Kolumnen

Hirschhorn trifft Walser in Biel

Ich bin ein Leben lang in Robert Walsers Kosmos herumgewandert. Ich habe seine Romane und Kurzgeschichten, seine Gedichte und Dramolette gelesen und geriet in eine Welt, in der man sich dauernd auf Überraschungen gefasst machen muss. Trotz scheinbar klarer Konturen findet man sich immer irgendwie im Ungefähren. 1985 erwarb ich den ersten Band von Walser Aufzeichnungen «Aus dem Bleistiftgebiet». Ihm folgten fünf weitere Bände. Die Aufzeichnungen mit millimeterdünn geschriebenen Texten, die mit Mühe ins Lesbare gesetzt wurden, sind ein Kosmos für sich. Hier fand ich erneut den Dichter, der versteckt mit leichter Hand poetische Perlen hervorzaubert, wie schon in seinen früheren Werken. Was da aus dem verstohlenen Dunklen auftaucht, muss jede poetisch fühlende Seele erfrischen. Da kritzelt er etwa hin: «Ob sich die Zeilen nicht wie von einer Serviertochter verfasst anhören werden?» Er schildert, wie ein Soldat sich um eine Serviertochter bemüht, spielerisch, kindlich, naiv. Der Autor labt sich an der Geschichte und den sprachlichen Einfällen und sagt: «Nicht wahr, man merkt, dass ich ein Dichter bin.»

Es war in den Medien nicht zu überhören und nicht zu übersehen, dass ein Künstler auf dem Bahnhofplatz in Biel eine Installation aufbaute, um auf den grossen Bieler Robert Walser aufmerksam zu machen. Ich lief auf den Treppen und Gängen der Holzgestelle dieser Skulptur hin und her, stiess überall auf Walser Zitate. «In allen Lagen / war mein Betragen / ohn` die ganzen Fragen / gar nicht zu sagen, / wer dürfte wagen / und wollte nicht zagen / an meinem Ruf zu nagen.» Thomas Hirschhorn, dem Künstler, der schon viele Betrachter seiner Installationen erschreckt hat, musste nicht um den Ruf des Dichters bangen. Der ist längst gefestigt. Die eher schräge Skulptur, die er Walser widmet, ist ein Experiment mit sozialer Dimension. Sie regt jeden an, Walser-Sätze zu lesen, die überall an Wänden und Brettern angeschlagen oder aufgemalt sind. Robert Walser, der 1956 in Herisau anlässlich einer Wanderung im Schnee den Tod fand, hätte gelacht und sich wohl auch gewundert, dass er als Weltbeschreiber so viel Aufmerksamkeit findet. Selbstbewusster aber als man ahnt, hätte er wohl Hirschhorn zugeflüstert: «Bin ich `nichts`, dann bin ich viel.» Hirschhorn hat ihn verstanden.

Dieses Projekt, das reichlich kritisiert wurde, hat durchaus seinen Reiz, weil es darauf angelegt ist, Kinder und Jugendliche anzuregen, kleine Texte zu schreiben und Zeichnungen zu malen, die sie an den Wänden befestigen können. An dem Tag, als ich auf dem Riesenwerk neugierig herumstöberte, tummelten sich einige Leute auf den Rampen, den Holzbrücken, die zu verschiedenen Zimmern führen, und versuchten heraus zu finden, was dies alles bedeuten könnte. Sie kauften Bücher, gerieten mühelos mit zufällig anderen Menschen ins Gespräch. Es handelte sich um keine haute culture und schon gar nicht um haute couture. In der Arena, einem offenen Platz auf dem Boden des Bahnhofplatzes innerhalb der Riesenplastik, sass eine Gitarristin und spielte eher traurige Weisen, neben ihr ergriff ein Schwarzer das Mikrophon. Ich verstand sein Französisch nicht. Dieser rief einem Kollegen, er solle nach unten kommen und seine Geschichte erzählen. Er berichtete über seine Flucht, die Gefahr auf dem Meer und beklagte sein Schicksal. Das Projekt ist eine Art Kommunikationsmaschine und erfüllt seinen Zweck. Die Leute fühlten sich auf und in ihm wie freie Vögel.

Mir jedenfalls erging es so. Als ich die Treppe hochgestiegen war, fühlte ich mich irgendwie verändert. War es das Gestänge und das Labyrinth von Hirschhorns Inszenierung oder war es die herzhafte Sprache des Poeten Walser, die so leicht dahinplätschert und doch tiefsinnig ist. «Ich habe Quellen des beständigen Krieges mit mir, ich führe in einem fort Krieg und schliesse wieder mit mir Frieden und bin so unausgesetzt in angenehmer Anspannung. Ich bin mein absolut eigener Erzieher, vielleicht ist es deshalb, dass ich mich danach sehne, erzogen zu werden.» Das ist Robert Walser! Dieser paradox anmutende Satz drückt mehr aus , als wenn ein Philosoph tiefgründig über die Identität spricht und nachweist, was der Satz der Identität für die Logik bedeutet: «Ein und derselbe, kann nicht zugleich ein anderer sein». Logisch heisst dies, das Ich kann niemals ein Nicht-Ich sein. Aus Walsers Wort aber spürt der Leser die menschliche Ambivalenz, dass er ein Ich zwar ist und doch nicht er selbst, wie es Rimbaud ausdrückt: «Le je n`est pas le moi.» In Hirschhorns Skulptur, die in sich nicht aufgeht und schliesslich ins Ungefähre, Unverbindliche abgleitet, ist alle Logik in Frage gestellt.