FrontKulturSo alt wie der Wald

So alt wie der Wald

Wenn doch gerade «Schneewittchen» am Schauspielhaus gespielt wird, weshalb nicht auch mal ein besonderes Augenmerk auf Zwerge richten? Eine Vorlesung an der Uni Zürich bot dazu Gelegenheit.

Der Referent Hans-Jörg Uther, der im Rahmen der Ringvorlesung «Alter im Märchen» am vergangenen Mittwoch seinen unendlichen Fundus als international herausragender Märchenforscher präsentierte, kennt sich auch mit Zwergen bestens aus. Zwerge oder Wichtel, wie sie auch genannt werden, haben ihren Ursprung in der nordischen Mythologie, wo sie in Höhlen, unter Felsen oder allgemein im Gebirge wohnten. In unseren Breitengraden kennen wir sie eher als Bergleute, und als solche sind sie wegen ihrer lebensgefährlichen Tätigkeit immer in Gruppen unterwegs.

Vor allem in den von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen nimmt der Zwerg die Gestalt an, die uns heute geläufig ist: ein altes, kleines Männchen – weibliche Zwerge gibt es nicht – mit grauem, langem Bart und Zipfelmütze. Ihre typische Kleidung mit Kittel und Zipfelmütze geht vermutlich auf Bergmannssagen des 16. Jahrhunderts zurück, in denen die Berggeister entweder eine Mönchskutte trugen oder die damals übliche Arbeitskleidung der Bergleute mit Kapuze und dem sog. Arschleder. Dieses diente als Schutz vor dem Durchwetzen des Hosenbodens bei der Arbeit sowie gegen Bodennässe und Kälte beim Sitzen.

Ungebrochene Faszination

Was fasziniert uns denn seit Jahrhunderten an diesen Figuren, fragte der Referent in die Runde. Wahrscheinlich ihre kindhafte, niedliche Kleinheit, die in einem frappanten Gegensatz zu ihrem Alter steht, heisst es doch in einigen Erzählungen, dass die Zwerge so alt wie der Wald seien.

Wie bei Märchenfiguren üblich, wird auch der Charakter eines Zwerges immer eindeutig gezeichnet. Ein Zwerg ist entweder gutmütig, hilfsbereit und liebevoll oder eben gefährlich und böse. Das bekannteste Zwergen-Märchen ist wohl Schneewittchen. Die sieben Zwerge sind Bergleute, was sie darüber hinaus tun, bleibt unerwähnt. Sie sind sanftmütig und liebevoll gegenüber dem schönen, von ihrer Stiefmutter verdammten Mädchen. Mit einem ganz anderen Charakter präsentiert sich der Zwerg etwa in Schneeweisschen und Rosenrot: misstrauisch, gehässig und gegenüber den beiden hilfsbereiten Mädchen in jeder Hinsicht undankbar.

Nur Klischee?  

In der Aufführung am Schauspielhaus indessen geht es keineswegs um eine originalgetreue Wiedergabe des Märchens. Vielmehr wird Schneewittchen auf „seine Klischees abgeklopft und unsere Zeit auf ihre Fortführung“, wie der Tages Anzeiger in seiner Ausgabe vom 12.11.2019 schreibt. Dennoch gäbe es vielleicht etwas von der Zwergenidylle, wie wir sie aus unserer Kindheit kennen, in die Gegenwart hinüber zu retten: Wir wäre es denn wieder einmal mit Wichteln während der Adventszeit? Manchmal werden ja auch Märchen wahr.

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