Gesellschaft

Im Schlaf küsst dich die Muse

Mit der Ausstellung «Schlaf gut» schärft das Vögele Kultur Zentrum den Sinn für den Schlaf als Quelle der Inspiration.

Der Mensch verschläft etwa ein Drittel seiner Lebenszeit. Verschlafen? Die Ausstellung «Schlaf gut» stemmt sich gegen das Bild vom Schlaf als Zeitverschwendung. Stiftungsratspräsidentin Monica Vögele beschreibt ihre Begegnung mit einem Raumpfleger im Flughafen Singapur, der zwischen dem Einsammeln von Abfällen kurze Nickerchen eingebaut habe. Daran habe sich niemand gestört, auch nicht sein Vorgesetzter. Heute bahne sich in der Bedeutung des Schlafs ein Wendepunkt an, bestätigen die Kuratorinnen Simone Kobler und Ulrike Wehner und Szenografin Antonia Banz beim Rundgang zur Ausstellungseröffnung.

Die Ausstellung gliedert sich in sieben Bereiche: der Rhythmus von Schlafen und Wachsein, das Schwinden einer Selbstverständlichkeit, die Verletzlichkeit des Schlafenden, Effizienzsteigerung oder Wendezeit, Traum und Tod.

Ulrich Eller, Über Stille, 2008, Klanginstallation. 2018, Pro Litteris, Zurich, Foto: Manuela Matt

Every day I wake up to find the world changes while I sleep.

Dieser Satz spielt zum Empfang als Lichterkette mit dem Schatten luftiger dunkler Tüllvorhänge. Dahinter vibrieren Daunenfederchen in feinen Bewegungen nach nicht mehr hörbaren tiefen Frequenzen aus Lautsprechern. Innere Ruhe und sichtbare Stille, Symbole für ein wohliges Einschlafen.

Rhythmus von Schlafen und Wachsein

Licht und Dunkelheit beeinflussen den Schlaf, stabilisieren den Rhythmus oder bringen ihn aus dem Lot. Die Frage nach der notwendigen Schlafdauer stellt sich erst seit der Erfindung der elektrischen Glühbirne. In der Ausstellung finden sich Beschreibungen von Wachbleib-Rekorden in Höhlen und Bunkern, Resultate von Forschungen nach der inneren Uhr, von Morgen- und Abendtypen und unterschiedlichen Schlafbedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen. Biologische Gegebenheiten lassen sich steuern durch persönliche Routinen und individuell angepasste Schlafhygiene. Fachleute diskutieren über die Folgen von Schlafdefiziten in Arbeitswelt und Schule.

Ausstellungsansicht Schlaf gut, Vögele Kultur Zentrum, Foto: Manuela Matt

Im Schlaf selbstvergessen und verletzlich

Schlaf gehört zur Intimsphäre. Grundsätzlich bemühen sich Menschen, behütet und gut bewacht zu schlafen, sofern es ihnen die Lebensumstände ermöglichen. Obdachlose, Flüchtlinge, Gefangene, Extrembergsteiger ringen um einen geborgenen Schlafplatz. Schlafende Menschen animieren die Kunstschaffenden. Stefan Draschan fotografiert schlafende Menschen in Museen. In der Videoinstallation «Sleepingsquad» von Manja Ebert lassen sich junge Menschen während des Schlafens live streamen. Mit «public viewing» arbeitet auch Virgile Novarina, der nachts in Wachmomenten im Tiefschlaf seine Wahrnehmungen aufschreibt und gelegentlich öffentlich in Schaufenstern schläft (am Samstag 17. November im SeedammCenter Pfäffikon).

Manja Ebert, sleepingsquad, 2016, Videoinstallation. Courtesy Manja Ebert

Der Traum als Türöffner zur Inspiration

Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wird an der Optimierung des Schlafs gearbeitet. Heute gilt die zweckfrei verbrachte Schlafenszeit als ökonomische Investition. Der Schlaf soll zur gesunden Selbstverständlichkeit zurückfinden, der Tiefschlaf wird als erweiterter Lernraum gewertet. Der Traum fördert die Gedächtnisbildung, die Verarbeitung von Tagesresten und hilft, neue Herausforderungen zu strukturieren.

Gut schlafen heisst nicht notwendig durchschlafen. Vögele Kultur Zentrum, Foto: Manuela Matt

Das Sprichwort «Eine Nacht darüber schlafen» gilt wieder als ernstzunehmende Empfehlung.

Weisheit oder Mär?

Die Ausstellungsbesucher werden zur interaktiven Mitarbeit eingeladen. Acht blaue Lämpchen beleuchten überlieferte Weisheiten zum verdienten Schlaf. Seifenblasen voller Mythen, sogenannte schlaffördernde Kräuter, auf einer Wäscheleine aufgereiht, und eine Wand voller Fragen laden den Gast ein zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Schlaferlebnis.

Schüler und Senioren tauschen ihre Erfahrungen

Im Mezzanin finden sich zum Thema «Worauf wir liegen» fünf Betten zur Schlafkultur und Bilder und Geschichten zum Schlaf und zum Traum. Lernende des schulischen Brückenangebotes des Berufsbildungszentrums Pfäffikon SZ (10. Schuljahr) haben Kurzgeschichten, Interviews, Illustrationen und Objekte geschaffen, die sie zusammen mit Seniorinnen und Senioren aus der Region erarbeiteten. Die Zusammenarbeit wurde von beiden Generationen als sehr beglückend empfunden.

Der eGuide des Vögele Kultur Zentrums bietet Kurzgeschichten und Kommentare zu einigen Werken und Objekten der Ausstellung «Schlaf gut», die eine Gruppe von Lernenden und Senioren erarbeitet haben. Die Ausstellung wird begleitet von einer Reihe von Veranstaltungen. Das Vögele Bulletin ergänzt die Ausstellung mit Referaten von Fachleuten und Betroffenen zum Thema Schlaf und mit Informationen über die Ausstellungsmacher und die 18 Kunstschaffenden.

Teaserbild: Cosima von Bonin, Moritz von Oswald, The Bonin/Oswald Empire’s, Nothing #04 (CVB’s purple kikoy sloth rabbit on pink table & MVO’s Kikoy Song), 2010, Kunsthaus Bregenz © Courtesy of the artist and Petzel Gallery NY. Foto: Rudolf Sagmeister

bis 24. März 2019
Vögele Kultur Zentrum: Ausstellung „Schlaf gut. Ist die ausgeschlafene Gesellschaft ein Traum?“
https://www.voegelekultur.ch/