FrontGesellschaftJeder Zuschauer ein CEO

Jeder Zuschauer ein CEO

Im Oval der Wirtschaftsmächtigen: Rimini-Protokoll inszeniert am Zürcher Schauspielhaus mit «Weltzustand Davos» den vierten Teil der «Staat 1-4»-Serie.

Rimini Protokoll ist das Label für Arbeiten von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, die seit 2000 ein Autoren-Regie-Team bilden und alleine, zu zweit und zu dritt Arbeiten erfinden, die mit den Mitteln des Theaters weit in die Wirklichkeit reichen. Mit ihrem neusten Stück «Weltzustand Davos», das am Freitag in der Schiffbau-Box des Zürcher Schauspielhauses Premiere hatte, vollenden Helgard Haug und Stefan Kaegi die Rimini-Tetralogie «Staat 1–4» zu Phänomenen der Postmoderne.

Fünf ausgewählte Experten in der Arena

In «Weltzustand Davos» sind die Zuschauer WEF-Kongressteilnehmer, schlüpfen, ausgerüstet mit Unterlagen im Ringbuchblock unter dem Sitz und Badge, in die Rolle eines teilnehmenden CEOs des 48. World Economic Forum WEF, das vom 23. bis 26. Januar in Davos stattfinden wird. Moderiert wird der Abend von fünf ausgewählten Experten, dem ehemaligen Davoser Landammann Hans Peter Michel, dem Soziologen Ganga Jey Aratnam, dem Lungenarzt Otto Brändli, Sofia Sharkova, der Vizepräsidentin des Non-Profit-Vereins «Global Shapers» zur Förderung von Unternehmerinnen, und Cécile Molnier, die 35 Jahre für die UNO gearbeitet hat, davon 20 Jahre für das Entwicklungshilfeprogramm UNDP.

Hockeyspielen für das WEF oder für die UNO.

Die Zuschauer sitzen erhöht um eine ovale, verschneite Arena, ähnlich einem Eishockeystadion, im Rücken eine eindrückliche Bergkulisse aus Holz, darüber ein wolkenloser Himmel, der als Leinwand für Rundumfilme dient (Bühnenbild: Dominic Huber). Gestartet wird mit der Ankunft der WEF-Teilnehmer in Kloten und dem Helikopterflug von Dübendorf nach Davos. Die fünf moderierenden Experten legen mit Schneeschaufeln den Stadtplan von Davos frei, erzählen, wer wo absteigt, wo debattiert und verhandelt wird, dass Geschäfte leergeräumt und teuer vermietet werden, ein Aufenthalt am WEF pro Person mindestens 90 000 Dollar kostet.

Mehr oder minder interessante WEF-Geschichten

Im Austausch mit dem Publikum werden mehr oder minder interessante WEF-Geschichten seit dem Gründungsjahr 1971 ausgebreitet, Filmausschnitte mit Aussagen prominenter WEF-Teilnehmer gezeigt, so die Eröffnungsreden 2000 und 2017 von US-Präsident Bill Clinton und Chinas Präsident Xi Jinping. Die Zuschauer werden aufgefordert, Details ihrer Firma (Umsatz, Mitarbeiter) preiszugeben, sich mit dem Nachbarn auszutauschen. WEF-Gründer Klaus Schwab wird filmisch zitiert, der nach den Tuberkulosekranken in Davos mit dem WEF die Welt von ihren Gebrechen heilen will, Hans Peter Michel erzählt, wie er in einem «Kuhhandel» mit Klaus Schwab die Erweiterung des Kongresshauses durchgesetzt hat.

Im schneebedeckten Oval der Mächtigen (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Von Interesse sind die Aussagen einzelner Experten, so jene von Ganga Jey Aratnam, der sich kritisch zum in Zug domizilierten Rohstoffmulti Glencore äussert und bei Recherchen in Sambia mit Tuberkulose angesteckt hat, oder jene von Tuberkulosespezialist Otto Brändli, der die mangelnde Bereitschaft der Pharmaindustrie beklagt, neue Mittel gegen die Tuberkulose zu entwickeln, obschon die Zahl der Personen mit der Tod bringenden Erkrankung weltweit wieder ansteigt. Spannend auch die Ausführungen von Cécile Molnier, die die unterschiedliche Zusammensetzung und Arbeitsweise von WEF und UNO aufzeigt: hier das Treffen der mächtigen Konzernchefs, die ihre obskuren Geschäfte hinter verschlossenen Türen abwickeln, dort die multinationale Staateneinrichtung, die sich mühsam und langwierig auf Verbesserungen und Fortschritte einigen muss.

Wer bestimmt das Weltgeschehen, trägt die gesellschaftliche Verantwortung? Die Politik oder die Wirtschaft? Der Abend gibt darauf keine Antwort. Das finale Hockeyspiel der Experten in der Arena – die Zuschauer können mit der Flagge ihres Landes oder mit dem Firmenlogo in ihren Unterlagen Farbe bekennen – zeitigt zumindest keinen klaren Sieger. Unterhaltsam und witzig ist der Abend mit seinen Geschichten, die viel Wissenswertes über das WEF verraten, alleweil, auch wenn der Erkenntnisgewinn nicht allzu gross ist. Das Premierenpublikum bedankte sich mit warmem Applaus.

Weitere Spieldaten: 15., 16., 17., 19., 21., 22., 24., 25. Januar 2018

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel