FrontKulturZum Saisonstart Brecht ganz modern

Zum Saisonstart Brecht ganz modern

Amüsanter und witziger Auftakt: Das Zürcher Schauspielhaus eröffnet die neue Theatersaison mit Bertolt Brechts «Die Dreigroschenoper»

Huren, Bettler und Ganoven bilden das Personal, mit dem Bertolt Brecht und Kurt Weil 1928 ihren Welterfolg «Die Dreigroschenoper» ausgestattet haben. Die Moritat von Mackie Messer, das Lied von der Seeräuberjenny oder die Zuhälterballade sind heute Evergreens – die Frage nach dem Wert des Menschen stellt sich immer wieder neu. Die Regisseurin Tina Lanik eröffnet mit Brechts Bild eines Grossstadtmolochs die Spielzeit 2017/18 am Zürcher Schauspielhaus, erzählt von Menschen, die die Klaviatur der Korruption beherrschen und in ihrem Überlebenskampf mitunter über Leichen gehen.

Doppelmoral des Bürgertums im Visier

Das Stück spielt im berüchtigten Londoner Stadtteil Soho im 18. Jahrhundert. Der Herrscher dieser Welt ist der Bandit Macheath, genannt Mackie Messer, der sich ganz dem dunklen Crime-Business von Raub und Mord verschrieben hat und seine Zeit am liebsten im Bordell verbringt. Sein Gegenspieler, der Bettlerkönig Peachum, macht satte Gewinne mit der Armut, indem er dunkle Bettlergestalten für sich betteln lässt, und der Polizeichef Brown spielt bei all dem mit. Als Peachums Tochter Polly unerlaubt Mackie heiratet, kommt es zum Duell zwischen den beiden, der für Mackie am Galgen endet. Im letzten Moment trifft ein reitender Bote der Königin ein, die Mackie begnadigt, denn es ist der Tag ihrer Krönung.

Rolltreppe als Metapher für Oben und Unten (von links): Klaus Brömmelmeier als Bettlerkönig Peachum, Elsa Plüss als Tochter Polly und Isabelle Menke als Peachums Ehefrau.

Brechts «Die Dreigroschenoper» ist eine zynische Satire auf die Doppelmoral des Bürgertums in Zeiten des Kapitalismus. Dessen Aktualität ist bis heute ungebrochen. Doch von beklemmender Aktualität ist in der Zürcher Inszenierung auf der Pfauenbühne wenig zu spüren. Komödiantische Kompetenz überwiegt, gepaart mit viel Klamauk. Die Akteure, vorab Mackies Ganoven, agieren zumeist ballettös und clownesk. Das menschliche Elend wird karikiert, wohl um das wirkliche Elend des Kapitalismus zu entlarven. Die Sprech- und Liedtexte werden im süffig persiflierten Brecht-Original-Sound vorgetragen. Bedauerlich ist nur, dass einzelne vorgetragene Liedtexte die für den Zuschauer erforderliche Verständlichkeit vermissen lassen.

Eine Rolltreppe als Metapher für Auf- und Abstieg

Gespielt wird auf einer Drehbühne, ausstaffiert mit einem Vorhang und einer Rolltreppe in der Bühnenmitte, die ins Nichts führt (Bühnenbild: Bettina Meyer). Oben auf der Rolltreppe herrscht Peachum mit Frau und Tochter Polly, darunter Mackie mit seinen Ganoven und Huren. Zelebriert wird ein Auf und Ab auf der Rolltreppe mit akrobatischen Einlagen. Die Rolltreppe als Metapher für Auf- und Abstieg, ein gelungener Einfall, der der Inszenierung einen pittoresken Drive verpasst. Eingestreut sind mehrere witzige Momente, so die rührige und zugleich groteske Heiratsszene mit tollpatschigen Ganoven unter der Rolltreppe oder der forsche Auftritt von Lucy, der Tochter des Polizeichefs Brown, die wie eine grosse Diva die Hände gen Himmel streckt und «Eifersucht» stöhnt. So gewinnt der Abend eine wunderbare Leichtigkeit.

Das Ensemble in karikierter Aufmachung vor dem Vorhang. (Fotos: Matthias Horn) 

Grossartig ist die zehnköpfige, im Zuschauerraum vor der Bühne platzierte Musikband unter der Leitung von Paulina Lapkovskaja, die das Geschehen mit ausbalanciertem Klang und virtuosen Einzelleistungen begleitet. Glänzend ist die Schauspieler- und Ensembleleistung. Allen voran Jirka Zett als Macheath alias Mackie Messer. Grandios, wie er das infantile Machotum mit hochfahrender Larmoyanz verkörpert. Klaus Brömmelmeier spielt den zynischen Bettlerkönig Peachum berechnend kalt und arrogant, der die Regeln des Marktes definiert und das Elend der Menschen zur Ware erklärt. Die wahren «Kraftkerle» des Abends sind die Frauen (Isabelle Menke als Peachums Ehefrau, Elisa Plüss als Peachums Tochter Polly, Miriam Maertens als Browns Tochter Lucy und Julia Kreusch als Hure Jenny). Sie demonstrieren – bei aller Begeisterung und Schwäche für Mackie Messer – mit ihren erfrischenden Auftritten den Kult der Stärke, der hinter Brechts Engagement für die Schwachen lauert.

Alles in allem, Tina Lanek hat «Die Dreigroschenoper» mit ironischem Zugriff auf die Bühne gebracht und gezeigt, dass man Brechts Kapitalkritik – bei allem Vorbehalt – auch heute noch spielen kann. Dafür gabs am Premierenabend starken Applaus.

Weitere Spieldaten: 18., 22., 25. September, 7., 14., 19., 22., 25. Oktober, 4. November

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