FrontGesellschaft„Diese Freiheit nehm ich mir“

„Diese Freiheit nehm ich mir“

Wenn wir manchmal das Gefühl haben, unser Leben sei eigentlich gelaufen, weil wir uns ab einem gewissen Alter ausserhalb des üblichen Arbeitsprozesses befinden und meinen, in die Bedeutungslosigkeit abzusinken, dann lehrt uns die Thurgauerin Yvonne Escher eines Bessern: Sie hat nämlich mit 85 Jahren ihr Leben aufgezeichnet, das einiges zu bieten hat.

Um es vorweg zu nehmen: Etwas Wildes und Eigenständiges hatte sie schon als Kind. In bescheidenen und nicht ganz einfachen Verhältnissen als Einzelkind in Steckborn aufgewachsen, hat sie den 2. Weltkrieg an der Grenze zu Deutschland hautnah miterlebt, der prägende Erlebnisse hinterlassen hat. Unvergessen, wie sie als kleines Mädchen mit ihrer Mutter ungescholten die Grenze passierte, mit Butter in ihren Unterhosen für ihre Grossmutter.

Wie ihren Beschreibungen zu entnehmen ist, nahm sie ihr Leben schon früh selbst in die Hand, war neugierig und unerschrocken. Bald war sie bereit für die grosse weite Welt, die voller Abenteuer war. Sie liess sich in Köln zur Schauspielerin ausbilden, wurde in Filmen engagiert, war in Paris und Berlin unterwegs und arbeitete als Tontechnikerin und später als Filmemacherin, auch für das ZDF. Sie wurde in den 60iger/70iger Jahren – eine der wohl freisten, intensivsten und spannendsten Zeitperiode im letzten Jahrhundert – zur unternehmenslustigen Weltenbummlerin. Auf ihrem Lebensweg begegnete sie dann in Rom Carlo di Carlo – einem Filmkritiker und Biografen des bedeutenden Regisseurs Michelangelo Antonioni – und wuchs so in einen anregenden Freundeskreis hinein, dem auch Monica Vitti oder Pier Paolo Pasolini angehörten. Dort blieb sie für 7 Jahre hängen.

Endlich irgendwo daheim sein

Als sich die wilden Wogen etwas glätteten, kehrte Yvonne Escher 1979 nach Steckborn zurück. „Ich wollte endlich irgendwo daheim sein“. Sie interessierte sich für ihre alte Heimat und widmete sich den Menschen, die dort lebten. Sie realisierte zahlreiche Dokumentarfilme wie „Der See und seine Fischer“, „Rebzeiten“, „Eine kleine Stadt“ oder einen Film über den Thurgauer Fotografen Hans Baumgartner. Die Filme wurden zum Teil vom Schweizer Fernsehen unterstützt. Ihre Werke zeugen von einer grossen Poesie und gegenüber den Porträtierten lässt Yvonne Escher eine tiefe Sympathie erkennen. „Ich bin selbst immer eine Aussenseiterin gewesen. Ich habe einfach nie der Norm entsprochen. Deshalb habe ich wohl einen Blick für diese Menschen. Die sind einfach interessanter“.

Für ihr Werk wurde sie 2001 mit dem Thurgauer Kulturpreis ausgezeichnet. Und auch darüber schreibt Yvonne Escher: über das Alleinsein, über ihre Ängste und Selbstzweifel, über die Frage, was noch bleibt vom Leben. „Ich habe mir Gedanken gemacht, warum ich da bin. Es muss doch einen Sinn haben. Aber es war niemand da, mit dem ich darüber hätte reden können. Ich kam mir vor wie die letzte Überlebende.“ Dann fing sie an zu schreiben, über mehrere Monate hinweg, ohne mit dem Ziel in Augen, dieses Manuskript jemals veröffentlich zu wollen. Ihr Steuerberater hat es gelesen, war beeindruckt und hat einen Verlag gefunden. Ihre Aufzeichnungen sind spannend, ohne Larmoyanz oder gar Selbstmitleid geschrieben. Und berührend wird es dort, wo sie sich mit sich beschäftigt, in sich hineinhört und ihren Gefühlen auf den Grund geht.

Ein eindrückliches Lesevergnügen, das uns auch sagt, dass es für gewisse Dinge im Leben nie zu spät ist. Und die 85jährige, die sich seit je für den Tierschutz engagiert, hat sich jetzt die Hühner und ihre zum Teil katastrophale Haltung vorgeknüpft und ist mit der Kamera im Thurgau unterwegs. Von Ruhestand ist da nicht viel zu merken!

Titelbild: Yvonne Escher

Yvonne Escher, Diese Freiheit nehm ich mir, Verlag elfundzehn, ISBN 978-3-905769-53-1

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Madeleine Hirsiger ist ein SF-Urgestein: Sie kam 1971 zur «Tagesschau» und war von 1979 bis 1984 die erste Frau von SF DRS im Bundeshaus. Danach moderierte sie die «Tagesschau» und leitete ab 1986 verschiedene Filmsendungen. Anfang der 90er-Jahre übernahm sie die Leitung der Redaktion Kino und moderierte verschiedene Filmsendungen im Schweizer Fernsehen. Seit 2004 stand sie der Redaktion Fernsehfilm vor. 2009 ging sie in Pension

1 Kommentar

  1. Willkommen
    Lange Zeit bin ich dir nie mehr begegnet, weder an einer PV, noch in Solothurn oder am ZFF. Doch jetzt lese ich deinen ersten – hoffentlich nicht den letzten – Beitrag im Seniorweb. Das freut mich, und ich hoffe, es gefällt dir im Kreise der SW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter.
    Herzlich
    Hanspeter

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