FrontKulturVierhundert aus Elfhundert

Vierhundert aus Elfhundert

Der Laienchor beim Eröffnungsfest des Opernhauses begeisterte Mitsingende und Publikum im Haus und davor gleichermassen

Es bleibt eine ganz besondere Erinnerung, das Singen in einem riesigen Chor: Da stehen wir, 400 Sänger und Sängerinnen, alle im T-Shirt entweder in Orangerot oder Türkisblau mit der Aufschrift All together, und werden vom Lampenfieber erfasst, als der eiserne Vorhang hochgeht und die vollen Ränge vor uns sichtbar werden. Offen6, wie die sechste Ausgabe des Eröffnungsfests der Intendanz Homoki heisst, beginnt als Grossereignis. Ein besonderer Augenblick, oder neudeutsch ein Magic Moment ist das schon, auch für Chorsängerinnen und -sänger, die jährlich oder öfter auf Bühnen singen.

«O mia patria» – aus voller Kehle 400fach auf der Bühne des Opernhauses. Foto © Dieter Kubli

Wir singen den Zigeunerchor aus Il Trovatore, Les Voici! aus Carmen, das Champagnerlied aus der Fledermaus, eröffnen mit Agnus Dei aus dem Requiem von Verdi. Und „der schönste Opernchor“, so Dirigent Janko Kastelic, welcher uns zusammen mit Ernst Raffelsberger trainiert, wird einstudiert, der Gefangenenchor aus Nabucco. Schaffen wir nie, dachten viele vor der ersten Probe, am Ende schafften wir es recht anständig und bei den Fortissimi beeindruckend laut.

Ein Bier vor dem grossen Auftritt am nächsten Tag hat Dirigent Janko genehmigt, Ilonka und Anne-Catherine sowie Hans und Toni halten sich dran.

Weil sich weit mehr als die gesuchten vierhundert Personen bewarben, musste das Los (und etwas Fingerspitzengefühl seitens des Opernhauses) entscheiden. Die Altersskala beginnt bei siebzehn und ist nach oben offen, es sind 80jährige unter uns. Dazwischen bildet sich die Gesellschaft realistisch ab. Beispielsweise die 36jährige Claudia aus dem Aargau, Mutter von drei Kindern und Sängerin beim Wettinger Vocapella-Chor. Diese Woche kocht der Ehemann das Znacht und bringt die Kinder zu Bett. Oder die etwas ältere Zürcher Schreiberin und Autorin Anne-Catherine – sie liebt Musik, hat aber noch nie in einem Chor gesungen.

Rahel aus dem Zürcher Unterland ist kein Opernfan, aber erfahrene und begeisterte Chorsängerin

Ihre Freude am gemeinsamen Tun ist so gross, dass sie sich gleich auf die Socken macht und schon diese Woche ihre erste Probe erlebt. Opernfan Ueli aus dem Zürcher Oberland sang bislang bestenfalls bei einer Abdankung ein bisschen mit, der frisch pensionierte Banker hat sich spontan auf die Ausschreibung gemeldet und – wurde zu seinem Erstaunen auch ausgelost. Animiert von einem Unikollegen, der im Ersatzchor des Opernhauses singt, hat sich Matthew (26), Linguist von Beruf, beworben.

Da geht es direkt auf die Bühne. © Marie Kirschning

Fünf Proben liegen hinter uns, wer seit der Schulzeit höchstens noch Happy Birthday singt, schaut sich die Partitur-Auszüge, ein Buch voller Noten und Wörter, leicht befremdet an. Aber wir wurden auch mit Youtube-Files mit dem Sound vertraut gemacht. Ausserdem ist die Chance gross, dass vor, hinter und neben einem erfahrene Chorsänger den Ton angeben. Ueli wurde unterstützt von den beiden Freunden aus dem Singkreis Egg, Hans und Toni, beide über siebzig. Hans führte einen Bioladen in Wetzikon, Toni arbeitete als Bauingenieur, hat bei der Konstruktion der Durchmesserlinie mitgeplant und macht als Volunteer ab und zu Führungen in einem der teuersten Tunnelbauwerke der SBB, dem Eppenbergtunnel.

Er geriet in die Chorszene, als er das Mozartrequiem hörte und den Dirigenten fragte, ob er zu einer Probe kommen dürfe. „Ich sollte einfach mitsingen, was gehe,“ erinnert er sich, „es ging.“ Sehr selbstbewusst tritt die 17jährige Murielle auf, wer weiss, vielleicht schafft sie es dereinst auf eine Opernbühne. Ebenso begeistert dabei ist Rahel (47) aus Bülach : „Aber ich war noch nie im Opernhaus, ich bin kein Opernfan“, meint sie. Sie meldete sich über den Newsletter des Bernhard Theaters.

Sie kamen täglich aus dem Bündnerland zur Chorprobe: Vreni und Olga

Totaler Opernfan dagegen ist Olga (68) aus Trimmis, die Bündnerin besucht die Oper regelmässig und ist täglich mit ihrer Freundin Vreni, beide Kirchenchorfrauen, aus dem Bündnerland zur Probe angereist. Bleibt noch Max (66), der oft und gern in Projektchören singt: „Kürzlich sangen wir in der Stadtkirche Aarau Gospels,“ erzählt der frühere Manager, der auch in Projekten arbeitet: Er unterstützt Startups. Ob Ueli nun auch einen Chor sucht, ist noch offen, aber nach den Auftritten ist er tief beeindruckt von den Solisten, die aus der Mitte des Profichors kommen, ab nun wird er vermehrt auf Choreinsätze in den Opern achten. auch der Zusatzchor, die Sopralti und der Kinderchor des Opernhauses haben die 400 Laien bei dem grossen Auftritt mit ihren Einsätzen beflügelt.

Links und rechts die Laien, dazwischen die Jugendchöre. Foto © Dieter Kubli

Schlussapplaus für Sopralti und Kinderchor nach dem szenisch aufgeführten Song aus Carmen. © Marie Kirschning

Zur letzten Probe taucht nebst dem Fernsehteam vom Kulturplatz auch Intendant Andreas Homoki auf und dankt fürs Engagement: „Die Oper gehört allen. Sie sind der unglaublich lebendige Beweis dieses Gedankens,“ sagt er unter viel Applaus.

Noch immer brauchen viele die Partitur zur Absicherung, andere haben einen Spickzettel erstellt, aber beim Auftritt anderntags tönt es beeindruckend sicher, wenn der Riesenchor auf der Opernbühne und kurz danach draussen auf der Treppe vor Tausenden fortissimo schmettert und kurz darauf ins pianissimo gleitet. Wie Kulturplatz-Moderatorin Eva Wannenmacher beim Gefangenenchor mitgesungen hat, ist in der Sendung Kulturplatz von SRF1 zu erfahren.

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