Gesellschaft

Menschenopfer als Stabilisator

Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich folgt der Spur des Sündenbocks und hinterfragt kollektive Gewalt von der Vorzeit bis zur Gegenwart.

Die Ausstellung thematisiert ein düsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte und doch zeigen die Untersuchungen, dass Menschenopfer in Krisenzeiten für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft durchaus stabilisierend wirken konnte: Ritualmord, Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, willkürliche Todesurteile erscheinen uns abartig und fremd. Doch es gab schon früh Bewegungen, die versuchten, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Und wie steht es um die Gewalt bei uns heute? Ein Audio-Guide begleitet den Besucher beim Rundgang, so dass keine langen, ermüdenden Texte zu lesen sind. Und es ist erfreulich, wie viele Besucher sich in das Thema vertiefen.

Interessierte Ausstellungsbesucher beim Thema: „Die moderne Gewalt“. Foto: © Ruth Vuilleumier

Die Ehrfurcht vor der Geschichte der Hochkulturen, sei es das alte Ägypten, das klassische Griechenland, die Römer oder die esoterisch oft idealisierten Kelten, blendet den Schatten der Menschenopfer gerne aus. Das minoische Griechenland schickte alle neun Jahre sieben Jünglinge und Jungfrauen als Opfer nach Kreta, um das Land vor Krankheit und Unbill zu schützen. Auch Stadtgründungen kennen den Opfermythos, wie der Brudermord von Romulus an Remus. Nicht der Getötete wurde zum Held, sondern der Täter, nach welchem die Stadt Rom genannt wurde. Wenn ein römischer Staatsmann starb, fanden ihm zu Ehren während der Totenfeier Gladiatorenkämpfe statt. Die Römer versuchten schon 97 v.Chr. Menschenopfer zu verbieten und an ihrer Stelle ein Rind zu opfern. Doch offenbar war dieses Opfer nicht so wirksam, so dass sich das Verbot erst 400 Jahre später durchsetzen konnte.

In der hinteren Vitrine liegen Schädelfragmente sowie ein Skelett von Pfahlbauer-Kindern in der Bronzezeit um 900 von Christus. Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum

Die Pfahlbauer opferten Kinder, um sich vor Katastrophen zu schützen, wie die Gebeine und Kinderschädel aus der Bronzezeit aus Deutschland zeigen. Es waren stets die schwächsten der Gesellschaft, die man opferte. Die Kelten enthaupteten nicht nur ihre Gegner und spiessten deren Schädel demonstrativ auf, sie opferten auch eigene Leute, die sie in Krisenzeiten ertränkten, strangulierten und verbrannten. 1859 wurde im Moor in Dänemark der Kopf einer jungen Frau gefunden, die 200 n.Chr. erschlagen und im Moor versenkt wurde. Das Moor konserviert alles Organische, so kommt sie uns mit ihrem roten Haar in kunstvoll geflochtenen Zöpfen, ihrem Gesicht, ihrem Schrei sehr nahe.

 

Im Mittelalter und der Neuzeit gab man Frauen die Schuld für Naturkatastrophen und Krankheiten und verbrannte sie als Hexen, auch Andersdenkende landeten auf dem Scheiterhaufen, wie Jan Hus, der die Kirche zur Abkehr von Verschwendung mahnte. Man beschuldigte Juden und ermordete sie bis in unsere Zeit, was im Holocaust seinen Höhepunkt fand. Fremde, Homosexuelle, Menschen, die nicht ins gängige Gesellschaftsbild passten, wurden zu Sündenböcken, wie eine Reihe von Schriften und Bilder in verschiedenen Vitrinen zeigen.

Anlässlich des Konstanzer Konzils richten die Geistlichen den Theologen Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Ulrich von Richental, „Concilium zu Konstanz“, Augsburg, 1483, Kantonsbibliothek Thurgau. Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum

Frühe Anstrengungen Menschenopfer zu verhindern, finden sich im Judentum in den zehn Geboten. Zur Entladung negativer Strömungen belud man einen Schafbock symbolisch mit den Sünden des Volkes Israel und schickte ihn als Sündenbock in die Wüste, was der jährlichen Versöhnung zwischen Gott und Mensch diente. Das Christentum schaffte mit der Leidensgeschichte Jesu erstmals eine neue Perspektive. Jesus, der Gottessohn, der alles Leiden der Welt auf sich nahm: Mitleid und Liebe als hoffnungsvolle Vision. Doch auch diese Vision forderte in ihrem Namen wieder neue Opfer.

Christusfiguren erzählen von der Passionsgeschichte. Foto: © Ruth Vuilleumier

Die Aufklärung mit der Entwicklung naturwissenschaftlicher Studien und Messgeräten sollte unerklärliche Phänomene verständlich machen und Menschenopfer verhindern. Doch sind Verzweiflung und Zorn einmal zu gross, können Vernunft und guter Wille kaum dagegen halten, unabhängig von Religion und Kultur. Opfer haben ihren Sinn dahingehend, dass Aggressivität, Wut, Neid, Verzweiflung in Krisenzeiten auf die Schwächsten in der Gesellschaft abgeleitet werden, was den Frieden innerhalb der Gemeinschaft sichert. Das Opfer als Ventil zur Stabilisierung der Gesellschaft, wie in der Ausstellung dargelegt wird.

 

Der Schluss widmet sich der modernen Gewalt. Zahlreiche Bildtafeln zeigen heutige Opfer der Gesellschaft. Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, geistiger Behinderung, ihres Andersseins, wegen einer Aussage oder einer falschen Anschuldigung ausgegrenzt, verurteilt und sogar ermordet werden. So wurde der kolumbianische Fussballer Andrés Escobar wegen eines Eigentors an der Fussball-WM gegen die USA 1994 in seiner Heimat erschossen. Oder 2007 brachte die Engländerin Fiona Pilkington sich und ihre 18-jährige Tochter um. Sie wurde zehn Jahre lang von einer Jugendgang terrorisiert, weil die Tochter geistig behindert war. Weder Polizei noch Sozialbehörde unterstützten die alleinerziehende Mutter. Es sind meist Ereignisse, von denen wir gehört oder gelesen haben. Wir sind jeweils entsetzt und froh, wenn es weit weg von uns passiert.

 

Doch es kann auch in unserer nächsten Umgebung geschehen. So musste ich fassungslos lesen, dass sich in meiner Nachbargemeinde Spreitenbach die 13jährige Sabrina am 28. August 2017 das Leben nahm, weil sie im Internet mit Hass bombardiert und gemobbt wurde. Ein Drama, das einem nahe geht.

Sündenböcke in unserer Gesellschaft: Carlo Jagmetti, John Hron, Jörg Kachelmann, Jean-Louis Jeanmaire, Elisabeth Kopp. Foto: © Ruth Vuilleumier

Ausstellung bis 30.6.

Teaserbild: Kopf einer Frau aus einem Moor in Dänemark, 200 n.Chr. Foto: © Ruth Vuilleumier.