Komplikationen, eine zarte Liebe. Sie führt ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Doch die Freiheit scheint ein jähes Ende zu nehmen, als die Ärzte ihrer Mutter raten, so rasch wie möglich in den Norden zu ziehen, weil sie zunehmend unter dem Smog der Stadt leidet. Niloofars älteren Geschwister treffen über ihren Kopf hinweg weitreichende Entscheide: Als jüngste Tochter soll sie ihre Mutter in die Provinz begleiten und dort pflegen. Der Bruder löst das Geschäft des Vaters auf, die Schwester beginnt mit der Organisation des Umzugs. Alle Koffer sind gepackt. Niloofar steht vor vollendeten Tatsachen. Doch statt sich einfach klaglos ihrem Schicksal zu beugen, beschliesst sie, selber für sich zu entscheiden, versucht sie eine Umkehr, eine Inversion.

Meteorologisch bezeichnet «Inversion» eine Wetterlage, welche die Abstrahlung der schlechten Luft verunmöglicht. Im Film bedeutet es die Umkehrung im Leben von Niloofar, einer jungen Frau im heutigen Iran, die sich von den hochgesteckten Erwartungen und falschen Illusionen emanzipieren muss.

Niloofar und ihr Bruder Farhad

Anmerkungen des Regisseurs Behnam Behzadi – und Kommentare dazu

«Teheran ist eine der am stärksten verschmutzten Städte der Welt, und die Belastung erreicht ihren Höhepunkt an Tagen, an denen Inversionswetterlage herrscht. An solchen Tagen wird die Situation kritisch und es bereitet vielen Menschen Atemprobleme. Die Luftverschmutzung wird nur an solchen Tagen bewusst wahrgenommen; ein paar Tage später ist sie vergessen. Wir haben uns daran gewöhnt. Denn wenn man in dieser Stadt arbeitet oder lebt oder sie aus irgendeinem Grund mag, hat man keine andere Wahl. Wir haben uns daran gewöhnt, keine Wahl zu haben.» Der Regisseur Behnam Behzadi, Schöpfer von mehr als zwanzig Kurz-, Dokumentar-, Fernseh- und Spielfilmen, konzentrierte sich, wie gute Regisseure meistens, auf seine vertraute Welt: auf Teheran und dort auf eine Familie. Doch gilt seine Geschichte auch für andere Regionen und Völker. Die ganze globalisierte Welt stösst an die Grenzen des ökologischen und ökonomischen Überlebens. Doch eingebunden in Alltagsstress verdrängen und vergessen auch wir die weltweiten Probleme.

«Niloofar in meiner Geschichte ist einer der vielen Menschen in dieser Stadt; jemand, der noch nie das Recht oder die Chance hatte zu wählen. Sie ist daran gewöhnt, sie nicht zu haben. Sie benötigt die Inversion, um sich und andere daran zu erinnern, dass sie ein Recht zur Wahl hat.» In vielen Ländern haben die Menschen kein Recht zu wählen und abzustimmen. Sie gewöhnen sich daran, ohne dieses Privileg zu leben. Und wir? Wir haben zwar das Privileg. Doch wurde das demokratische Recht durch den wild gewordenen Kapitalismus seiner menschlichen Werte beraubt und pervertiert. In diesem Sinn gilt der Film auch für uns.

Das Liebespaar Niloofar und Soheil

Die Familie als Abbild der Gesellschaft

Behnam Behzadi: «Die iranische Gesellschaft befindet sich auf einem schwierigen, kurvenreichen Weg zwischen Tradition und Moderne. Sie versucht dies zu überwinden, aber bleibt hartnäckig in dieser Dualität. Als die kleinste Einheit der Gesellschaft kann die Familie das Modell einer Gesellschaft mit all ihren Eigenschaften sein. Ich habe mich immer gefragt, ob das, was in unseren familiären Beziehungen und zwischen uns individuell vor sich geht, die Reproduktion dessen ist, was in einem grösseren Modell in der Gesellschaft vor sich geht. Die Modelle sind sehr ähnlich. Allerdings ist die neue Generation der Iraner, vor allem die iranischen Frauen, in einem ständigen Bemühen, ihren Status und ihre Rolle zu verändern und über den gewohnten Rahmen hinauszugehen.» Jede Gesellschaft der modernen, globalisierten Welt, auch die unsere, befindet sich auf diesem Weg zwischen Tradition und Moderne. Dies schafft für die Menschen schwierige Entscheidungen: ein Entweder-oder und im schlimmsten Fall ein Weder-noch. Auch solches ist im persischen Film für uns abzulesen.

Niloofar, engagiert für ihre kranke Mutter

«Bitte, bitte, bitte, lasst uns sprechen» – ein persönliches Weiterdenken

«Inversion» bildet, in meinen Augen, das ganze Leben ab. Der Film zeichnet sich, eindrücklich gespielt, vor allem von Sahar Dolatshahi als Niloofar, präzise inszeniert und reich an Themen und deren gelungener formaler Umsetzung, für mich durch eine besondere Dimension aus, die mehr ist als nur die Emanzipation einer Frau und den Umbruch in einer Familie. Der Film funktioniert innerhalb der klassischen Tradition des persischen Films, die man schon als «klammheimliche Spannung des Alltäglichen» beschrieben hat. Hier aber wird auffällig viel gesprochen, in wunderbaren, zärtlichen, aber auch in aggressiven, streitbaren Dialogen. Diese Gespräche umfassen alle Bereiche des Lebens: das Glück und das Unglück, den Erfolg und den Misserfolg, das Scheitern und das Gelingen.

Das Leben in diesem Film entsteht aus dem Gespräch. «Bitte, bitte, bitte, lasst uns sprechen», heisst es in einem SMS, das Niloofar von ihrem Freund erhalten hat, was den Ernst und die Dringlichkeit andeutet. Im ganzen Werk kommt es mir vor, als ob die Gespräche, die Worte und die Antworten, auch in Form von Telefonaten und SMS, so etwas wie ein Netz bilden, in dem Leben entsteht und getragen ist. «Inversion» erinnert mich in seiner Ganzheit an das Denken des jüdischen Philosoph Martin Buber, bei dem es in seinem Hauptwerk heisst: «Der Mensch wird am Du zum Ich.»

Zusätzlich scheint mir der Film gerade heute wichtig, weil er zeigt, dass im Iran Menschen wie du und ich leben. Dass das Land zwar im Umbruch ist, auf dem Weg zu mehr Freiheit und Offenheit, auch wenn das Patriarchat und die Religion immer noch die Oberhand haben. Dass die von einigen Politikern verbreitete Beschreibung Irans als «Terrorstaat» das Land in keiner Weise abbildet.

Titelbild: Niloofar, eine grossartige Sahar Dolatshahi

Regie: Behnam Behzadi, Produktion: 2016, Länge, 84 min, Verleih: Cineworx

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