Kolumnen

Erkennen, was ist

Oder wenn der Journalismus auf den Prüfstand kommt – eine unerwartete Begegnung

Ich sitze im Wartezimmer. Langweile mich, bin wohl der letzte Patient heute. Die NZZ und den Tagesanzeiger, auch die Aargauer-Zeitung, habe ich bereits gelesen. Ich fingere nach dem erst besten bunten Magazin. Ich halte “Cicero”, ein deutsches Magazin, bei der Gründung von der Ringier AG finanziert, gehört heute „Cicero“ den Herausgebern, in den Händen. Das Editorial ist mit “SAGEN, WAS IST” überschrieben, tatsächlich in Grossbuchstaben. Christoph Schwennicke, der Chefredakteur des Magazins, erinnert damit an einen Satz von Rudolf Augstein, dem Gründer des deutschen Nachrichtenmagazins “Der Spiegel”. An den Satz, den Augstein zum Leitstern für den Journalismus in seinem Haus erkoren hatte, der auch gross in der Eingangshalle des monströsen Spiegelgebäudes steht, das mit seinem hellerleuchteten Schriftzug hoch oben am Gebäude in Hamburg nicht zu übersehen ist. Eine Institution des Journalismus. Schwennicke kündigt in seinem Editorial den „renommierten“ Medienwissenschaftler Michael Haller an. Haller komme zum Befund, dass der Narzismus eines Ego-Journalismus und moralischer Überschuss an die Stelle der kühlen Berichterstattung getreten sei.

Ich werde hellwach, sogar etwas nervös. Das will ich lesen, hoffe plötzlich, dass der Arzt noch etwas auf sich warten lässt. Plötzlich sehe ich mich ins Jahr 1967 versetzt. Ich teile mit Michael Haller ein Büro auf der Redaktion der damaligen Basler “National-Zeitung”. Er 22 Jahre alt, ich, ein Jahr älter, habe eben den ersten Journalistenkurs der Zeitung absolviert, mache erste journalistische Gehversuche in der Wirtschaftsredaktion und bin daneben für das Lokale, insbesondere für die Regio Basiliensis tätig. Michael Haller ergänzt die basellandschaftliche Redaktion. Die “Nazi-Ziitig”, wie sie damals im Volksmund genannt wurde, will mit ihm das Baselbiet erobern. Michael Haller studierte daneben Soziologie, setzte sich mit Leidenschaft mit dem Journalismus auseinander und lässt es nicht mit der Berichterstattung aus dem Baselbiet bewenden. Er schreibt Reports, einen über die Mitbestimmung bei Firestone in Pratteln, setzt sich mit staatspolitischen Fragen auseinander. Und ganz speziell: Er beginnt, Handbücher für den Journalismus zu schreiben, später verfasste er Standardwerke für die Journalistenausbildung. Zu Beginn der 70-iger Jahre trennten sich unsere Wege. Er schloss sein Studium ab, ich wechselte ins Schweizer Fernsehen, wo ich zuerst für die deutschsprachige Tagesschau verantwortlich zeichnete, die damals für alle drei Sprachen in Zürich produziert wurde. Michael Haller heuerte nach seinem Abschluss beim “Spiegel” an, wechselte in die Redaktion ”Die Zeit” und fand dann zu seiner Leidenschaft: zur Lehre. Er war bis 2010 Professor für Journalistik an der Universität Leipzig. Im Auftrag der deutschen Otto-Brenner-Stiftung verfasst er die 2017 erschienene Studie “Die Flüchtlingskrise in den Medien”.

Je tiefer ich den Text Hallers im Magazin “Cicreo” eintauche, desto vertrauter erscheint mir der Autor. “Demokratisch organisierte Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass sich die Bürger aus unabhängiger Sicht möglichst zutreffend über die relevanten Vorgänge und Positionen ins Bild setzen können.” Mir schien, ich sitze wie 1967 im Büro und höre Mike zu, wie er damals dozierte und wir ihn damals nannten.

Nichts hat sich an diesem journalistischen Anspruch geändert. Doch die Medienlandschaft ist eine ganz andere geworden. Präsident Trump hat bis jetzt über die sozialen Medien über 6’500 Lügen verbreitet, wie die „Washington Post“ auflistet. Der Spiegel-Journalist Claas Relotius, eben erst enttarnt, hat mindestens 50 Artikel nicht so geschrieben wie „Was ist?“, sondern was ihm dazu einfiel, was dazu passte, was den Artikel vor allem zu einem machte: preisverdächtig. Und tatsächlich: Er heimste unzählige Preise ein für seine mit Fantasie, gar mit nicht geführten, erfundenen Interviews, speziell erfundenen  Personen mit erdachten, dazu passenden Statements angereicherten Reportagen und Hintergrund-Geschichten. Auch in der „NZZ am Sonntag“, in der „Weltwoche“, im Magazin „Reportagen“ fanden Artikel von Relotius Aufnahme. Was sich so süffig liest, sind Machwerke, die zur Steigerung der Leserschaft beitragen sollten.

Trotz neuer Medien, trotz Politiker, trotz unseriösen, erfinderischen Journalisten, die sich weder um die Wahrheit noch um deren Wirkung kümmern, ist es eben uns überlassen, kritisch zu sein. Wir haben ein Sensorium zu entwickeln, um aus der Vielfalt der Angebote in allen Medien das zu erkennen, was uns als Staatsbürger kompetent macht: ERKENNERN, WAS IST.

PS. Erstaunlich: Die erwähnte „Cicero“-Ausgabe ist mit dem Erscheinungsdatum Januar 2018 versehen. Seit dieser Zeit liegt die Ausgabe wohl  in der Arztpraxis auf, hat aber an Aktualität kaum etwas etwas eingebüsst. Im Gegenteil!