Kultur

Einzigartiges barockes Wasserspiel

Wasser bedeutet Leben, ist unser kostbarstes Gut. Ein Gut, dem wir Sorge tragen müssen. Wasser bedeutet auch Vergnügen. In ihrer Sommer-Serie «Wasser» thematisieren die Mitglieder der seniorweb-Redaktion je eigene Sichtweisen zum Thema Wasser. Als Anfang ein kulturhistorisch vergnüglicher Aspekt: die barocken Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel.

Wasserspiele besitzen vielfach eine hintergründige Symbolik. In früheren Jahrhunderten wurden derartige Installationen, die anspruchsvolle Arbeiten auf dem zeitgenössischen Stand der Technik bildeten, auch als Wasserkünste bezeichnet. Die Wasserspiele entstanden in Italien in der Renaissancezeit. Berühmte Wasserspiele gab es dabei in der Gegend um Rom und Florenz sowie in Latium und Venetien. Wasserspiele entstanden in der Spätrenaissance und der Barockzeit aber vielfach auch im Raum des heutigen Österreich, in Deutschland, Frankreich und Spanien.

Zum Schluss der Höhepunkt: die 50 Meter hohe Fontäne im Schlossteich.

Nur wenige Anlagen sind erhalten, etwa die barocke Anlage im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel in Deutschland, die ihren Ausgangspunkt bei der Herkules-Statue auf der Wilhelmshöhe nimmt und auf Landgraf Karl (reg. 1677 – 1730) zurückgeht. Am ersten Junisonntag 1714 strömten im Bergpark Wilhelmshöhe die Wassersmassen zum ersten Mal die barocken Kaskaden herab. Damit war der Grundstein für ein Schauspiel gelegt, das seit 2013 sogar zum Unesco-Weltkulturerbe zählt und bis heute als Meisterwerk der Architektur- und Ingenieurskunst gilt: die Wasserspiele. Das weltweit einzigartige Schauspiel funktioniert heute noch wie vor über 300 Jahren.

Ausgeklügelte Steuerung durch übergrosse Wasserhähne

Das System der Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe basiert im Wesentlichen auf der Ausnutzung des Gefälles, dem Sammeln des Wassers in Zwischenspeichern, dem gezielten Erzeugen von Druck durch Anstauen und der ausgeklügelten Steuerung durch das Öffnen und Schliessen von sogenannten Schiebern, eine Art übergrosser Wasserhähne. Die Wasserspiele kommen ohne eine einzige Pumpe aus.

Das Wasser läuft die krummen Kaskaden hinunter.

Und bis heute ist der Oh-Effekt – wie letztes Jahr miterlebt – gross, wenn der erste Schieber geöffnet wird und das „Wassertheater“ beginnt. Dann läuft das Wasser die sogenannten krummen Kaskaden hinab, im darunter liegenden Artischockenbassin sprudeln die ersten Fontänen und plötzlich ertönt ein Knall. T-förmige Spiegeleisen sorgen dafür, dass das Wasser auf seinem Weg über die Kaskaden wie eine glatte, spiegelnde Fläche wirkt. Hinter dem Knall steckt – wie uns erklärt wurde – ein hypopneumatischer Effekt: Die in der Leitung eingeschlossene Luft wird durch das eintretende Wasser verdichtet, zur Fontäne transportiert und dehnt sich beim Austreten aus der Fontänendüse plötzlich aus – ein beliebtes Instrument barocker Wasserkünste.

Romantische Wasserkünste mit dem Steinhöfer Wasserfall (links). 

Erstellt wurde die Anlage in zwei Etappen. Rund fünfzig Jahre nach Erstellung des ersten Abschnitts widmete sich Karls Enkel, Landgraf Wilhelm IX, systematisch der weiteren Ausgestaltung des Bergparks zu einem englischen Landschaftsgarten und der Errichtung der romantischen Wasserkünste. Sie speisen sich – wiederum mithilfe des flachen Gefälles – unter anderem aus der Drusel. Der 50 Meter breite Steinhöfer Wasserfall bildet die erste Station. Sie erzählt die Geschichte eines verlassenen Steinbruchs, den die Menschen aufgeben mussten, weil sie eine Wasserader verletzt hatten. Die Natur, so lautet die Botschaft, hat am Ende über die Technik gesiegt.

Sechs Personen braucht es, um das mehr als einstündige Ereignis zu steuern. Talwärts wird das Wasser über eine Strecke von rund zwei Kilometer insgesamt 225 Höhenmeter überwinden. Zum Schluss öffnet ein Mitarbeiter den mit einem Scharnier verschlossenen Fontänenkopf und startet damit den Höhepunkt einer jeden Wasserspielvorführung. Wie ein Geysir schiesst der Wasserstrahl plötzlich mehr als 50 Meter in die Höhe.

Beleuchtete Wasserspiele an jedem ersten Samstag im Monat

„Wasser marsch!“ heisst es in den Sommermonaten jeweils mittwochs, sonntags und feiertags im Kasseler Bergpark Wilhelmshöhe. Vom 1. Mai bis zum 3. Oktober sprudelt dann das Wasser ab 14.30 Uhr wie schon zu Zeiten der Kurfürsten und Landgrafen Karl den Park hinab. Zwischen Juni und September finden darüber hinaus an jedem ersten Samstag im Monat beleuchtete Wasserspiele statt. Das Licht versetzt der sprudelnden Vorführung einen zusätzlichen Spezialeffekt.

Beleuchtete Wasserwand mit der Teufelsbrücke (oben) (Fotos: zvg)

Die Laserprojektion gliedert sich in zwei Teile: Zunächst können sich die Besucherinnen und Besucher auf eindrucksvolle Grafikprojektionen freuen, die animierte Figuren und Gebäude auf eine Wasserwand zaubern, darunter auch Kasseler Wahrzeichen wie den Herkules. Anschliessend finden sich die Besucherinnen und Besucher rund um den Fontänenteich inmitten einer spektakulären Beamshow wieder, die mit Musik und atemberaubenden Farbeffekten begeistert.

Mehr über Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe