Kultur

Durch die Wüste zu sich zurück

Mit dem Film «La novia del desierto» ist den Argentinierinnen Cecilia Atán und Valeria Pivato mit Paulina García in der Hauptrolle ein stilles, sinnvolles Roadmovie gelungen.

Señora Teresa, von Paulina García grossartig verkörpert, bricht in ein neues Leben auf. Dreissig Jahre lang hat sie in Buenos Aires gearbeitet. Jetzt kann die Familie, bei der sie den Haushalt geführt hat, sie nicht länger beschäftigen. Doch sie ist ihr behilflich, organisiert ihr einen neuen Job und schickt sie buchstäblich in die Wüste zu einer anderen Familie, 1000 Kilometer entfernt in San Juan. Auf der langen Reise durch die argentinische Wüste kommt ihr das Gepäck abhanden. Der charmante und etwas undurchschaubare Händler El Gringo bietet ihr seine Hilfe an. Und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der verlorenen Reisetasche.

Mit dem international erfolgreichen Film «Gloria» von Sebastián Lelio hat Paulina García, nach der Bühne, wo sie bereits berühmt ist, auch die Kinos und Filmfestivals erobert. In ihrem neuen Film «La novia del desierto» (Die Braut der Wüste) brilliert Teresa, als zunächst bescheidene, in sich gekehrte Frau, die erst allmählich aufblüht und schliesslich in ihrem Inneren brachliegende Eigenschaften entdeckt und zum Leben erweckt. An ihrer Seite überzeugt Claudio Rissi in der Rolle von El Gringo, der wie ein guter Animator ihr hilft, auf die Sprünge zu kommen. Das von den beiden argentinischen Regisseurinnen Cecilia Atán und Valeria Pivato realisierte Roadmovie besticht mit abwechslungsreichen Landschaften und einer stillen, berührenden Geschichte.

Zu zweit auf dem Weg: Teresa und Gringo

Anmerkungen der Regie: «Nur indem wir die Wüste durchqueren, finden wir uns selbst.»

Unser Film dreht sich um eine Reise durch eine Wüste, die eine Metapher für unbehagliche Selbsterfahrungen ist. Am Anfang bewohnt Teresa eine Welt, die sie kennt, eine scheinbar sichere Welt. Sie glaubt, Teil einer Familie zu sein, der sie ihr Leben gewidmet hat. Die Jahre sind vergangen, und sie klammert sich an das Wenige, das sie hat. Doch die Umstände ändern sich, und alles, an das sie geglaubt hat, zerfällt plötzlich. Nun kann die 54-jährige Señora Teresa nirgendwo mehr hin. Obschon das für viele das Ende der Geschichte wäre, ist es für uns ein Anfang. Denn wir glauben, dass das Fehlen von Sicherheit plötzlich unser unerforschtes inneres Potenzial enthüllen kann; es bringt uns dazu, uns Gefühlen und Begierden zu stellen, die wir nicht einmal als unsere eigenen kennen. Für Teresa bedeutet die Reise durch die Wüste ein langsames Erwachen, das es ihr erlaubt, sich endlich ihrer unentdeckten Stärken bewusst zu werden.

Die Wüste ist feindselig, und Teresas Reise dem Highway entlang nimmt den Zuschauer mit zu den Gründungsmythen eines Heiligtums: Deolinda Correa durchquerte die Wüste und verdurstete mit ihrem Baby in den Armen, doch das Baby überlebte, indem es von den Brüsten seiner toten Mutter trank. Die Kraft der Natur überwindet die Widrigkeiten; das Schicksal fordert unsere Erwartungen heraus; das Unvorhergesehene ist die treibende Kraft für eine Veränderung. In diesem mythischen und doch lebendigen Kontext widerfährt Teresa ein Rückschlag, der die Ereignisse beeinflussen wird: Sie verliert ihre Tasche mit all ihrem Hab und Gut. Dies führt dazu, dass sich ihr Weg mit dem von El Gringo kreuzt, einem charismatischen reisenden Händler, der ihr Partner auf der Suche wird. Während sie gemeinsam mit einem Pickup durch die trockene Landschaft von Cuyano reisen, wird die stille Theresa immer lebendiger.

In einer Zeit, in der die Welt uns davon überzeugen will, dass das, was wir in unserer Jugend verpasst haben, unwiderruflich verloren ist, wünschen wir uns, dass der Prozess des Suchens und Weiterentwickelns wieder wertgeschätzt wird – die Arbeit, die verrichtet werden muss, damit wir wachsen und den Ort finden, wo wir tatsächlich sicher sind: in uns selbst.

Teresa, erst allmählich mutig und neugierig

Ein Roadmovie heim zu sich

Der Begriff «On the Road» hat oft etwas Nichtalltägliches, etwas Besonderes an sich. Mehr als die Erfahrungen, die wir auf Bahnhöfen machen können, wo das Kommen und Gehen unsere persönlichen Erlebnisse von Ankunft und Abschied, oft auch von Geburt und Tod, wachrufen. «Auf dem Weg» scheint mir tiefer zu schürfen in existenzielle Schichten, weil es eine Bewegung von irgendwo nach irgendwo in sich birgt. Der «Homo viator», der «Mensch auf dem Weg», wurde vom Philosophen Gabriel Marcel einst zur existenziellen Seinsform seines Weltbildes erklärt.

Die beiden Regisseurinnen Cecilia Atán und Valeria Pivato bringen diese Idee mit «La novia del desierto» zur Darstellung, geben ihr eine gültige Gestalt mit Teresa, einer Frau aus Fleisch und Blut, einem Mitmenschen wie du und ich, setzen sie in Bilder und Töne um, betten sie in Landschaften und Handlungen ein. Und dies von Sequenz zu Sequenz unterhaltsamer. Unterhaltend verstanden als Unterhalt, den unsere Seelen zum Leben brauchen. Grossartig wie das Leben ist der Film! Faszinierend, wie sich Teresa verändert und entwickelt, in ihrem Handeln, ihren Worten und vor allem ihrer Mimik abzulesen!

Aus flaxigen Sätzen im Trucker werden behutsame Worte in der Bar. 

Aus einem Interview mit den Regisseurinnen

Erzählen Sie uns von den Schauspielern.

Der Film wird mit zwei wundervollen Schauspieler erzählt, Paulina García aus Chile und Claudio Risse aus Argentinien. Wir haben Paulina 2013 eine Erstfassung des Skripts geschickt, und sie hat sich sofort in das Projekt und ihre Figur verliebt. Seither sitzen wir gemeinsam im selben Boot auf dieser wundervollen Reise namens Film. Paulinas Interpretation und die Zeit, die wir gemeinsam an den Vorbereitungen zum Film gearbeitet haben, veränderten Teresa zu einem subtilen Wesen, das um ihre Körpersprache und die Stille herum aufgebaut ist.

Paulina und Teresa sind während des Drehs zu einer Person geworden, und am Ende der Dreharbeiten verabschiedete sich Pauline auf wundervolle und liebenswerte Weise von Teresa: «Heute ist Teresas letzter Tag in der Cuyano-Wüste. Ich werde dich heute hier gehen lassen, wo du so verzweifelt und verwirrt warst. Ich lasse dich für immer hier, wo die verstorbene Correa ruht. Unter diesem weiten Himmel, unter unbarmherziger Sonne und verführerischen Winden. Heute werde ich mir einen Moment nehmen, um mich auf einem ausgetrockneten und seltsamerweise doch grünen Pfad an dich zu erinnern. All die Erinnerungen und Erfahrungen bleiben hier. Ich werde dieses Licht ausschalten, und Teresa wird nicht mehr leuchten. Eine kleine Flasche Wasser in deinem Namen. Paulina García, 16. Dezember 2016.»

Titelbild: Paulina García: Teresa auf dem Weg

Regie: Cecilia Atán und Valeria Pivato, Produktion: 2017, Länge: 78 min, Verleih: Filmcoopi

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