Gesellschaft

Gartenträume und Traumgärten

Fast jeder und jede hat wohl eine Vorstellung, wie sein persönlicher Wunschgarten aussehen sollte. Der eine träumt von weiten Rasenflächen und sorgfältig gestutztem Buchs, die andere von einem duftenden Rosenbeet – und die ganz bescheidenen von einem Topf auf dem Fensterbrett mit einer Petersilie, die keine Läuse hat.

Gartenträume sind so verschieden wie es Menschen nun mal sind. Etwas unglücklich ist nur, wenn der eine Nachbar unermüdlich auch dem kleinsten Löwenzahn im Rasen zu Leibe rückt und jenseits des Gartenzauns alles fröhlich wuchert und blüht.

Brennnesseln oder Giftspritze

Auch was die Begriffe „Unkraut“ und „Schädling“ angeht, liegen die Meinungen oft weit auseinander. Die einen pflanzen Brennnesseln in einen weiten Topf, damit Schmetterlinge eine Kinderstube für ihre Raupen vorfinden, und andere spritzen ihre Rosen gegen so viele Gefahren und Schädlingsinvasionen, bis die Pflanzen eigentlich als Sondermüll entsorgt werden müssten.

Üppig grün und etwas wild, so muss mein Garten sein.

Ein Zipfelchen Traumgarten hat fast jeder. Und wenn es nur ein Balkonkistchen ist, wo zwischen den ewigen Geranien frech ein Büschel Basilikum und etwas Zitronenthymian wächst. Sonnenkinder sind alle drei und die Kräuter lassen einen Hauch von Sommerfröhlichkeit bis in die Küche wehen. Wer dann noch einen Topf mit einer mückenvertreibenden Duftgeranie in die Ecke stellt, hat bereits einen kleinen Garten der Sinne.

Wenn man früher meine Kinder gefragt hätte, wie ihr Traumgarten sein müsste, hätten sie von den kleinen Erdbeeren geschwärmt, die schmecken wie die guten alten Walderdbeeren, aber den ganzen Sommer lang unermüdlich blühen und fruchten. Und vielleicht hätten sie sich noch einen grossen Busch Katzenminze gewünscht. Weil es so drollig aussieht, wenn sich die Nachbarkatzen im Kraut so wohlig wälzen und nachher mit verzückten Mienen davon staksen.

Blau und weiss und etwas gelb

Mein Traumgarten ist erst mal grün und üppig. Himmelblaue Trichterwinden müssten sich zwischen den Ästen der Sträucher emporranken – und nicht schon im Jugendstadium von den Schnecken gefressen werden. Eine Fülle blauer Irisblüten, die sich wie Schmetterlinge im Wind wiegen, muss ich mir nicht wünschen, die sind gerade abgeblüht.

Ein kurzes Fest im Frühsommer, aber welch ein Blau! – Die grossen Irishorste.

Aber irgendwo müsste noch eine Oehnothera, eine Nachtkerze stehen. Sie gehört zu meinen frühesten Gartenerinnerungen: Bei meiner Grossmutter durfte ich an einem Sommerabend mit einem Glas Sirup in der Hand im Garten warten, bis sich die Blüten der Nachtkerzen entfalten. Eine nach der andern, mit einem gut hörbaren „Plopp“ – bis der ganze Strauch von Blüten übersät war. Das ist bis heute mein ganz besonderer Sommernachtstraum.

Schönheiten in der Nacht

Eine Tagträumerin bin ich selten, dafür ist immer viel zu viel los. Deshalb wohl liebe ich Nachtgärten über alles. Denn in der Nacht sind vielleicht alle Katzen grau – die Blüten sind es aber nicht. Wer einmal roten Klatschmohn in der Nacht gesehen hat, wird das nie vergessen. Die Blüten glühen förmlich aus dem Dunkeln, während rote Rosen zum Beispiel sich optisch schon längst abgemeldet haben. Dazu kommen viele weisse Blüten: Phlox, Wicken und die altmodischen „Kragenknöpfchen“, die eigentlich römische Kamille heissen. Und wenn sich des Nachts weisse Cosmeen wie träumende Schmetterlinge im Wind wiegen, dann wird man ganz still vor Freude.

Eine Oehnothera weckt Erinnerungen an meine frühste Kindheit. (Alle Bilder B.R.)

Rosen bräuchte es in meinem Traumgarten nicht unbedingt. Gut, so eine alte Duftrose, die fasziniert schon, aber sonst sind mir die Blütenköniginnen meist zu anspruchsvoll. Auf meine kleinen Fairyröschen, die auch schon bis zum Samichlaustag geblüht haben, möchte ich aber auf keinen Fall verzichten. Und ich liebe die einfachen Heckenrosen, die, wer weiss wieso, auch Hundsrosen heissen. Sie blühen zwar nur kurze Zeit, aber dafür in einer so verschwenderischen Fülle, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Im Herbst dann sind sie voller roter Hagebutten und hungrige Vögel turnen den ganzen Tag durch ihre Zweige.

Ein Duftgarten muss sein

Lavendel darf in meinem Garten ebenso wenig fehlen wie Minze und Zitronenmelisse. Meine Minze, die von Ennetbürgen zu mir verpflanzt wurde, riecht ein bisschen nach Schokolade und ist ein dankbarer, wenn auch etwas ungestümer Bodenbedecker. Dass sich hie und da eine oranggelbe Ringelblume in die Gartenidylle schmuggelt, sei ihr verziehen. Sie leuchtet mit ihrem Sonnengesichtchen so unschuldig aus dem Grün, dass man sie gar nicht ausreissen mag.

Mein Traumgarten ist, im Vergleich zu früher, klein geworden. Aber ein Feigenbaum hat immer noch Platz – und verwöhnt mich im Herbst mit einer Fülle süsser Früchte. An den sonnigsten Ecken stehen etliche Töpfe mit Zitronen. Weil die so gut riechen, wenn sie blühen und mir so viele Früchte schenken, dass ich meine Spezialität, Zitronenkonfitüre mit Chili einkochen kann. Dazu kommen im Sommer noch Himbeeren, Johannisbeeren – man merkt, mein Traumgarten ist gar kein Gartentraum sondern Realität.