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Schon wieder schlecht geschlafen

Schlaf gehört in jedem Lebensalter zu den Voraussetzungen für Gesundheit und Wohlbefinden. Besonders alte Menschen klagen häufig über Schlafstörungen. Gerontologie.ch, die Schweizer Fachorganisation, widmete kürzlich dem Thema «Schlafen im Alter» ihre erste Fachtagung.

In Europa und in den USA leiden zwischen 19 und 46 Prozent der Menschen zeitweise oder häufig unter Schlafstörungen, ca. 13 Prozent müssen als mittlere bis schwere Schlafstörungen eingestuft werden. Im Alter nehmen diese Störungen überall zu. Ärzte wie Ulrich Michael Hemmeter, Chefarzt Alters- und Neuropsychiatrie Sankt Gallen Nord, kennen die Gründe dafür: Im Alter verändert sich die Physiologie des Schlafs; mit der Pensionierung verändert sich in Familie und Berufsalltag vieles; der alte Mensch wird anfälliger für Krankheiten mit körperlichen oder seelischen Ursachen, die von Schlafstörungen begleitet sein können; es treten spezifische Störungen wie Schlafapnoe oder das lästige Restless-Legs-Syndrom auf.

Adrian Ludwig Richter, Grossvater und Enkelin schlafend /commons.wikimedia.org

Die Schlafforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem durch Untersuchungen im Schlaflabor gute Grundlagen für das Verständnis von Schlaflosigkeit und ihrer Behandlung geschaffen. Im Alter verändern sich nämlich die Schlafstadien grundsätzlich: Im Verhältnis zum Tiefschlaf und zu den REM-Phasen (Traumphasen mit starker Hirnaktivität und Augenbewegungen) herrscht mit zunehmendem Alter der leichte Schlaf vor. – Das betrachten die Experten nicht als Störung, der ältere Mensch sollte sich also seinen Alltag entsprechend einrichten.

Die innere Uhr

Forscher sprechen von Circadianer Rhythmik, die eine wichtige Rolle im Verhalten des Menschen spielt.  – Der Tag-Nacht-Zyklus ist der wichtigste circadiane Rhythmus. Diese Rhythmen, endogen von der «inneren Uhr» gesteuert, sind die Basis einer Vielzahl physiologischer und biologischer Vorgänge und wiederholen sich regelmässig in einer Periode von ca. 24 Stunden. Die Circadianen Rhythmen widerspiegeln gleichsam die Steuerung des Menschen, sie passen sich den periodischen bzw. den täglichen Änderungen in Alltag und Umgebung an. – Bei Schlafstörungen gilt es zu schauen, ob diese durch eine Normalisierung der circadianen Rhythmik verschwinden. Lichttherapie könnte dabei eventuell helfen.

Neben körperlichen Erkrankungen treten mit zunehmendem Alter vermehrt altersbedingte Stressfaktoren auf, die man im Alter weniger leicht wegsteckt als in jungen Jahren. Festzustellen, dass die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nachlässt, verursacht Ängste, besonders Angst, die Selbständigkeit zu verlieren und abhängig von täglicher Hilfe zu werden. Das kann zu Schlafstörungen führen. Hinzu kommt, dass sich das soziale Netzwerk im Alter ausdünnen kann. Wer weniger Kontakte zu Freunden und Familie hat, fühlt sich gezwungen, alles mit sich allein abzumachen – und das raubt ihm vielleicht den Schlaf.

Veränderte Schlafqualität im Alter

Weitere Ursachen für Schlafstörungen müssen vom Arzt beurteilt und behandelt werden, Schlafapnoe bzw. Schnarchen oder das Restless-Legs-Syndrom. – Auch bei Formen von Depression und von Demenz können Schlafstörungen auftreten, die von der betroffenen Person zuweilen nicht wahrgenommen werden.

Albträume und Nachtangst, wie hier von Johann Heinrich Füssli dargestellt, zählen zu den intrinsischen Schlafstörungen /commons.wikimedia.org

Ärzte erklären heutzutage den Menschen, die «nur» über Schlafstörungen ohne andere Erkrankungen klagen, dass sich der Schlaf im Alter verändert, leichter wird, in kürzeren Phasen mit Wachphasen abläuft, ohne dass die Gefahr von zu wenig Schlaf besteht. Der Schlaf, das «Schlafenmüssen» sollte entmythologisiert werden. Dabei hilft es, Schlafhygiene zu pflegen, d.h. vor dem Zubettgehen unnötige Aufregungen zu vermeiden, stattdessen eine entspannende, beruhigende Routine zu befolgen – ähnlich wie man auch unruhige Kinder zu Bett und zum Einschlafen bringt. Kognitiv verhaltenstherapeutische Massnahmen sind Medikamenten vorzuziehen, stellen die Schlafforscher unserer Zeit fest.

Schlaf und Gedächtnis

Von besonderem Interesse sind für uns Ältere die Zusammenhänge zwischen Schlaf und Gedächtnis im Alter. Darüber forscht Björn Rasch am Zentrum für Kognitive Biopsychologie und Methoden der Universität Fribourg. Es ist allgemein bekannt, dass guter Schlaf für die Erhaltung der kognitiven Fähigkeiten wichtig ist. Wir haben oben erfahren, dass sich der Schlaf im Alter verändert, dass insbesondere die Dauer des Tiefschlafs abnimmt.

Auch in Stresssituationen (hier Auszug aus einem Kriegstagebuch 1916) ist der Schlaf oft nicht erholsam. Foto: Waldemar Flaig /commons.wikimedia.org

Björn Rosch beobachtet in EEG-Aufzeichnungen, dass sich das Gedächtnis im Alter in vielen Facetten verändert. Es scheint, dass der Schlaf nicht mehr wie in der Jugend hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass Lerninhalte im Gehirn verankert werden, obwohl auch im Alter der Schlaf die Konsolidierung neuerworbenen Wissens beeinflusst. Wie schon erwähnt, verhindern negative Gefühle, Ängste, Grübeleien einen gesunden Schlaf. – Deshalb sollte man schon tagsüber daran denken, sich nicht von Stressfaktoren und belastenden Emotionen überwältigen zu lassen. Schlaf lässt sich ebenso wie das Befinden am Tag positiv beeinflussen. Björn Borg weist auf Hypnose als Therapieform hin. Es ist erwiesen, dass hypnotische Suggestionen den Schlaf vertiefen und speziell die Dauer des Tiefschlafs beeinflussen können.

GERONTOLOGIE.CH

Titelbild: Vincent van Gogh: „La Méridienne“ oder „La sieste“, Januar 1890 (nach Jean-François Millet) /commons.wikimedia.org

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