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Damit Patienten Arztdeutsch verstehen

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Bei „Was hab’ ich?“ übersetzen Fachleute medizinische Berichte in verständliche Sprache. Der Andrang verunsicherter Patienten ist gross. Über einen Ableger hilft das deutsche Online-Portal auch in der Schweiz. Seniorweb hat das Angebot getestet.

„Postischämische Parenchymdefekte„ liest Frau Zurbuchen im Austrittsbericht, den sie kürzlich vom Spital erhalten hat. Frau Zurbuchen versteht Bahnhof. „Regredierende Faszialisparese Grad III“, entnimmt Herr Peyer dem Befund der Neurologin. Soll er sich nun freuen oder ängstigen? „Pincerfraktur L4 und Kompressionsfraktur L5“ steht in der Diagnose, die Frau Russo den Entscheid für oder gegen eine Operation erleichtern soll (alle Patientennamen geändert).

Austrittsberichte, Befunde oder Diagnosen schreiben Fachleute für Fachleute. Der Rheumatologe in der Klinik informiert damit etwa die Hausärztin. Seit einigen Jahren erhalten aber auch die Beurteilten diese Unterlagen. Das ist gut so. Das ist aber auch eine reichlich fliessende Quelle von Unklarheiten und Missverständnissen. Und von Ängsten.

Schriftliche Wundertüten

In aller Regel bekommen die Patienten nicht bloss eine schriftliche Wundertüte. Die Ärztin hat dem Untersuchten ihre Erkenntnisse vorher in einem Gespräch mitgeteilt. Aber oft steht der Patient unter Stress, er hat Angst. Umso eher vergisst er die Informationen der Expertin, sie bekommen eine andere oder gar gegenteilige Bedeutung.

Gegen dieses Was-soll-das-bedeuten-Syndrom gibt es eine Therapie. Hilfe bietet das deutsche gemeinnützige Unternehmen „Was hab’ ich?“ Über dieses Online-Portal übersetzen zurzeit rund hundert Medizinstudentinnen und -studenten ab dem achten Semester sowie Ärztinnen und Ärzte fachchinesische Begriffe wie Dysarthrie und ventrale Zirkumferenz.

Virtuelles Wartezimmer

Der Andrang ist gross. Seit der Gründung 2011 hat „Was hab’ ich?“ 41’000 Befunde übersetzt. Die Kunden geben vorerst ihre Mailadresse an und müssen sich in einem virtuellen Wartezimmer gedulden. Dann wird der Patient aufgefordert, sein Dokument über die Onlineplattform verschlüsselt hochzuladen – und muss wieder warten.

Nebulös: Arztberichte stiften Verwirrung. (Foto: Peter Steiger)

Zwischen Anmeldung und Übersetzung vergehen ein bis zwei Wochen. Wer schneller Auskunft will, den verweist „Was hab’ ich?“ auf ein weiteres Internet-Angebot, welches das Portal mit der Bertelsmann-Stiftung entwickelt hat: befunddolmetscher.de. Dieses Tool erhellt etwa 10’000 Begriffe aus der ärztlichen Dunkelkammer.

Künftig noch mehr Andrang

Das Portal hat seinen Sitz in Dresden. Die Fachleute sitzen in ganz Deutschland am Computer – und in der Schweiz. Sieben Übersetzerinnen wohnen in unserem Land. Die deutsche Organisation hat für die hiesigen Patienten eine Adresse mit Schweizer Endung eingerichtet: washabich.ch.

Weil bei uns künftig noch viel mehr Daten einsehbar sind, werden sich wohl noch mehr Schweizerinnen und Schweizer bei „Was hab’ ich?“ melden. Ab April 2020 müssen unter anderem Spitäler und Rehakliniken ein Elektronisches Patientendossier anbieten. Patienten, die ein solches Dossier eröffnen, können ihre Berichte abrufen.

Test durch Seniorweb

seniorweb hat „Was hab’ ich?“ einen realen Schlussbericht zugestellt. Ein 72-Jähriger erlitt anfangs 2018 einen Hirnschlag. Ein halbes Jahr später musste er sich zwei Rückenoperationen unterziehen. Seniorweb hat die Einsendung gegenüber dem Portal als Test deklariert.

Verständlich: „Was hab’ ich?“ erklärt Fachausdrücke und liefert Hintergrund-Infos (Ausschnitt). (Quelle: „Was hab’ ich?“)

Die Übersetzerin, die junge Ärztin Marlene Selle, reagiert auf das zweiseitige Dokument mit einer 16seitigen Antwort. Sie überträgt nicht nur Fachausdrücke, sondern liefert mit Text und Bild auch Hintergründe. Wenn etwa „fokale Subarachnoidalblutungen frontal und temporal links“ erwähnt werden, vernimmt der Patient, dass er mehrere begrenzte Blutungen im Gehirn hatte. Ärztin Selle erklärt ausserdem, wie das Gehirn aufgebaut und geschützt ist, und verdeutlicht die Situation mit einem Bild.

Übersetzungen sind gratis

Der Dienst ist kostenlos. Das erstaunt bei einem Gesundheitswesen, das sonst so teuer ist, dass man in jedem Mullverband Goldfäden vermutet. „Was hab’ ich?“ finanziert sich über Spenden und Sponsoren. Unter anderem sind eine Klinik, eine Bank, eine Versicherung und Stiftungen dabei.

Die von seniorweb angefragten Schweizer Institutionen urteilen durchwegs positiv. Mit stets ähnlich tönenden Argumenten reagieren etwa die Verbindung der Schweizer Ärzte und Ärztinnen FMH, das Berner Inselspital oder die Schweizer Patientenorganisation SPO. Zusammengefasst: „Was hab’ ich?“ leiste gute Dienste, ersetze aber weder einen Arztbesuch noch eine Konsultation.

Selbst Ärzte kommen nicht draus

Das führt zur Frage, ob die Ärztinnen und Ärzte bei diesen Gesprächen denn auch immer die richtigen Worte und den richtigen Ton finden? Linda Krause ist eine von fünf hauptamtlich bei „Was hab’ ich?“ angestellten Ärztinnen. Sie hat früher in einer Klinik gearbeitet. Dort hat sie oft erlebt, dass Patienten nicht ausreichend informiert wurden. „Darum ist es für mich nun wunderbar, daran mitzuwirken, dass die Patienten ihre Befunde verstehen“, erklärt sie.

„Arztdeutsch“, mündlich oder schriftlich, kapieren längst nicht alle. Schwierigkeiten haben nicht nur die Patienten. Daniel Tapernoux von der SPO-Geschäftsleitung hat selber als Arzt im Spital gearbeitet. Er bringt es auf den Punkt: “Man könnte diese Befunde vereinfachen. Manchmal verstehen auch die Ärzte nicht, was drinsteht.“

www.washabich.ch
www.befunddolmetscher.de 

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