FrontKulturGrossmeister der perkussiven Klangwelt

Grossmeister der perkussiven Klangwelt

Pierre Favre hat das Schlagzeug vom Taktgeber zum klingenden Musikinstrument gemacht.

Achtzig ist er geworden, am 20. Juni bekam er, produziert von Armin Brunner im Theater Rigiblick das grosse Fest Mythos Trommel ausgerichtet, mit einer Laudatio von Jazz-Professor Peter Rüedi, mit einer Chronik von Brunner, welche die beiden Schauspieler Helmut Vogel und Graziella Rossi vortragen, und für die Fangemeinde nicht weniger wichtig: Pierre Favre hat auch gespielt. „Ich hoffe, nicht zu wenig,“ sagte er bei meinem Besuch in Uster kurz davor.

Pierre Favre vor seinem Spiel-Zeug. Foto: ZVG

Schon vom Gehweg her höre ich rhythmische Klänge, dann sieht er mich kommen, bricht sein Spiel auf einer Trommel zwischen seinen Knien ab (ich vergass zu fragen, wie das Instrument korrekt heisst), um mich zu begrüssen. Ja, sagt er, er übe noch jeden Tag, meist um drei Uhr früh. Dafür gibt es in dem Haus einen Keller, sein Paradies, wo er mit seinen Perkussionsinstrumenten, einer unübersehbaren Vielfalt von Becken, Tambourinen, Gongs, Hölzern, Glocken, Rasseln und Schellen aus aller Welt und natürlich auch Trommeln sowie einer Unzahl von Sticks – „normale“, Stahlstricknadeln, Kochlöffel und was sich zum schlagen oder streicheln eignet, immer neue Klänge und Geräusche probiert. Mit 80 sei er handwerklich besser als früher, ist er überzeugt, einerseits weil er nie aufhörte zu üben und Neues zu erfinden, anderseits weil seine Erfahrung mitspielt: „Ich brauche die Konstitution eines 20jährigen mit dem Können eines 80jährigen.“

Ein Anflug von Enttäuschung ist ihm anzumerken, wenn er erklärt, warum die heutigen Veranstalter junge Musiker oft vorzögen mit dem Argument, die alten hätten genug verdient. Als freier Künstler steht man im Grunde immer vor dem finanziellen Abgrund, selbst wenn man eine Minimalrente der AHV bekommt. Aber es geht ihm weniger ums Geld, als um die mangelnde Anerkennung, die Vorurteile gegen den alten Mann, die er zu spüren bekommt. Umso grösser ist seine Freude, wenn er vor Schulklassen auftreten kann, sie haben noch keine Clichés im Kopf und keine Vorurteile, wie manche Veranstalter. «Ich bin selber ein Kind geblieben,» fügt er bei, jedenfalls eins, dem die Freiheit der Phantasie nicht abhanden gekommen ist.

Pierre Favre macht weiter, ist daran, neue Projekte zu entwickeln. Mit der Sängerin Alessandra Patrucco, mit dem Komponisten und Cellisten Alfred Zimmerlin und mit dem Sänger und Perkussionisten Pascal Auberson. „Ein Star könnte sich das nicht erlauben,“ sagt er, der müsse tun, was sein Management sage. Aber für Favre war die Freiheit, selbst zu entscheiden, zu wichtig. Knapp schrammte er an einer Star- oder auch lukrativen Studiokarriere vorbei: Damals, als er 1974 beim Berliner Jazz-Festival in der Philharmonie vor grossem Publikum solo auftrat, folgte eine internationale Tournee und die Anfrage, ob er nicht mit Eric Clapton arbeiten möchte. Er verzichtete, so wie er Chick Coreas Angebot, sein Drummer zu werden, absagte – immer um der Freiheit willen. Zufrieden mit sich sagt er: „Ich schaffte es, nicht in die Wurstmaschine zu kommen.“ Gemeint ist der Musikbetrieb, der Talente hochjubelt, ausquetscht und entweder zur Marke stilisiert oder fallen lässt.

Pierre Favre war einer der ersten Schlagzeuger, die aus den Drums als Rhythmusmaschine und Taktgeber eines Orchesters oder einer Combo ein eigenständiges Musikinstrument entwickelte. Die ersten Solokonzerte damals in den 70er Jahren eröffneten eine Klangwelt, die bis dahin nicht vorstellbar war, es waren Reisen in fremde Ethnien, aber zugleich auch Experimente in Neuer Musik, Tüfteln in Klangfeldern. Schon lange sieht er sich nicht mehr als Jazz-Schlagzeuger, denn wenn es schnell gehen müsse und sehr laut zu sein habe, habe er nichts zu sagen, will heissen, dann kann er keine Geschichte erzählen, keine musikalische Vision entwickeln und weitergeben. Umso mehr hat und hatte er weiterzugeben, fast jeder jüngere Schlagzeuger, nicht nur seine Schüler, ist von ihm inspiriert, das gilt für Fredy Studer ebenso wie für Peter Conradin Zumthor. Was er als Pionier vor Jahrzehnten säte, ist noch immer fruchtbar.

Die Freude an seinem Instrument ist geblieben, Pierre Favre lebt im Hier und Heute. Photo: ZVG

In Le Locle geboren und aufgewachsen, dachte Pierre Favre nicht daran, Musiker zu werden, obwohl er jederzeit  mit den Fingern oder Gegenständen am Trommeln war. Sein Bruder, Akkordeonist auf Tanzveranstaltungen, brauchte eines Tages eben einen Schlagzeuger, damit war Pierres weiterer Weg vorgezeichnet. Weder konnte er Noten lesen, noch hatte er eine fundierte Ausbildung, aber bald kamen Anfragen von Amateur-Jazzorchestern. Sein Talent, oder darf man auch Genie sagen? brachte ihn schnell voran: Zunächst ins Unterhaltungsorchester Beromünster und bald darauf zu Max Greger nach München. Der Brotjob ermöglichte aber auch, nebenbei mit Jazzmusikern wie Chet Baker oder George Gruntz und Franco Ambrosetti aufzutreten. Als Avantgarde-Drummer hatt er auch eine heftige Free Jazz Phase, die er in der Rückschau als Therapie benennt; vielleichthabe er das damals gebraucht.

Gern erinnere ich mich an die Auftritte mit Irène Schweizer in den 60er Jahren, als ich statt fürs Studium zu lernen, fast allabendlich ins Atlantis eilte. Aber dieser Free Jazz war anders als die wilden, dissonanten Schreikaskaden ohne Form oder gar Swing, die einen bestenfalls ähnlich wie Drogen auf einen Trip brachten. Weder Irène Schweizer noch Pierre Favre wollten Musik dissonant zertrümmern, sie verbindet bis heute das Suchen nach Klangfeldern, denen eine Geschichte innewohnt. Eine CD von Schweizer und Favre ist 2013 bei Intakt erschienen. Soloaufnahmen von Pierre Favre sind ebenfalls zu haben, genaueres ist auf der Homepage pierrefavre.ch zu erfahren. Wer gern mal mit ihm arbeiten möchte, kann es in einem Workshop versuchen.

Teaserbild: Pierre Favre. Foto: © Thomas Cugini
Wer im Rigiblick Zürich nicht dabei sein konnte, bekommt eine neue Chance, beispielsweise am 22. September 2017 um 20.30 Uhr in der Kammgarn Schaffhausen:
MYTHOS TROMMEL-Pierre Favre,Graziella Rossi&Helmut VogelFlyer.pdf

Vorheriger ArtikelEin Leben als Zentaur
Nächster ArtikelDer wirkliche Feind der Juden

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel