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In den Fängen des Djihad

André Téchiné beschreibt im Spielfilm «L’adieu à la nuit» eine familiäre Auseinandersetzung mit dem Djihadismus, mit einer starken Performance von Catherine Deneuve und Kacey Mottet Klein. – Ab 26. September im Kino.

Muriel (Catherine Deneuve) lebt auf einer malerischen Pferdefarm im Süden Frankreichs. Sie ist höchst erfreut, dass ihr Enkelsohn Alex (Kacey Mottet Klein) sie besucht. Er steht kurz davor, nach Kanada auszuwandern. Durch sein abweisendes Verhalten stutzig gemacht, entdeckt Muriel, dass Alex in Wirklichkeit plant, mit seiner Freundin Lila nach Syrien zu emigrieren. Als zum radikalen Islam konvertierter Muslim will er sich dort den Widerstandskämpfern anschliessen. Bestürzt setzt Muriel alles daran, ihren Enkel von seinem Vorhaben abzubringen.

Eine zunächst sehr persönliche Familiengeschichte entwickelt überraschend politische Relevanz. Dabei weist «L’adieu à la nuit» alle Charakteristika eines typischen Téchiné-Films auf: die Sinnlichkeit, das fabelhafte Schauspiel-Ensemble, das feine Gespür für Familienkonstellationen und den wachen Blick auf junge Menschen und ihre Mühen mit dem Erwachsenwerden. In den Hauptrollen überzeugen der Schweizer Jungdarsteller Kacey Mottet Klein und die Filmikone Catherine Deneuve als grossartiges Leinwandduo. Die Haupthandlung des Thrillers umfasst fünf Tage und einen monatigen Zeitsprung in die Zukunft. 

André Téchiné, der heute 78-jährige Regie-Star des französischen Kinos (mit 24 Filmen und zahlreichen Auszeichnungen) gibt in einem Interview mit Serge Kagansky, aus dem einige Ausschnitte folgen, Antworten, die als wertvolle Einleitung zum Film und dessen Thematik dienen.

 Muriel mit ihrem Enkel Alex

Aus einem Interview mit André Téchiné

Wie kam es zum Projekt «L’adieu à la nuit»?

Da kamen verschiedene Dinge zusammen. Zunächst war da ein Buch von David Thomson («Les Francais jihadistes»), eine Sammlung von rohen, ungeschliffenen Interviews mit jungen Franzosen, die nach Syrien gegangen sind, um für den Dschihad zu kämpfen. Ihre Worte erinnerten mich an den Moment, in dem mir Jacques Nolot den Text von «La Matiouette» gezeigt hatte. Ich wollte herausfinden, ob man diese Worte mit Schauspielern in Szene setzen, ob man dieses Reportage-Material in einen Kinostoff verwandeln kann. Es ging mir dabei auch um den Blick einer Person aus meiner Generation, für die Catherine Deneuve steht. Ich wollte eine Art Schuss-Gegenschuss zwischen Catherine und diesen rohen, direkt der Wirklichkeit entnommenen Dialogen junger Dschihadisten herstellen. Und schliesslich war da auch das Motiv des Übergangs vom Jugend- ins Erwachsenenalter; eine Grossmutter entdeckt einen Aspekt der Post-Adoleszenz, der ein schreckliches Antlitz angenommen hat. Was würden wir in einer solchen Situation an ihrer Stelle tun?

Der Film erinnert insofern an Renoir, als Sie Ihre Figuren nicht beurteilen und allen die gleiche Aufmerksamkeit widmen. Die beiden von Kacey Mottet Klein und Oulaya Amamra gespielten Jugendlichen treffen unselige, verdammenswerte Entscheide, doch zugleich zeigen sie, dass sie einem romantischen Ideal folgen, das sie verstört, leidenschaftlich, entzweigespalten, ebenso liebens- wie hassenswert erscheinen lässt. Umgekehrt ist die Grossmutter eine wohlwollende Person, die aber auch ihre Schattenseiten hat.

Zwangsläufig identifiziert man sich leichter mit Muriel, der von Catherine gespielten Grossmutter. Wenn sie die Polizei informiert, ist das ein denunziatorischer Akt, doch vor allem auch eine Retter-, eine Beschützergeste. Ich habe versucht, nicht zu karikieren, wollte die Komplexität von Moral untersuchen, indem ich ein Protokoll erstelle. Was Alex und Lila angeht, so durchlaufen sie einen erschreckenden Prozess der Entmenschlichung, und doch bleiben sie menschlich. Wenn sich der toxische Traum der Jugendlichen mit ihrer Verhaftung am Ende in Luft auflöst, obliegt es dem Zuschauer, traurig oder erleichtert zu sein.

Sie haben den fantastischen und den Kriminalfilm erwähnt. Man könnte in «L’adieu à la nuit» auch einen hintergründigen Western sehen. Warum haben Sie den Film in einem Reiterhof angesiedelt?

Ich wollte das soziologische, das gesellschaftskritische Kino vermeiden, wollte einen mythologischen Rahmen schaffen. Ich wollte einen breiteren Bezug zur Welt herstellen, deshalb das Tierreich mit den Pferden und dem Wildschwein, die Natur mit ihren Blüten, die zu Früchten werden, und der Kosmos, die Sonnenfinsternis. Es gefiel mir, dass die Politik von der Religion absorbiert wird, und dass das Tagesgeschehen in eine Welt der Fiktion und des Kinos verwandelt wird.

Hat die Sonnenfinsternis am Anfang des Films, abgesehen von ihrer plastischen Schönheit, auch eine metaphorische Bedeutung?

Sie hat auch eine historische Bedeutung. In dem Jahr, in dem der Film spielt, 2015, gab es im Frühling eine Sonnenfinsternis. Man kann sich unter dieser Sonnenfinsternis vorstellen, was man will: die Entscheidung der Jugendlichen, den Zustand der Beziehung zwischen Alex und Muriel, den Übergang vom Tag zur Nacht. Diese Jugendlichen durchleben etwas sehr Gewalttätiges. Der Psychologe Fethi Benslama analysiert es als eine Art Inzest zwischen Gott und dem Menschen, eine Fusion und eine Konfusion, bei der der Gläubige am Ende eine absolut furchterregende, grenzenlose Macht über Leben und Tod ergreift. Fern der Begriffe von Zivilisation und Nation. Die Sonnenfinsternis steht also auch für die Auslöschung der Werte des Lichtes.

Wollten Sie mit der Figur von Alex, aber auch mit Youssef, Muriels maghrebinischem Kompagnon, oder Fouad, dem reuigen Ex-Dschihadisten, zeigen, dass die Bereitschaft zum radikalen Islamismus oder auch dessen Ablehnung nicht zwangsläufig Frage ethnischer oder sozialer Herkunft sind?

Fouad verkörpert vielleicht das Schicksal, das sich Muriel für Alex erträumt. Laut der Dokumentation, die ich zurate gezogen habe, stammen 60 % der französischen Anwärter für den Dschihad aus der Mittelschicht, 30 % aus der Unterschicht und 10 % aus wohlhabenden Verhältnissen. Man sieht also, dass es kein typisches Profil gibt. Ausserdem wollte ich es unbedingt vermeiden, dass die Figuren zu soziologischen Abziehbildern werden. Ich wollte auf Subjektivität und Besonderheit setzen. Benslama, oben zitiert, spricht von «verrohten Individuen». Dieses Phänomen hat sich seit 2005 über den Umweg des Internets noch verstärkt und beschleunigt.

Warum haben Sie sich für eine Grossmutter anstatt einer Mutter entschieden?

Es hätte auch die Mutter von Alex spielen können, doch ich wollte, dass es bei seinen Eltern eine Leerstelle gibt. Die Mutter ist gestorben, der Vater hat sein früheres Leben in Guadeloupe wiederaufgenommen, und dieses Fehlen der Eltern ist Teil der subjektiven Problematik der Figur. Ihr Verlangen, sich anderswo zu verwurzeln, rührt vielleicht zum Teil auch daher.

Lila mit ihrem Freund Alex

Der Film hat ein offenes Ende.

Am Ende des Films übernimmt die Figur von Fouad die Geschichte. Fouad kehrt nach Frankreich und in die Gesellschaft zurück, weil er in Syrien mit der Realität des IS konfrontiert wurde. Und diese reale Erfahrung hat ihm zu einer Klarsicht und einer Distanz verholfen, über die Alex nicht verfügt, weil er nicht weggegangen ist. Die Zukunft von Alex bleibt ungewiss, während Fouad seine Freiheit wiedergewonnen hat.

Regie: André Téchiné, Produktion: 2014, Länge 104 min, Verleih: Xenixfilm

Titelbild: Alex, in einem existenziellen Konflikt

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