Gesellschaft

Wenn die Worte fehlen

Weg von der digitalen Kopfwelt, zurück zur verinnerlichten Kommunikation mit Herz und Seele.

Wie oft kommt es vor, dass man mit seinen Worten das Gegenüber nicht erreicht! Man spürt es: Ich bin nicht angekommen! Und wie oft fühle ich mich selbst vom Gegenüber missverstanden. Sind seine Gedanken anderswo? Haben ihn meine Worte, weil unsorgfältig ausgewählt, verfehlt?

«Wenn die Worte fehlen», ist der erste Satz des Titels eines Buches, das – so könnte man es zusammenfassend bezeichnen – zweierlei beabsichtigt. Es regt vorab dazu an, von der teilweise kopflastigen Allerweltssprache wegzukommen, sich ins eigene Innere zu blicken und dort Wörter einer Sprache zu finden, die aus der eigenen Seele kommt. Wörter, deren Wahrhaftigkeit für Gesprächspartner fühlbar wird, weil sie nicht dem vorwiegend üblichen Klischee-Sprachgebrauch entsprechen. Doch ebenso soll andererseits das Gespür des Empfängers einer Rede sensibilisiert werden. Auch der Hörer wird nur das Beste aus demverstehen können, was der Sprechende mitteilt, wenn seine Sinne, sein Geist, seine Seele und sein Herz in der richtigen Tonart gestimmt sind

 Angelika U. Reutter, Bild © Felix Ghezzi

Geschrieben hat das Buch die Psychoenergie-Therapeutin Angelika U. Reutter in Küsnacht ZH. Als erfahrene Psychologin und Frau gelingt es ihr sehr gut, über das rein Technisch-Wissenschaftliche hinaus ihre Leserinnen und Leser zu berühren. Liest man aufmerksam, stellen sich schon spontan erste Erlebnisse und Erkenntnisse ein. Deshalb spricht das Buch auch unmittelbar an.

«Die Sprache ist atemlos geworden, Buchstabengespenster verfolgen uns auf Schritt und Tritt.» Das ist einer der Ausgangspunkte der Autorin. Ein anderer: «Die Sprache enthält nicht nur Worte, um sachlich zu kommunizieren, sondern sie dient auch unserem Selbstverständnis und unserem Schutz.» Und, in umgekehrter Richtung sozusagen: «Die grössten Missverständnisse entstehen nicht aus den Worten selbst oder aus der mangelnden Ausdrucksfähigkeit des Sprechenden, sondern aus der innerlichen Abwesenheit des Angesprochenen.» (Die in Anführungszeichen gesetzten Zitate sind hier nicht alle wörtlich wiedergegeben.)

Das Ambivalente im Titel mag richtig zu faszinieren: Wenn die Worte fehlen; das heisst, wenn ich sie nicht finde – oder auch, wenn sie nicht treffen, ohr Ziel nicht erreichen!

Mit dem Begriff der Seelensprache meint die Autorin nicht eine verweichlichte, kitschig-emotional süss fliessende Sprache mit ungenauen, pseudo-esoterischen Begriffen. Allerdings schreibt sie: «Die Seelensprache ist eine empathische Sprache, die sich liebevoll, akzeptierend, verständnisvoll, begleitend, umhüllend ausdrückt.» Deshalb hält sie diese Art von Kommunikation besonders geeignet im Umgang mit Angehörigen, die unter Alzheimer-Demenz leiden. Wenn das zu einer einseitigen Katalogisierung des Werks als ein weiteres Exemplar der umfangreichen Alzheimerpflege-Literatur führen würde, wäre das dem ernsthaften und weit gefächerten Bemühen um eine menschenwürdigere Kommunikation als heutzutage üblich unangemessen. «Es ist bereichernd, sich von vorgefassten und diffusen Meinungen zu befreien und die Stimme des eigenen Herzens zu befragen», steht im Buch. Auch sachlich denkende und von Fakten gelenkte Frauen und Männer vergeben sich nichts, wenn sie sich um eine kommunikative Sprache bemühen, die das Gespür anregt und manches Mitgemeinte durch Tonfall oder nonverbale Elemente mitschwingen lässt.

Angelika Reutter entwickelt in ihrem Buch ein ABC der Seelensprache. Am meisten beeindrucken die Ausführungen zu A – Achtsamkeit, Akzeptanz, G – Gelassenheit, U – Und («…die Mitte, das dritte Element, das aus dem Kampf der Polaritäten erlöst.»)

Die Autorin zeigt auch Übungen zu den sieben wichtigsten Begriffen dieses Alphabets. Zugegeben, diese fordern eine nicht allseits verbreitete Konzentration und Versenkung. Ist man nicht an Meditieren oder ähnliche therapeutische Massnahmen gewohnt, wird das Üben nicht unbedingt auf Anhieb leichtfallen. Das Ergebnis jedoch ist verblüffend stark.

Kein Buch einfach so zum aufmerksam durchlesen liegt vor. Es ist ein Buch, um im ABC zu blättern und sich in das eine oder andere zu versenken. Ein meditatives Buch, ähnlich dem früher gebräuchlichen Stundenbuch, gelegt in die Hände von Menschen, damit sie Hilfe haben, wenn sie an sich selber arbeiten möchten, um eine Kommunikationsweise zu entwickeln, die auch Raum lässt für die Ober-, Unter- und Zwischentöne der Seele.

ISBN 978-3-95803-094-7

SCORPIO Verlag, München 2017.
www.angelikareutter.ch