FrontKulturEntzaubertes Zuckerfeenreich

Entzaubertes Zuckerfeenreich

Im Zürcher Opernhaus wird das klassische Ballettstück «Nussknacker» ganz neu geschrieben. Denn hinter Zuckerguss und Weihnachtsseligkeit lauern Abgründe, Mord und Totschlag.

Allenthalben regt man sich auf: Schon wieder liegen in den Läden die Schoggisamichläuse in den Regalen, tauchen die ersten Weihnachtsdekorationen auf. Und jetzt kommt auch noch der Spuck und bringt das Weihnachtsballett par excellence, den «Nussknacker», auf die Zürcher Opernhausbühne! Im Oktober! Bei schönstem Spätsommerwetter!

Spielwitz prägt die bunte, manchmal düstere und dramatische Märchenwelt in Christian Spucks Adaption des «Nussknacker»-Themas. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Gregory Batardon)

Nur keine Aufregung. Christian Spuck, der Direktor des Zürcher Balletts, verzichtet in seiner Inszenierung auf Weihnachtsfolklore und Märchenkitsch. Dafür geht er in seiner Rezeption zurück zu den Wurzeln. Zur E.T.A. Hoffmanns 1816 erschienenen Erzählung «Nussknacker und Mausekönig» – diesen Titel trägt auch die Zürcher Ballettversion. Ein Hinweis, dass hier nicht die x-te Interpretation der klassischen Ballettvorlage kommt.

Ein Märchen im Märchen

Während der traditionelle «Nussknacker» sich auf die von Alexandre Dumas d. Ä. gekürzte Fassung stützt und 1892 vom Sankt Petersburger Choreografen Marius Petipa uraufgeführt wurde, erzählt Spuck ganz von Anfang an. So wird klar, weshalb sich die Zinnsoldaten in der Traumszene gegen eine Mäusearmee verteidigen müssen und wieso aus dem hölzernen Nussknacker plötzlich ein Prinz werden kann. Denn Dumas hat «Von der harten Nuss», dieses Märchen im Märchen, in Hoffmanns Erzählung ganz einfach gestrichen.

Facettenreicher Drosselmeier

In Zürich nun wird die ganze fantastische Geschichte erzählt: hintergründig, unheimlich und viel, viel düsterer als das gewohnte Weihnachtsmärchen. Romantisch zwar, aber ganz ohne Lametta und Happy End auf der Zuckerburg.

Marie (Michelle Willems) ist begeistert vom hölzernen Nussknacker, den ihr Pate Drosselmeier ((Dominik Slavkovsky) zu Weihnachten schenkt. Und als die Holzfigur dann auch noch lebendig wird …

Dafür mit viel, auch optischer, Fabulierlust, etwas Ironie und ein ganz klein wenig kritischem Hinterfragen. Zu der Rolle des grauhaarigen Paten Drosselmeier, der die junge Marie doch etwas arg beschützend unter seine Fittiche nimmt, sie intensiv auf ihrem Weg zum Frausein begleitet – wenns sein muss beim verliebten Pas de deux auch an ihrem Fuss hängend – und ihr mal auch einen nur unwirsch gestatteten Kuss stibitzt.

Die Cupcakefee

Dieser Drosselmeier, von Dominik Slavkovsky brillant dämonisch und witzig zugleich getanzt, dominiert als Zeremonienmeister das Geschehen auf der Bühne, die nicht Wohnzimmer, kaum Werkstatt und auch nicht Traumwelt ist. Rufus Didwiszus hat, passend zum Märchen im Märchen, eine surreale Bühne auf der Bühne geschaffen. Die für jede Spielebene – gutbürgerlich-altmodisch, barock-üppig und dann voller Witz im Spielzeugland – geschaffenen Kostüme der israelischen Kostümbildnerin Buki Shiff harmonieren dazu ausgezeichnet. Shiff vergisst auch die traditionelle Ballettfassung nicht und kreiiert eine reizende Zucker- beziehungsweise Cupcakefee.

Und hier ist er nun lebendig: William Moore tanzt ihn staksig-hölzern und Michelle Willems überzeugt als Marie in ihrer ersten Hauptrolle im Opernhaus.

Unter den Tanzenden dann eine Entdeckung: Michelle Willems, vormals im Junior Ballett und seit letzter Saison Mitglied des Zürcher Balletts, tanzt ihre erste Hauptrolle auf der Opernhausbühne. Und das mit viel Ausdruck, Anmut und Leichtigkeit. Sie ist sowohl das übermütige, manchmal etwas tollpatschige Kind wie auch das liebende junge Mädchen. Ihr zur Seite als Nussknacker in all seinen Erscheinungsformen ein Routinier: William Moore, der für einmal nicht durch seine Sprünge, sondern durch seine umwerfend staksigen Bewegungen als hölzerner Nusknacker brilliert.

Yen Han und Matthew Knight führen als poetisch-tapsiges Clownpaar durch die verschiedenen Welten des Nussknackerreiches.

Als Maries Bruder Fritz kann Daniel Mulligan seine übermütigen Seiten ausleben und Yen Han an der Seite von Matthew Knight als süsses durch die Welten stolperndes Clownwesen ist komisch, liebenswert und einfach umwerfend. Von der übrigen Compagnie, die eine gute, von viel Spiellust geprägte Leistung bringt, ist das Grosselternpaar zu erwähnen. Galina Mihaylova und Filipe Portugal tanzen mit so viel Witz und Ironie, dass man ihnen die Rheumabeine und Hexenschussrücken (fast) glaubt.

Musik neu arrangiert

Durch die neue Rezeption musste sich Christian Spuck auch intensiv mit der Musik von Pjotr I.Tschaikowski auseinandersetzen, das heisst diese neu arrangieren. Was insofern kein Tabubruch ist, als Tschaikowski selber Teile aus der Ballettpartitur zu Suiten umgearbeitet hat. Um die Parallelgeschichte rund um die Prinzessin Pirlipat und der harten Nuss zu orchestrieren, wurden Teile des Divertissements aus dem 2. Akt und die sonst nie vertanzte Ouvertüre verwendet.

Die Aneinanderreihung der sinfonischen Tänze aus dem zweiten Akt, die in herkömmlichen Fassungen so etwas wie eine bunte Packung tänzerischer Pralinen ohne eigentlichen Handlungshintergrund sind, wurde aufgebrochen. Aber keine Angst – die Tänze der Rohrflöten und der Zuckerfee fehlen ebenso wenig wie Nationaltänze und der Blumen- und der Schneeflockenwalzer. Paul Conelly am Pult übernimmt kongenial die Stimmungen auf der Bühne, lässt die Philharmonia Zürich sich weich im Tanze wiegen, von dunklen Verstrickungen berichten und dramatische Akzente setzen.

Musikalische Raritäten

Selbst die Celesta ist zu hören, dieses kleine Klavier, das so weiche, süsse Glockentöne erzeugt und beim Tanz der Zuckerfee nicht fehlen darf und das Tschaikowski ganz im Geheimen nach Sankt Petersburg transportieren liess, damit kein Konkurrent vorzeitig Wind bekam von dieser Instrumentenpremiere. Auch die Vokalisen fehlen nicht, diese Melodien, die nur auf Vokalen gesungen werden, in Zürich von Kinderchor und SoprAlti. Der Komponist setzt sie im «Nussknacker» erstmals ein.

Tschaikowski tat sich schwer mit seinem «Nussknacker» mit dem wenig schlüssigen Libretto. Vielleicht hätte das, was Christian Spuck auf die Bühne bringt, dem Komponisten besser gefallen. Dieses Vexierspiel voller Opulenz, diese Fülle an Ideen und Bilder, in der sich Realität und Imagination lustvoll mischen – das Zürcher Premierenpublikum jedenfalls war hell begeistert.

Ob die Spucksche Interpretation in Russland ankommt, wird sich in wenigen Wochen weisen: Das Ballett Zürich ist mit ihrem «Nussknacker» ans legendäre Moskauer Bolschoi-Theater eingeladen aus Anlass des 200. Geburtstages von Marius Petipa, der gleichzeitig der 125. Geburtstag des Nussknacker-Balletts ist.

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