FrontKolumnenWeihnachts-Marathon auf der Zielgeraden

Weihnachts-Marathon auf der Zielgeraden

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Die Meldung traf mich wie ein Blitz, der Schock sass tief. Als ich mich an einem heissen Juli-Tag im schattigen Garten im Liegestuhl räkelte, sprang mich aus der Zeitung die Nachricht förmlich an, in London habe im berühmten Luxuskaufhaus Harrods das Weihnachtsgeschäft begonnen – 148 Tage vor dem Fest. «Die Situation in den Weihnachtsabteilungen wirkt leicht skurril: Während aus den Lautsprechern Musik wie Dean Martins „Let it snow!“ tönt, schlendern Touristen in T-Shirts und Sonnenbrillen durch die künstliche Winterlandschaft», wurde das Stimmungsbild beschrieben.

Die Temperatur war viel zu hoch, und ich versank in einen unruhigen Halbschlaf, in welchem sich geschmückte Tannenbäume, Paketberge, fliegende Rentierschlitten und singende Engel hinter meiner Stirne festkrallten. Als ich erwachte, war der Horror bald vergessen, bis…ja, bis ich Mitte September den ersten Weihnachtskatalog aus dem Briefkasten klaubte. «Weihnachtswünsche werden wahr!» und «Eine himmlische Auswahl, die die Vorfreude auf das Fest der Feste weckt» prangte auf dem 150 Seiten starken farbigen Werbeheft. Und auch der – nicht mal sehr diskrete – Hinweis «Alle Wünsche erfüllen – viel später zahlen!» fehlte nicht.

Anfang Herbstferien stand ich fassungslos im Untergeschoss des örtlichen Grossdetaillisten und starrte auf die glitzernde und glänzende Fülle von Lichterketten, Kerzen, Lametta, Posaune blasende Engel, Kugeln in allen Farben und Grössen sowie Plastiktannen, die garantiert «frisch» bleiben: wenig Herziges und viel, viel Kitsch. Am letzten Tag der Herbstferien (das Thermometer war im Wallis auf eine astronomische Höhe geklettert, und auch in Oberland wurde die 20-Grad-Grenze übertroffen) wurde ich durch die Gemeindepostille zur «feierlichen Adventeröffnung» eingeladen, mit Glühwein und Gerstensuppe: «Wenn die Nächte länger werden, wenn es nach Grittibänz und Weihnachtsguetzli duftet, dann wissen wir, die Adventszeit ist ganz, ganz nah» las ich, derweil der Schweiss von der Stirn rann.

Ab Mitte November war jeder geistige Widerstand zwecklos. Da war die Glimmer-Flimmer-Kerzen-Glöckchen-Liedermelodien-Tannenzweige-Kaufrausch-Orgie nicht mehr aufzuhalten. Und als es dann wirklich gegen Advent ging, erstrahlten auch private Hausfassaden, Fenster, Balkone und Gärten in einem Lichtermeer, auf dass es in der dunklen Jahreszeit nie mehr dunkel werden möge.

Jetzt biegt der Marathon auf die Zielgerade ein. Aber ich möchte allfälligen Zweiflern bestätigen: Das eigentliche Weihnachtsfest steht erst noch bevor! Jene zwei, drei Tage, in denen der Stress so richtig zuschlägt: mit zu vielen Geschenken, zu vielem Essen und – leider – zu vielen emotionalen Auseinandersetzungen und Streitereien im trauten Familienkreis.

Einfach zur Erinnerung: Weihnachten war ursprünglich jener höchste kirchliche Feiertag, an dem man sich an die Geburt des Heilandes erinnerte. Aber jenes Geschehen ist halt auch schon 2017 Jahre her.

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