Kultur

Diese Frau zeigt es den Männern

Mit dem Spielfilm «God exists, her name is Petrunya» ist der mazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska eine Satire über eine patriarchale und phallokratische Gesellschaft gelungen.

Petrunya, 31, lebt noch bei den Eltern, sucht Arbeit und einen Sinn im Leben. Auf dem Rückweg von einem Vorstellungsgespräch, das für sie nicht nur erfolglos, sondern auch demütigend war, trifft sie auf die lokale Dreikönigsprozession und folgt dieser zum Fluss, wo der Pope ein Holzkreuz ins Wasser wirft, das die versammelten jungen Männer retten sollen. Ohne viel zu überlegen, springt auch Petrunya und schnappt sich das Kreuz. Der Skandal ist perfekt! Die Frau hat Männerregeln gebrochen.

Mit «Gott existiert, ihr Name ist Petrunya» trifft die mazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska den Nerv der Zeit. Dabei ist ihre Heldin alles andere als eine Frauenrechtlerin. Sie lässt bloss ihren gesunden Menschenverstand walten und redet so, wie sie denkt und fühlt, egal ob es gesellschaftlich korrekt ist oder nicht. Dadurch hält sie der selbstgerechten Männerwelt einen Spiegel vor, zeigt, wie Religionen, gedeckt von Politikern und Beamten, die absurdesten Regeln, besonders gegen Frauen, aufrechterhalten. Als Inspiration für den Film diente der Regisseurin eine wahre Geschichte, die sich vor einem Jahr zugetragen hatte, welche die Regisseurin im Film jedoch auf die Spitze treibt.

Petrunya ist studierte Historikerin, weiss nicht, was sie im Leben machen soll. Ihre Mutter will sie in die Gesellschaft einpassen, ihr Vater lässt ihr Freiheit. Den Sprung ins Wasser machte sie spontan, denn es ist versprochen, dass ein Jahr lang Glück hat, wer das Kreuz erwischt, und das könnte sie gut brauchen.

In Form einer Satire führt die Regisseurin uns eine patriarchale und phallokratische Gesellschaft vor, gegen die Petrunya, grossartig gespielt von Zorica Nusheva, sich auflehnt. Diese Frau zeigt es den Männern! Denn dieses religiöse Ritual ist seit Menschengedenken männlichen Wesen reserviert. 

Petrunya, schneller als die Männer

 Erste Annäherungen …

 Mit dem Titel «God exists, her name is Petrunya», dessen Wortlaut schon herausfordert, hält die Regisseurin der von sich eingenommenen und selbstgerechten Männerwelt einen Spiegel vor. Die Hauptfigur ist von Anfang an als feministische Heldin inszeniert, die sich selbstbewusst gegen traditionelle Rollen ankämpft. Auch wenn sie immer wieder verletzender Kritik ihres Körpers wegen ausgesetzt ist, wirkt sie nie wie ein Opfer, sondern stets wie eine Kämpferin. Ästhetisch zeigt sich das in häufigen Grossaufnahmen ihres Gesichtes und in der Zentrierung ihrer Ganzfigur im Bild.

 Petrunya, deren Leben exemplarisch für eine ganze Generation von Mazedoniern und vor allem Mazedonierinnen steht, ist jung, gut ausgebildet, doch arbeits- und perspektivenlos. Der Film handelt also von einer Gesellschaft, die modern sein möchte, doch die Regeln von früher nicht ablegen kann, weil die Männer weiter davon profitieren wollen. Diese kämpfen verbissen für ihre Legenden und überholten Normen. Mit Biss spielt die Regisseurin gegen Strukturen, mit Empathie für ihre Heldin.

Ein Verhör folgt dem andern

Teona Strugar Mitevska, die Regisseurin, wurde 1974 in Skopje, Mazedonien, geboren, lebt gegenwärtig dort und in Brüssel. Schon als Kind kam sie zum Film. Dann absolvierte sie eine Ausbildung zur Grafikdesignerin und machte ein Filmstudium an der Tisch School of the Arts in New York. Ihr Kurzfilm «Veta» lief in Berlin im Panorama, mit ihrem Spielfilm «Jas sum od Titov Veles», der auf über 80 Festivals weltweit gezeigt wurde und über 20 Preise gewann, sowie mit «The Woman Who Brushed Off Her Tears» und «When the Day Had no Name» war sie erneut Gast der Berlinale.

Petrunya mit dem eroberten Kreuz

… und weitere Annäherungen

In den ersten Minuten wirkt «God exists, her name is Petrunya» wie ein religionskritischer Film aus Osteuropa, etwa Polen oder Ungarn; in diesem Fall ist Mazedonien der Schauplatz, ein vom orthodoxen Glauben geprägtes Land, das speziellen Traditionen folgt, so auch am Fest der Heiligen Drei Königen, das dem orthodoxen, julianischen Kalender folgend am 19. Januar stattfindet.

Leicht macht es Petrunya den Männern nicht. Denn sie verteidigt ruhig und gelassen ihre Position, ihr Recht auf das Kreuz, dass ihr als wenig religiöser Person im Grunde gar nicht wichtig ist, jedoch als Symbol für Glück, wie es mit dem Auffangen des Kreuzes verheissen ist, schon, denn Glück war ihr bislang kaum vergönnt, nicht nur, aber auch, weil sie als Frau in einer Männergesellschaft lebt.

Die absurde Komik des Skandals, der keiner ist, nutzt die Regisseurin dazu, um einen Röntgenblick auf die mazedonischen, indirekt auch andere Gesellschaften zu werfen: Länder, Gesellschaften und Religionen, die sich noch stark in veralteten, patriarchalen Strukturen befinden. Abgehängt von der Aufklärung, verharren die Menschen dort, vor allem die Frauen, in trister Hoffnungslosigkeit. Die Situation der Frauen ist hier wie dort ähnlich, bei uns vielleicht subtiler, unterschwelliger, versteckter. Die Regisseurin zeigt dies mit grossem Gespür für das Absurde. Im Grunde erzählt der Film die Parabel des weltumspannenden Phänomens des Frauenhasses, welcher die Forderung nach Gleichberechtigung bereits als Kriegserklärung versteht, die mit Waffen bekämpft werden muss.

Für gewöhnlich verweisen filmische Grossaufnahmen auf Intimität. Schockierend sind hier Momente, in denen die Kamera plötzlich Männergesichter in die Grossaufnahmen der Frau dringen lässt, deren angeschnittene Visagen die Intimität stören. Den ganzen Film charakterisiert ein hintergründiges, aber gleichwohl augenzwinkerndes Spiel der Bildausschnitte. Subtil und aufschlussreich gegen Schluss die verschiedenen Dialoge von Petrunya mit den Polizisten verschiedener Stufen, dem Popen, der Journalistin, ihrer Mutter und dem Justizbeamten. Damit erhält der Film die nötige leise Hoffnung, am schönsten im Lächeln der in die winterliche Freiheit hinaus marschierenden Heldin.

Die Ökumenische Jury würdigte an der Berlinale den Film als «wagemutige Schilderung der Verwandlung einer entmachteten jungen Frau in eine unverblümte Verteidigerin der Rechte der Frau».

Titelbild: Petrunya, die Antiheldin, die zur Heldin wird

Ab 9. Mai im Kino

Regie: Teona Strugar Mitevska, Produktion: 1919, Länge: 100 min, Verleih: trigon-film.org