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Arme Migros

Oder wenn das „Soziale Kapital“ verloren geht.

Ein gewöhnlicher Alltag. Ich stehe im lokalen Migros-Laden in der Schlange, habe das Nötigste in den Einkaufskorb gelegt, möchte schnell zum nächsten Termin. Von den drei Kassen ist nur eine besetzt. Bedient wird eine ältere Frau, wohl nicht älter als ich. Nur: Älter sind immer nur die andern. Die Kassiererin, eine junge Frau, wie ich wahrnehme, verlässt ihr Kabuff, schlängelt sich hinaus, nimmt zwei Säcklein der Frau mit Obst oder Gemüse in die Hand, geht sie wohl wägen, nehme ich an, kommt zurück, und dann sagt die Frau noch etwas. Wieder verlässt die Kassiererin ihre Kasse und holt etwas, kommt mit zwei Packen Milch zurück.

In der Schlange nimmt die Unruhe zu, das Murren ist nicht zu überhören, einige bewegen sich an Ort ungeduldig. Die junge Frau an der Kasse beeindruckt das nicht. Im Gegenteil: Ich bemerke, wie sie der Frau lächelnd etwas mitteilt, wohl den Betrag für den Einkauf. Die gräbt in ihrer Tasche, findet endlich ihren Geldbeutel, kramt eine Karte heraus. Die Kassierin schüttelt den Kopf, die Frau sieht nach. Endlich hat sie gefunden, was sie zum Zahlen braucht. Ganz sachte tippt sie die Zahlen ein, muss den Vorgang noch einmal wiederholen. Die Kassierin beugt sich vor, spricht mit der Frau, hilft ihr irgendwie. Es klappt. Ein Aufschnaufen geht durch die Schlange. Endlich. Die Frau müht sich mit dem Einpacken ab. Ein junger Mann hilft ihr. Dann sehe ich, dass die Frau nach einem Stock greift, langsam, ganz vorsichtig schickt sie sich an, den Laden zu verlassen. Der junge Mann trägt die Einkaufstasche bis zum Ausgang, kommt zurück in die Schlange, nimmt wieder seinen Platz ein, ruhig, ganz gelassen.

Nun geht alles wieder fix. Die Frau vor mir, im mittleren Alter, nach wie vor in hässiger Stimmung, kann es nicht lassen, feixt die junge Frau an der Kasse an: „“Mussten sie der alten Frau auch noch Milch holen?“ Die Kassiererin setzt ein sanftes Lächeln auf und meint kurz und bündig: „Sie werden auch mal älter“. Ich kann ein vernehmliches Lachen nicht verklemmen. Die Frau dreht sich rum, starrt mich entsetzt an, dreht sich wutentbrannt wieder der Kasse zu, erledigt hastig den Zahlungsvorgang und verschwindet, nicht ohne mir noch einen bösen Blick zuzuwerfen.

Und welch ein Zufall. Links von der Kasse prangt der „Blick“ im Zeitungständer. Mit dicken Lettern wird von der Raiffeisen-Bank berichtet, von Patrick Gisel, der seinen Abgang ankündigt. Ich schnappe ein Exemplar, lege es zum Einkauf. Das interessiert mich, wie berichtet der „Blick“ über diese endlose Affäre um die Genossenschafts-Bank? Rückt nach Pierin Vincenz nun auch noch Patrik Gisel, die ganze Geschäftsleitung gar, in den Fokus der Justiz?

Die Kassierin begrüsst mich, wie wohl alle Kunden. Ich sehe in ein freundliches, in ein schönes dunkles Gesicht, ich beobachte, wie sie mit schlanken Händen ihren Job macht, elegant, ohne ein Aufheben zu machen. Charmant nennt sie den Betrag. Sie versetzt mich in eine aufgeräumte Stimmung, meine Sympathie hat sie gewonnen, mehr noch: meinen Respekt. Zu Hause lese ich, dass Patrick Gisel, der CEO der Raiffeisen-Bank, mit einem Gehalt von 1,2 Mio. Franken und möglicherweis noch mit einem Bonus von etwa 800`000 Franken rechnen kann. Das sei im Vergleich zum CEO bei der UBS, dem bei der Credit Suisse vergleichsweise ganz wenig. Diese verdienten so gegen 10 Mio. Franken pro Jahr, steht im „Blick“.

Ich werde nachdenklich: Die Botschafterin der Migros, die junge Frau an der Migros-Kasse, verdient 22 bis 25 Franken pro Stunde, also zwischen 3500 bis vielleicht 4000 Franken im Monat, denke ich, rund 200mal weniger als die Bosse der UBS und der CS. Auch ihr oberster Chef der Migros verdient etwa 30mal mehr als sie. Dafür hat Fabrice Zumbrunnen, der neue Migros-Chef, jüngst 70 Personen in seiner Verwaltung, im Migros-Genossenschaftsbund, entlassen, obwohl es im Riesenkonzern von rund 105`000 Mitarbeitenden zweifellos Platz für sie gegeben hätte. Die Fluktuationsrate ist sicher weit grösser. Nur: Die Absicht ist klar und verstimmt. Mit der Aktion will er wohl signalisieren, dass auch ein Job bei der Migros nicht sicher ist, dass Wohlverhalten, strikte Leistung mehr zählen als das von Gottlieb Duttweiler dem Konzern verordnete Leitbild des „Sozialen Kapitals“.

Ich wundere mich, dass niemand in der Migros den Aufstand wagte. Einer gekündigten Person beispielsweise ist noch vor kurzer Zeit ein glänzendes Zeugnis ausgestellt worden mit der Bemerkung „Hervorragendes für das Unternehmen zu leisten“. Der Widerspruch zwischen Notwendigkeit und Willkür ist offensichtlich.

Ich habe Respekt vor all denen, die trotzdem mit einem sanften Lächeln ihren Job an der Front machen. Mehr noch: Dass sie ganz persönlich Zeit und Mut finden, einer alten, gebrechlichen Frau das Einkaufen zu erleichtern, sogar in Kauf nehmen, dafür angemotzt zu werden. Ich bin aber nicht sicher, auf welcher Seite Fabrice Zumbrunnen stehen würde. Auf der Seite der charmanten Kassiererin oder auf der Seite der motzenden Kundin. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass ich mich irren könnte. Gottlieb Duttweiler hat für sein gigantisches Lebenswerk nämlich mehr verdient als kalt rechnende Manager, die nur eines im Sinne haben: satte Gewinne. Der Migros-Genossenschafts-Bund ist kerngesund, reich. Wenn er der Konkurrenz auch künftig die Stirn bieten will, dann muss er sich an seine Wurzeln erinnern, an das „Soziale Kapital“. Dazu gehört in erster Linie auch das Personal mit seiner – hoffentlich – ungebrochenen Innovationskraft. Und mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

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