Gesundheit

Raus an die Sonne, rein in den Frühling

Frühling ist doch die schönste Jahreszeit. Die Natur erwacht, es wird wärmer, heller alles ist im Aufbruch. Weshalb nur fühlt sich dann fast die Hälfte der Bevölkerung so unendlich müde?

Es ist paradox. Jetzt, wo alles dazu einlädt, den Wintermief im Haus und in der Seele schleunigst zu verabschieden und zu geniessen, wie alles neu zu grünen und blühen beginnt, da möchten viele morgens am liebsten im Bett bleiben und die Decke über die Ohren ziehen. Frühjahrsmüdigkeit.

Ob die Schneeglöckchen auch so müde sind? Wohl kaum. Sie sind ja den ganzen Tag an der frischen Luft und geniessen jeden Sonnenstrahl. (B.R.)
Manchmal frage ich mich, ob das ein neues Phänomen ist. Früher, zu Zeiten unserer Mütter und Grossmütter, da war doch im Frühling keine Frau müde. Im Gegenteil. Da wurde in den ersten wärmeren Tagen begonnen, die Wohnung auf den Kopf zu stellen, die Fenster zu putzen und auch die hinterste, dunkelste Ecke gründlich zu fegen. Im Schlafzimmer wurden die Matratzen an die Frühlingssonne geschleppt und alle Teppiche energisch an der frischen Luft geklopft. Dass die Männer, solange sie nicht mit anpacken mussten, oft schon vom Zuschauen müde werden konnten, würde zumindest die Frühjahrsmüdigkeit beim männlichen Geschlecht erklären.

Was macht denn eigentlich so müde?

Heute  wird Frühling nicht mehr mit gründlichem Hausputz gleichgesetzt – höchstens noch mit der Sorge, wie sich die im Winter unter den Pullovern angesetzten Fettpölsterchen möglichst schnell eliminieren lassen. Was zwar auch anstrengend sein kann, aber so richtig müde wird man dabei ja nicht.

Also muss die Frühjahrsmüdigkeit andere Gründe haben. Vielleicht sind die Reserven nach den langen Winterwochen einfach aufgebraucht, die körpereigenen Batterien leer? Wobei das heute auch kein Problem mehr sein sollte. In den Läden steht jederzeit ein grosses Angebot an frischem Gemüse und Obst zum Verkauf – die Zeiten, als sich der winterliche Menüplan vor allem auf Kohl, Kartoffeln und Wurzelgemüse beschränkte, sind vorbei.

Die Wissenschaft hat natürlich des Rätsels Lösung parat. Es ist das vegetative Nervensystem, das im Frühling aus dem Takt gerät. Denn wenn die Tage länger werden, setzen hormonelle Prozesse ein, die nicht ganz ohne sind: Die Produktion des „Glückshormons“ Serotonin muss angekurbelt werden, während gleichzeitig der Melatoninspiegel sinken sollte. Diese hormonelle Umstellung von Winterdunkelheit auf Frühlingsgefühle ist für den Körper ein Kraftakt. 

Winterzeit – Sommerzeit

Zumal mitten in die Umstellung noch der Wechsel von der Winter- zur Sommerzeit hinzukommt. Das heisst, das ganze System wird zusätzlich strapaziert. Immerhin dauert es rund einen Monat, bis es am Morgen dann wieder so hell ist wie am Tag vor der Zeitumstellung. Kein Wunder, dass nach neusten Erhebungen knapp die Hälfte der Bevölkerung sich im Frühling richtig schlapp fühlt.

Das gute alte Gänseblümchen soll, als Tee oder in Smoothies genossen, neue Energie bringen. Über den Salat gestreut, verbreitet es zudam am Tisch Frühlingsgefühle.
Abmildern lassen sich die Symptome vor allem mit viel Licht und Bewegung. Das heisst, morgens raus aus dem Bett und einmal zügig rund ums Quartier marschiert. Über Mittag den Kaffee draussen an der Sonne trinken oder, bei jedem Wetter, einen längeren Spaziergang oder eine Wanderung unternehmen.

Neuer Schwung dank Kräutern

Bei der Gelegenheit könnten auch, abseits viel begangener Wege und auf ungedüngten Wiesen und an Waldrändern, die ersten Kräuter wie Bärlauch, Sauerampfer, die ersten Löwenzahnblätter, Gämseblümchen und die jungen Triebe der Brennnessel gesammelt werden. Alle diese Pflanzen regen den Stoffwechsel an, stärken Leber und Galle und enthalten Vitamine und Mineralstoffe. Als Tee oder – in kleinen Portionen – auch in Smoothies genossen, helfen sie mit, uns wieder in Schwung zu bringen.

In der Apotheke wird zudem Rosenwurzextrakt empfohlen. Dieses in der Volksmedizin seit langem bekannte Mittel soll gegen Müdigkeit, Stress und depressive Verstimmung helfen. Rosenwurz ist übrigens nicht, wie der Name sagt, ein Produkt aus den Wurzeln der Rose, sondern ein alpines Dickblattgewächs.

Ein bisschen „katholisch“ leben

Auch die katholische Kirche hat einen Ratschlag parat: Fastenzeit. Damit ist nicht der Verzicht auf Nahrung gemeint. Die vierzigtägige Busszeit nach Aschermittwoch bis Ostern verlangt lediglich, auf Genussmittel und Fleisch zu verzichten. Das ist in etwa das, was Mediziner gegen Frühjahrsmüdigkeit empfehlen. Denn der Darm, die Energiezentrale im Körper, regelt viele Funktionen und beeinflusst unsere Gesundheit und unser Wohlergehen viel stärker, als lange Zeit angenommen. Wer seinem Darm deshalb ein paar Wochen lang etwas leichtverdauliche und darmschonende Kost gönnt, tut sich selber viel Gutes. Eine gesunde Darmflora hilft mit, den Wintermief aus den Knochen zu vertreiben und sich sommerfit zu machen.
Wer also „katholisch“ lebt und für 40 Tage zuckerhaltige Genussmittel, Fleisch und Fette (weitgehend) meidet, der macht vieles richtig. Wer dann noch das wachsende Gemüse- und Früchteangebot nutzt, der wird sich bald über neuen Schwung und neue Energie freuen.