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Mode im Spiegel der Kunst

Das Kunsthaus Zürich wird zum Laufsteg: «Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst» heisst die neue Ausstellung. Ein dreidimensionales Modemagazin quer durch die Jahrhunderte.

Steigt jetzt das Kunsthaus ab aus den Höhen der Kunst in die Trivialität schnell wechselnder Mödeströmungen? Oder sind in einer Zeit der modischen Beliebigkeit definierte Modeströmungen bereits dem Begriff «Kunst» zuzuordnen? Oder fallen Aktbilder nun auch unter den Bannstrahl der «Me too»-Bewegung, ist da eine neue Prüderie ausgebrochen?

Mode in der Kunst

Alles falsch. Die beiden Kuratoren Cathérine Hug und Kunsthaus-Direktor Christoph Becker versuchen mit einem Streifzug durch mehr als sechs Jahrhunderte dem Phänomen Mode auf den Zahn zu fühlen, weil Mode immer auch ein Seismograf für kulturelle Entwicklungen ist, aus der heraus auch Kunst entsteht.

Ein Ganzkörperanzug aus Blech – nicht sehr bequem, aber ganz sicher nicht zu übersehen. (Kunsthaus Zürich)

Die Ausstellung ist zudem als Beitrag an die diesjährigen Zürcher Festspiele gedacht, die unter dem Motto «Schönheit/Wahnsinn» stehen. Was auch für viele Exponate in der neuen Ausstellung im Bührlesaal gilt. Ein Faltenrock samt «Oberteil», Gesichtsmaske, Strümpfe und (Donald Duck-)Schuhe aus Blech gefertigt, wer trug denn sowas? Der Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490-1568) zum Beispiel. Wobei der Ganzkörperpanzer wohl kaum fürs Schlachfeld gedacht war. Aber vielleicht machte er damit bei den Damen Eindruck.

Potente Männermode

Das versuchten in derselben Zeit auch andere Herren – mit der Schamkapsel. Das ist ein separates, optisch prominent ins Zentrum gerücktes Behältnis fürs das männliche Gemächt. Heinrich der Achte von England soll diese Mode aufgebracht haben. Hans Holbein d.Jüngere hat ihn damit porträtiert – Mode und Kunst trafen also bereits im Mittelalter zusammen. Dieses potente Modedetail schaffte es übrigens bis in die Schweiz, nach Solothurn, wie das Hans Asper-Porträt des Wilhelm Frölich beweist.

Dass das Thema der aktuellen Ausstellung – vor allem der Akzent auf «extreme Mode» – sehr wohl in ein Kunsthaus gehört, beweisen Modesammlungen in Museen in New Yorker oder London. Die Zürcher Ausstellung verweist ebenfalls auf museale Leihgaben aus Wien, Berlin oder Versailles.

Eine Mode, die es aus England bis nach Solothurn geschafft hat – die Männerhose mit der markanten Schamkapsel. (Kunsthaus Zürich)

Mode war bei jedem der zahlreichen Porträts ein Thema, das liegt auf der Hand. Ob Mann oder Frau, jeder wird sich überlegt haben, wie er sich als Modell für einen Maler präsentieren will. In opulente Stoffe gehüllt, mit grosszügigem Decolletée oder wohl ziemlich unbequemen Halskrausen, in einem Kleid, das wie ein Wasserfall durchs Bild rauscht oder mit kunstvollen Rissen oder Schlitzen in den Gewändern, durch die die Unterkleidung schimmert. Letzteres kam in der Renaissance in Mode – und erlebte Hunderte von Jahren später durch die Punks und Modeschöpfer wie Vivienne Westwood eine eigentliche Wiedergeburt.

Mode überlebt Politik

Dass Mode, zumindest in unserem Kulturkreis, ein Spiegel der Gesellschaft ist, wird in der Ausstellung deutlich. Waren es lange Zeit die Adligen, Feldherren und ihre Damen, die die Mode prägten, lösten sich die Standesunterschiede im Vorfeld der französischen Revolution mehr und mehr auf. So liess sich die französische Königin Marie-Antoinette «en chemise» malen, in einem leichten Batistkleid. Natürlich wurde damit die naive ländliche Schäferidylle heraufbeschworen, die die unglückliche Königin gerne als Theaterstück inszenierte, aber sie nahm doch den Empirestil vorweg, der unter Napoleon seine Blütezeit erlebte: Fliessende, oft blickdurchlässige Stoffe, hohe Taille und viel Köperfreiheit. Empiremode trugen die Damen auch dann noch, als das Napoleonische Reich bereits Vergangenheit war.

Dann kamen die Dandys, die in der Männermode gründlich aufräumten, einen reduzierten Stil und eine zurückhaltende Eleganz pflegten. Die ersten Modemagazine erschienen und mit ihnen bekamen die Schneider plötzlich einen anderen Stellenwert: Der Modeschöpfer war geboren.

Mode wird zu Kunst

Und als Antwort auf die Industrialisierung bekam die Mode neue Impulse: Künstlerinnen und Künstler begnügen sich nicht mehr damit, modisch gekleidete Personen zu malen, sie machten selber Mode. Salvador Dali zum Beispiel mit der Modeschöpferin Elsa Schiaparelli. Modedesign und Kunstgeschichte vermischten sich – man denke nur an Hugo Balls «Kartonkleider» oder an Félix Vallottons von der japanischen Malerei inspirierten Frauenfiguren.

Modeströmungen liessen – und lassen – auch Karrikaturisten nicht kalt: Hier zeigt Honoré Daumier wozu ein reifrock gut sein kann. (Kunsthaus Zürich)

Dass Mode durch alle Zeiten hindurch immer auch eine Zielscheibe für Karrikaturisten ist – Honoré Daumier ist nur einer unter ihnen – nimmt der Ausstellung etwas von ihrem dokumentarischen Ernst. Der Exkurs zur heutigen Ressourcenverschwendung zum Schluss der Ausstellung nimmt einen weiteren Aspekt des Themas Mode auf.

Die Ausstellung»Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst» ist bis zum 15. Juli im Kunsthaus Zürich zu sehen. Dazu gibt es ein interessantes Begleitprogramm, von dem nur der Fashion Ball am 5. Mai erwähnt werden soll. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, erhältlich im Museumsshop. Detailangaben, auch zu den weiteren Veranstaltungen unter www.kunsthaus.ch

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