FrontKolumnenCarla del Ponte - die Furchtlose

Carla del Ponte – die Furchtlose

Sie ergriff das Mikrofon, entledigte sich ihrer Notizzettel und legte einfach los, 45 Minuten lang. Soeben war Carla de Ponte am World Demographic & Ageing Forum* 2019 im Audimax der Universität St. Gallen der Erich Walser-Preis** verliehen worden. Bundesrat Ignazio Cassis hatte sie in seiner Laudatio alsGentile Dottoressa Carla del Ponte» begrüsst und legte dar, dass sie beide nebst der Tessiner Herkunft noch Weiteres gemeinsam hätten: „Beide sind wir Freunde des direkten und ehrlichen Wortes, und wir beide mögen eines nicht, Floskeln“.

Carla del Ponte habe es verstanden, im In- und im Ausland eben klare, unmissverständliche Botschaften zu vermitteln. Sie habe nicht nur Klartext gesprochen, sondern ihre Botschaft auch gelebt: „Gerechtigkeit ist Wahrheit, und ohne Wahrheit gibt es keinen Frieden. Gerechtigkeit zu üben bedeute vor allem, nach der Wahrheit zu suchen“. Carla del Ponte habe ihr ganzes Berufsleben dieser Suche gewidmet. Es sei ihr nicht um ein theologisch-moralisches Konzept gegangen, sondern um die wissenschaftliche Wahrheit, um den Mut, Zweifel zu hegen, sich und andere aufgrund konkreter Daten und Fakten immer wieder zu hinterfragen.

Und wie sie hinterfragte, auch im Audimax. Sie sei damals jeweils richtiggehend wütend geworden, als im Menschenrechtsprozess in Den Haag der Vorsitzende Richter jeweils Slobodan Milosevic, den angeklagten ehemalige Präsidenten Jugoslawiens, freundschaftlich begrüsste, sich nach seinem Befinden erkundigte, obwohl der Mann die Menschenrechte verletzt, Kriegsverbrechen begangen hatte, zumindest dafür verantwortlich war. Der ehemalige jugoslawische Staatschef dagegen habe das Gericht als Tribüne für seine hasserfüllten und endlosen Tiraden gegen das Tribunal benützt, das er für «illegal» hielt.

„Ich konnte das fast nicht ertragen“. Und sie erzählte von Ruanda, von ihrer Mission in Syrien. Welches Leid sie gesehen, wie sie mit den Menschen, insbesondere mit den Kindern, gelitten hatte, wie sie mit den schrecklichen Bildern umgegangen ist. Wie sie einmal bewusst Schuhe mit hohen Absätzen angezogen habe, weil sie wusste, dass sie wohl in einen tiefen Stollen würde steigen müssen. Sie hätte gewusst, dass sie einen Augenschein der vielen Toten hätte vornehmen müssen, die in den Schacht hinuntergeworfen worden waren. Die hohen Absätze hätten sie davor bewahrt. Einer ihrer Mitarbeiter, der Anton aus Russland, habe es dann für sie getan. Und bei diesen Worten liess sie ein leicht schelmisches Lächeln aufblitzen, und das Plenum lachte.

Ja, und zu Bundesrat Cassis sagte sie, die in Bern hatten es auch nicht immer leicht mit mir. Und von der UNO hält sie weniger als nichts, was sie mindestens viermal betonte. Von den Tausenden von Mitarbeitenden bei der UNO in New York würden viele nichts, aber gar nichts tun. Das sei eine Schande. Und sie habe es persönlich hautnah erlebt.

Selbst diese faktisch nicht unterlegte Tirade verziehen ihr die Kongressteilnehmer im Audimax der Universität St. Gallen. Das Preisgeld, die 20’000 Franken, von der Helvetia-Versicherung gestiftet, will sie in die kleine Schule stecken, die sie bei ihrer Mission im syrischen Grenzgebiet mitgegründet hat. Carla del Ponte, die Unerschrockene, über das Arbeitsleben hinaus.

*Das World Demographic and Ageing Forum St. Gallen ist ein Thinktank. Dieser Thinktank wurde 2002 von einer Gruppe visionärer Schweizer gegründet. Ihr Ziel ist es, eine liberale Plattform zu schaffen, um über den demografischen Wandel und die globalen Trends mit einem besonderen Fokus auf deren Auswirkungen auf die Schweiz nachzudenken.

** Der ehemalige Generationenpreis ist zu Ehren des ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten der Helvetia-Gruppe, Erich Walser, umbenannt worden, Als Chef der Helvetia Gruppe war Erich Walser Gründungsmitglied des «WDA Forum Switzerland». Er stand während 16 Jahren der Geschäftsleitung der Helvetia-Gruppe vor.

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