FrontKulturVertanes Leben im Rückblick

Vertanes Leben im Rückblick

Der belgische Regisseur und Autor Jan Sobrie thematisiert in seinem vierten Stück «Nachspielzeit» für das Junge Schauspielhaus die Geschichte eines einsamen Alten.

Ungewohnt ist der Ort der Aufführung im Zürcher Schiffbau: Gespielt wird im Foyer mit Blick auf den Vorplatz des Schiffbaus. Ein weisshaariger Kellner bietet den Besucherinnen und Besuchern beim Eintritt auf einem Silbertablett Pralinen an. Dann setzt er sich ans Klavier und spielt Rossini. Karg ist die Bühne eingerichtet: in der Mitte ein gedeckter Tisch, daneben ein Piano, ein Kühlschrank und eingebaute Wandschränke mit Spiegeln, darüber wuchtige Hallenlampen.

Die Gäste immer bei Laune halten

Ein maskiertes älteres Ehepaar taucht auf, treibt allerlei Schabernack mit Gegenständen auf dem Tisch und verschwindet gleich wieder, die Frau in den Kühlschrank und der Mann durch die Hintertür. «Niemand weiss, dass sie herkommen. Und das schon seit Jahren», kommentiert der Kellner den dubiosen Auftritt und holt zu einem längeren Monolog über seine Arbeit als Kellner aus, berichtet, mit welchen Tricks und Gags er seine wechselnden Gäste bei Laune hält. Dann kommt das ältere Ehepaar wieder ins Spiel, diesmal demaskiert jung, schön, dynamisch. Er als junger Kellner, gedacht als Alter-Ego zum Alten, der es mit dem Wohl der Gäste nicht so genau nimmt und seinen alten Kollegen ständig auf die Schippe nimmt, sie als puppenhaftes Model einer asiatischen Modezeitschrift, immer auf Reisen. Man kommt sich näher, tanzt und rappt miteinander. Der junge Kellner betrinkt sich bis zum Umfallen, Partystimmung allenthalben.

Urs Bihler als greiser Kellner und Larissa Keat als divenhafte Schönheit.

Schnell ist der Spuk vorbei, Ernüchterung kehrt ein. Die Jungen verschwinden, der Alte resümiert über sein vertanes Leben im Dienste der Gäste, beklagt sich über mangelnde Anerkennung, verdammt alle modernen Errungenschaften, prangert Krieg und Umweltzerstörung mit abstrusen Vergleichen an und entschwindet mit den Worten «Ich habe gemacht, was ich konnte» im künstlichen Schneegestöber in der Dunkelheit des Schiffbau-Vorplatzes.

Keine meisterhafte Inszenierung

«Und wir wissen bald nicht mehr ganz genau, ob dies alles Spiel ist oder ob wir mitten ins Leben blicken», heisst es dazu in der Programmvorschau. Die Inszenierung ist keine Meisterleistung, der Text verwirrlich und ermüdend. Vorab der radikale Rundumschlag mit pauschaler Zivilisationskritik zum Schluss ist völlig deplatziert und billig gemacht. Zurück bleibt eine gewisse Ratlosigkeit.

Abgang im künstlichen Schneegestöber. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

Umso mehr verdient die schauspielerische Leistung lobende Erwähnung. Grandios, wie Urs Bihler den alten Kellner differenziert charmant und vornehm gibt, wie facettenreich er das Alt- und Alleinsein verkörpert, wie er gegen alles aufbegehrt und zum Schluss resigniert und verbittert abtritt. Grossartig auch die Auftritte von Larissa Keat und Nicolas Batthyany als maskiertes älteres Ehepaar mit ihren umwerfenden Slapstickeinlagen zu Beginn, später unmaskiert als Model auf Stöckelschuhen mit puppenhaftem Lächeln und als junger Kellner, der seinen Frust gekonnt bis ins Koma auslebt. Dafür gabs am Premierenabend viel anerkennenden Beifall.

Weitere Spieldaten: 14., 18., 19., 20., 24., 28., 29., 30. Juni

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