Kultur

Zwischen Profession und Persönlichkeit

Mit dem Spielfilm «L’Ordre des Médecins» schuf David Roux das Porträt eines engagierten Arztes: ein berührendes Erlebnis und ein herausfordernder Denkanstoss zum Thema Leben und Tod. 

Simon (Jérémie Renier), 37, Stationsarzt der Pneumologie-Abteilung eines französischen Spitals, ist ein junger, aufstrebender Arzt, den nichts aus der Ruhe bringt. Mit Engagement und Professionalität geht er seiner Arbeit als Lungenspezialist nach. Durch seine jahrelange Arbeit im Spital hat er gelernt, mit Krankheit und Tod umzugehen und sich emotional abzugrenzen. Doch als seine Mutter Mathilde (Marthe Keller) ins Spital eingeliefert wird, prallen private und berufliche Welten ungewollt aufeinander. Simons ideales Berufsbild gerät ins Wanken. Um seine Mutter zu retten, überschreitet er nicht nur persönliche Grenzen, sondern auch ärztliche Kompetenzen.

Der Regisseur David Roux zu seinem Film: «Die erste Einstellung mit fixer Kamera habe ich mir als eine Art thematischen Prolog gedacht, in welchem sich die Realität der Spitalwelt auf eine sehr direkte und prosaische Weise aufdrängt: Das Krankenhaus ist ein Universum, in welchem der Tod eine alltägliche Angelegenheit ist. Ich komme aus einer Ärztefamilie, beide meiner Eltern waren Stationsleiter, und wenn ich als Kind ins Spital ging, war das im Gegensatz zu den meisten Menschen ein vertrauter und sehr warmer Ort. Diese Empfindung ist der Ursprung dieses Films: Das Spitalmilieu wird in Filmen und Serien zwar sehr oft gezeigt, doch das Bild meiner Kindheitserfahrungen vermisse ich dort immer.» (Das integrale Interview steht im Anhang.)

David Roux wurde 1977 in Paris geboren. Während 15 Jahren war er als Theaterkritiker tätig, hat als Regieassistent und Literaturmanager in einer Filmentwicklungsfirma gearbeitet, bevor er zum Verfassen von Drehbüchern und Realisieren von Kurzfilmen übergegangen ist. «L’Ordre des Médecins» ist sein erster Langspielfilm.

Simons kranke Mutter Mathilde

TV-Serien und Spielfilm

Fernseh-Serien über Ärzte und Spitäler gibt es unzählige, beispielsweise die von der ARD produzierte «In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte», die von Sat.1 realisierte «Klinik am Südring» und zahlreiche US-Serien wie «Grey´s Anatomy». In jeweils dreiviertel Stunden geben diese Sendungen Einblicke in das Leben im Spital, die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte, die Ängste und Hoffnungen der Patientinnen und Patienten. Einige sind differenziert und interessant, leuchten vielfältige Aspekte des Spitallebens aus und vermitteln Einsichten, die auch beim Publikum Ängste und Hoffnungen ansprechen. Durch das Switchen zwischen mehreren Storys wecken sie alle paar Minuten Spannung und Entspannung – was uns am Apparat hält.

Der Langspielfilm «L’Ordre des Médecins» von David Roux hat ein anderes Format: Er geht während eineinhalb Stunden in die Tiefe einer einzigen Geschichte: jene des Chefarztes, seiner kranken Mutter sowie dem Beziehungsgeflecht des Spitalpersonals. Da die Arzt-Geschichte sich vornehmlich zwischen Sohn und Mutter sowie deren Familie abspielt, hat sie auch für ein breites Publikum Gültigkeit und vermittelt allgemeine Einsichten in das Verhalten von Menschen bei Schicksalsschlägen, auch im Anblick von Leben, Sterben und Tod.

 Simon mit der Internistin Agathe

 Zwischen Profession und Persönlichkeit

Der Spielfilm erzählt seine Geschichte realistisch, mit Augenmass und Präzision, aber auch mit Empathie und Fachwissen, was uns berührt. Er interessiert sich für die Dilemmata eines Arztes, dessen Privat- und Berufsleben sich verbinden und durcheinanderkommen können. Der Lungenarzt sieht sich in seinem beruflichen Wissen und seiner Erfahrung verunsichert, als seine Mutter mit einem fortgeschrittenen Krebs zu ihm ins Spital kommt. «L’Ordre des Médecins» ist weitgehend autobiografisch; David Rouxs Vater und auch sein Bruder sind Ärzte.

Grossartig und authentisch spielt Jérémie Renier den Part von Simon. Bei uns ist er bekannt aus verschiedenen Filmen der Gebrüder Dardenne. Auf demselben Niveau, zurückgenommen und dennoch präsent, Marthe Keller als Simons Mutter, in Frankreich dekoriert mit «L’ordre national de la Légion d’honneur». Bei uns im Kino unter anderem zu sehen in «L’économie du couple». Ausgezeichnet wie in einem Kammerspiel auch die übrigen Darstellerinnen und Darsteller, so Zita Hanrot als die junge Internistin Agathe, Maud Wyler als Simons Schwester Julia und Frédéric Epaud als Simons Arztkollege. Unterstützt wird das Spiel durch die Arbeit der Kamera von Augustin Barbaroux, die Musik von Jonathan Fitoussi und die Montage von Benjamin Favreul.

Julia mit ihrem Bruder Simon

Bereichernd für ein breites Publikum

«Sehr bald schon schleicht sich das Intime in die Spitalrealitäten ein, das Simons Distanziertheit aufbricht und seine Professionalität ins Wanken bringt», meint der Regisseur und fährt weiter: «Der Film ist sehr direkt von der Zeit inspiriert, als meine Mutter krank war. Gewisse ganz konkrete Momente haben sich entscheidend auf die Entwicklung des Projektes ausgewirkt. Zum Beispiel als unsere eigene Mutter in einem kritischen Zustand ins Spital eingeliefert wurde, und mein Bruder einer Patientin in etwa ihrem Alter einen Krebsbefund mitteilen musste. Obwohl er das bis anhin alle Tage gemacht hatte, war es in dieser Situation mit unserer kranken Mutter für ihn plötzlich nicht mehr dasselbe. In diesem Zusammenstoss von Professionellem und Persönlichem lag etwas Abgründiges. Ich habe mir gesagt, dass das vielleicht der Stoff für einen Film sein könnte.»

Der junge Filmemacher hat seinen privaten, familiären Hintergrund zu einer Fiktion, einen Spielfilm allgemeinmenschlicher Dimension verarbeitet. «L’Ordre des Médecins» ist ein Film mit einem dichten, eingängigen und inspirierten Szenario und mit intimen Erfahrungen, verbunden mit der Unerbittlichkeit des Lebens und einer universellen Reichweite: mit Verstehen und Wohlwollen in Szene gesetzt.

Interview mit David Roux, dem Regisseur von «L’Ordre des Médecins»

Regie: David Roux, Produktion: 2018, Länge: 93 min, Verleih: Cineworx

Titelbild: Simon, Arzt einer Pneumologie-Abteilung