FrontKolumnenDer Goldene Schnitt

Der Goldene Schnitt

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Die Aufgabe, die Mathe-Lehrer Fritz Däster seinen Erst-Sekundarschülern als Hausaufgabe auf den Heimweg mit gab, war nicht ganz einfach: Sie sollten ihm in der nächsten Stunde erklären, was der Goldene Schnitt sei. Täuschte es, oder lächelte der Lehrer, der kurz vor seiner Pensionierung stand, leicht diabolisch dabei?

Es kam, wie es kommen musste. Fussballtraining, Klavierunterricht, Karate, Kunstturnen, Ballett und Reiten standen halt bei den Dreizehnjährigen im Vordergrund, und als ihr Lehrer in der Woche darauf seine angekündigte Frage stellte, herrschte Funkstille. Die Runzeln im Gesicht des Schulmeisters vertieften sich, denn wenn er – einst mit Kopfrechnen und Rechenschieber aufgewachsen – von Computer und Internet auch bloss wenig Ahnung hatte, wusste er dennoch, dass solche «Dinger» wie der Goldene Schnitt mittlerweile bei Google und Co. nachgeschlagen werden können.

Schon drohte er der ganzen Klasse einen Eintrag wegen «Aufgaben nicht gemacht!» an, als sich Dragan zögernd meldete. Seine ältere Schwester Ludmilla habe es ihm erklärt: Der «Goldene Schnitt» sei die letzte Drogenspritze, die (meistens mit Heroin) zum Tod führe. Und er ergänzte stolz, es könne sich dabei um bewussten Selbstmord handeln oder aber um eine ungewollte Überdosis: «Wänn du häsch Päch ghaa, Mann!»

Fritz Däster mit unterdessen ganz finsterer Miene schüttelte den Kopf. «Du meinst den Goldenen Schuss, du – du…» Beim Goldenen Schnitt, so erklärte er, entstehe ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Zahlen oder zwei Grössen. Sie würden als ideale Grössen in der Kunst und in der Architektur angewendet, auch in der Natur kämen sie vor und in der Fotografie, dozierte er – ziemlich selbstgefällig – weiter. Und dann kramte er schliesslich noch in seinen Erinnerungsgängen. «Der Goldene Schuss war übrigens -äh – in meiner Jugend auch eine deutsche Fernsehshow mit – äh – Vico Torriani, einem Schlagersänger. Und in der Schweiz mit – äh – Mäni Weber oder so.» Wobei er eigentlich der Meinung war, dieser Weber sei ein Sportreporter gewesen. «Und der Eintrag für die ganze Klasse ist damit definitiv!», schloss er seine weitschweifenden Belehrungen.

Jetzt endlich konnte sich Nick Zeiner in der hintersten Bank durchsetzen, der sich schon lange hatte melden wollen. Der Sohn des örtlichen Immobilienhändlers zögerte zwar, doch dann meinte er mit ziemlich unsicherer Stimme, der Goldene Schnitt müsse etwas ganz anderes sein. «Kürzlich beim Mittagessen sagte mein Vater, beim Verkauf des recht baufälligen Hauses im Oberdorf an den Sekundarlehrer Fritz Däster habe er einen ganz goldenen Schnitt gemacht. «Mit dieser alten Hütte!», schob er nach, worauf der Pädagoge vorne im Schulzimmer endgültig erbleichte und mit zitternden Knien nach einem Stuhl langte. Der drohende Eintrag für die ganze Klasse war in weite Ferne gerückt…

Und die Moral von der Geschicht‘? Es ist nicht alles Gold, was glänzt, schiesst oder geschnitten wird.

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