FrontKulturMann und Weib: die geballte Kraft

Mann und Weib: die geballte Kraft

Die nackten Gipsfiguren von Mann und Weib des Luzerner Bildhauers Rudolf Blättler strotzen vor geballter Kraft und sind bis 9. Februar 2020 im Nidwaldner Museum Winkelriedhaus in Stans ausgestellt.

Eine ganze Gesellschaft von Figuren stehen oder liegen im Winkelriedhaus, im Garten und im Pavillon.  Einige, wie eine im Kies liegende gebückte Frau sieht man sofort, andere haben sich versteckt.  «Wartend die einen, beobachtend die anderen, vor allem aber staunend und ruhig, nicht aufgeregt. Mit grossen Füssen fest auf der Erde stehend, aber auch etwas ungelenk. Menschen eben, die in der Welt stehen, im Leben und denen die Welt und das Leben einiges abverlangt», erläutert Stefan Zollinger, Leiter des Nidwaldner Museums, seine Eindrücke.


«Weib», 1998

Als die Kuratorin Patrizia Keller den Künstler in seinem  Atelier beim Luzerner Rotsee besuchte, stand sie Rudolf Blätters Skulpturen gegenüber und spürte die unglaubliche Kraft, die von ihnen ausgeht.

Sie schildert: «Rudolf Blättlers Hauptinteresse gilt der menschlichen Figur, ihrem Körper, ihrem Sein und damit den Fragen und Widersprüchen des Lebens überhaupt. In seinen Arbeiten erkundet er Phänomene des Übergangs zwischen aussen und innen, zwischen Auftauchen und Verschwinden, Werden und Vergehen, zwischen Licht und Dunkel. Alle seine Werke verbinden eine innewohnende Ambivalenz, ein Sowohl-als-auch. Weibliches und Männliches schliessen sich bei seinen Arbeiten gegenseitig nicht aus, es bleibt eine ständige Suchbewegung, ein Hin- und Herpendeln und letztlich die Suche nach einer Einheit. Die Skulpturen dominieren auf den ersten Blick  durch ihr schweres Material und ihre wuchtigen, massigen Formen. Nach kurzem Verweilen aber tut sich eine Sanftheit, fast Leichtigkeit auf. Es ist ein ständige Hin- und Herpendeln, dem auch wir als Betrachterin und Betrachter ausgesetzt sind.»

Dreiweib  1983

Rudolf Blättlers Schaffen nimmt Bezug auf eine jahrtausendalte  Kulturgeschichte. Beim Betrachten seiner Skulpturen werden wir immer wieder an archetypische Bilder und Zeichen erinnert. Seine Arbeiten, und die Themen und Fragen, mit denen er sich beschäftigt, zeugen heute von einer ungebrochenen Aktualität. Aus seinen eigenen inneren Bildern schöpfend, formt er ohne Modell zunächst in Gips und giesst die Figuren später zum Teil in Bronze. Seit den mittleren 1980er Jahren steht die weibliche Figur als Urform der Skulptur im Mittelpunkt seiner Kunst. Ab 1995 verlagert sich sein Fokus und er schafft zahlreiche Plastiken zum Thema «Mann und Weib».

Eindrücklich schildert der Künstler sein Schaffen, wenn er liebevoll über die Figuren streicht. Er fange einfach an und wisse nicht, wie das Werk schlussendlich aussehen wird. Es kann Monate, wenn nicht ein Jahr dauern, bis er mit der Arbeit zufrieden ist, bis die Figur zu leben beginnt. Er arbeite vorwiegend mit Gips. Das könne er auftragen und mit dem Beil wieder wegschlagen

Rudolf Blättler mit seinem neusten Werk Mann

Seine Gruppen und Figuren wurden schon in der ganzen Schweiz ausgestellt. In Erinnerung bleibt  der Zwischenfall im Jahre 1991, als er «eine blutte Figur», wie er sagt, bei der Luzerner Hofkirche aufgestellt hatte. Erboste Kirchgänger hätten ein Riesenmais gemacht, weil sie wahrscheinlich Probleme mit ihrem Körper gehabt haben. Es sei schliesslich alles gut gegangen. Die Stadt Luzern kauft ihm die Figur ab und sie steht heute bei der Museggmauer, am Arbeitsweg zu seinem Atelier.

In den letzten Jahren widmete er sich dem Mann. Drei Figuren davon stehen im Pavillon.

Rudolf Blättler (*1941 in Kehrsiten NW) lebt und arbeitet in Luzern. Von 1965 bis 1971 besuchte er die Kunstgewerbeschule Luzern sowie Akademien in Wien und Rom. Nebst einem Aufenthalt in Krakau von 1974 bis 1975 reiste er in den 1970er Jahren in die USA, nach Südamerika und Griechenland. Seine Arbeiten wurden in verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, so etwa im Kunstmuseum Luzern, im Museum im Bellpark Kriens oder an der Art en plein air in Môtiers. Neben dem Eidgenössischen Kunststipendium in den Jahren 1977 und 1978 erhielt er 1996 für sein Schaffen den Kunstpreis der Stadt Luzern und 2003 den Prix Meret Oppenheim vom Bundesamt für Kultur. Seine Werke sind in verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten.

Fotos: Josef Ritler

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