FrontGesundheitGelenkchirurgie: Wunsch und Realität (2)

Gelenkchirurgie: Wunsch und Realität (2)

Wer rastet, der rostet, sagt der Volksmund. Und dieser Rost setzt sich in den Gelenken fest. Der Arzt Jürg Knessl informiert in loser Folge über sein Fachgebiet, die Gelenkchirurgie. Heute: die Hüfte.

In der Gelenkchirurgie ist viel möglich – manche sagen, zu viel. Der Ersatz einer schmerzenden Hüfte durch ein künstliches Hüftgelenk ist ein Mittel zu wieder mehr Lebensqualität ohne Schmerzen oder Schmerzmittel.

Hüftgelenke können im Alter ganz schön schmerzen. Eine Gelenkprothesen verhilft dann zu neuer Lebensqualität.

Bei allen Gelenkeingriffen sind mögliche Komplikationen und deren Häufigkeit zu berücksichtigen: Fehlstellungen, Luxationen (Ausrenkung), Lockerung der Prothesen, Längenunterschiede, Thrombosen, Verletzung von Gefäss- oder Nervenstrukturen, längerdauernde Schmerzen und Bewegungseinschränkungen.

Dauerhaufte Hüftprothesen

Häufig wird auch gefagt, wie lange solche Prothesen denn halten. 15 Jahre, wie häufig kolportiert wird oder sogar noch länger? 15 Jahre Lebensdauer für ein künstliches Hüftgelenk bezieht sich erstens auf frühere Ergebnisse. Zweitens entspricht dies nicht der maximalen Lebensdauer, sondern der Anzahl Jahre, nach denen die Hälfte der Prothesen noch nicht ausgetauscht werden musste. Heute kann davon ausgegangen werden, dass rund 80 Prozent der Patienten Chancen hat, noch nach 20 Jahren ein gut funktionierendes Hüftgelenk zu haben.

Es gibt unzählige Prothesentypen, sowohl bei der Hüfte als auch beim Knie. Die frühere Streitfrage, zementiert oder zementfrei, ist bei der Hüfte heute praktisch obsolet: Im Prinzip wird ein zementfreies Vorgehen gewählt.

Vertrauen ist wichtig

Der einzelne Patient kann nur schwer unterscheiden, welche Information verlässlich ist und welche nicht. Dies führt zu Verunsicherung und Ängsten. Der Patient kann die Qualität eines Arztes, den er nicht kennt, praktisch nicht einschätzen. Er soll sich am besten fragen: Habe ich Vertrauen? Verstehe ich, was mir der Arzt oder die Ärztin sagt? Wenn er eine dieser zwei Fragen mit «nein» beantworten muss, ist es besser, sich einen neuen Spezialisten zu suchen.

Röntgenaufnahme einer Hüfte mit zwei künstlichen Gelenken. Allerdings wird aus Gründen der Stabilität davon abgeraten, die beiden Prothesen zeitgleich einzusetzen. (Dr. J.Knessl)

In der Diskussion über minimal-invasive Chirurgie, kann soweit präzisiert werden, dass in den USA primär die Länge des Schnittes im Vordergrund steht, in Europa jedoch das Ausmass der Schädigung der Weichteile.

Es geht bei uns somit um Operationstechniken, welche die anatomischen Strukturen möglichst schonen und die muskuläre Führung soweit als möglich bewahren.

Heilung braucht Zeit

Trotzdem benötigt der Knochen unverändert mindestens sechs Wochen, um an die Prothese anzuwachsen. Die Dauer dieser Entlastung des Knochens wird durch das minimal invasive Vorgehen nicht verkürzt, auch wenn die Muskulatur geschont wird. Beide Hüften mit einer einzigen Operation zu «sanieren» ist problematisch, weil dann keine genügende Entlastung des operierten Gelenks stattfinden kann. Dieses Vorgehen ist nur dann kein Problem, wenn zementiert wird, was zum Beispiel beim Knie der Fall ist. Aber dazu Näheres im nächsten Beitrag.

Dr. med.Jürg Knessl, MAE, CAS MedLaw, FMH Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates führt eine orthopädisch-chirurgische Spezialarztpraxis in Zürich und ist Belegarzt an drei Zürcher Kliniken. Daneben unterrichtet er an der Uni Zürich Medizinethik, ist einer der Autoren der Standesordnung FMH und hatte Einsitz in etlichen Kommissionen, unter anderem der Kantonalen Ethikkommission Zürich.

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