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Alle Kinder dürfen lesen und schreiben lernen

Unter dem Titel «Lesende Mädchen» lockt das Kunstmuseum Bern nicht nur Liebhaberinnen und Liebhaber der Bilder von Albert Anker ins Haus, sondern zeigt den Maler auch als Bildungspionier.

Die Gemälde von Albert Anker (1831 – 1910) berühren uns, kein Zweifel. Der Berner Maler, der zeit seines Lebens in Ins zu Hause war, ist ein Meister in der Darstellung von Kindern, besonders von jungen Mädchen. Er muss grosses Geschick darin besessen haben, Kinder durch eine Beschäftigung so zu fesseln, dass sie ganz darin versunken sind, konzentriert und entspannt zugleich. Dann malt er sie.

Manchmal vor nicht mehr als einem einfarbigen Hintergrund, manchmal als Portrait, manchmal in einer Alltagssituation, allein oder mit anderen. Immer wirken die Mädchen und Knaben offen, aufmerksam und ohne Anspannung – nur hingegeben an ihre Beschäftigung, ob es das Lesen sei, das sorgfältige Abschreiben oder das Stricken. Dafür ist Albert Anker bekannt, und seine Bilder anzuschauen, ist stets wieder ein Vergnügen.

Albert Anker: Die Lesende, 1883. Öl auf Leinwand 94 x 110 cm. Musée des Beaux-Arts, Le Locle. Foto: © Le Locle, Musée des Beaux-Arts, Lucas Olivet

Im 21. Jahrhundert ist die Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft noch immer kein vollendetes Kapitel. Deshalb weckt ein Titel wie «Lesende Mädchen» sogleich kritische Fragen: Wie stand es vor 150 Jahren mit der Schulbildung der Mädchen? War das Lesen so verbreitet, wie es durch Ankers Bilder den Anschein erweckt?

Albert Anker: Selbstbildnis, 1901. Öl auf Leinwand 48,2 x 36,2 cm. Kunstmuseum Bern, Geschenk der Witwe des Künstlers. Foto: © Kunstmuseum Bern

Kuratorin Kathleen Bühler meint, Ankers politische wie künstlerische Beschäftigung könne als Beitrag zur Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz verstanden werden. Tatsache ist, dass erst die revidierte Schweizerische Bundesverfassung von 1874 – also exakt vor 150 Jahren – den Primarschulunterricht für obligatorisch und kostenlos erklärte, dazu die neunjährige Schulpflicht für alle Kinder.

Albert Anker sorgte zweifellos dafür, dass seine eigenen Kinder die bestmögliche Schulbildung erhielten. Sie kamen in diesen Jahren ins Schulalter, zwischen 1867 und 1877 geboren. Er selbst hatte in Bern die Matura machen dürfen, dann ein Theologiestudium begonnen. Später, als er erkannte, dass ihm das nicht entsprach, erlaubte ihm sein Vater, in Paris Malerei zu studieren.

Albert Anker: Das Schulexamen, 1862. Öl auf Leinwand 103 x 175 cm. Kunstmuseum Bern, Staat Bern Foto: © Kunstmuseum Bern

Wenn es uns heute so erscheint, als sei Anker ganz auf seine kleine ländliche Welt im Berner Seeland bezogen, so lassen wir uns von den Sujets seiner Kunst täuschen. – Die vielen ausdrucksstarken Bilder verleiten uns vielleicht, Ankers Interesse für die Entwicklungen seiner Zeit und besonders sein Engagement für Schulbildung zu unterschätzen. Anker war ein politischer Mensch, der die Schriften von Jean-Jacques Rousseau kannte und vor allem auch das Gedankengut von Pestalozzi. Als geschätzter Maler hat Anker später an der Gründung des Berner Kunstmuseums mitgewirkt ebenso wie bei anderen kulturellen Institutionen.

Albert Anker, Kleinkinderschule auf der Kirchenfeldbrücke, 1900. Öl auf Leinwand Kunstmuseum Bern, Depositum der Schweiz. Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Gottfried-Keller-Stiftung. Foto mp

Die aktuelle Ausstellung füllt nur einen Saal mit dreizehn Gemälden sowie zehn Zeichnungen und Aquarellen von Albert Anker selbst. Nichts hindert uns jedoch, einen Schritt weiter in den nächsten Saal mit Werken aus der regulären Sammlung zu gehen. Sogleich wird klar, dass wir wunderbare Ergänzungen zu Ankers lesenden Mädchen finden: weitere Bilder von Albert Anker selbst, dazu Zeitgenossen und jüngere Künstlerinnen und Künstler, auch Martha Stettler oder Marguerite Frey-Surbek. Wir schreiten hier voran in der Kunstgeschichte der Darstellung von Frauen – sogar mit Buch vor dem Einstieg in die Badewanne.

Marguerite Frey-Surbek (1886-1991): Intimità (Hilda mit Badetuch). Um 1930, Öl auf Leinwand. Kunstmuseum Bern Schenkung aus dem Nachlass von Viktor Surbek und Marguerite Frey-Surbek
(Foto mp)

Dieser «Ausflug» ergänzt die «Lesenden Mädchen» aufs Schönste und schärft den Blick auf Ankers Kunst. Dem Maler geht es um den Ausdruck von Wahrhaftigkeit, seine Bilder sollen den Menschen seiner Zeit verständlich bleiben. Er bleibt bei seinem Stil, den er sich erarbeitet hat. Dabei hat er sich wahrscheinlich auch mit neuen Kunstströmungen vertraut gemacht.

Bis 1890 verbringt er den Sommer regelmässig mit seiner Familie in Paris, wo er zweifellos die Impressionisten kennenlernt. Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums, sieht gerade in seinen Skizzen und Aquarellen Anzeichen, dass Anker sich vom Impressionismus inspirieren liess. – Das Spiel mit einer anderen Kunstform, der Fotografie, nahm in jenen Jahrzehnten erst zögernd Schwung auf und erfuhr später im 20. Jahrhundert noch viele Verbesserungen.

Albert Anker. Lesende Mädchen. Kunstmuseum Bern bis 21. Juli 2024

Unbedingt empfehlenswert ist der Film: Albert Anker. Malstunden bei Raffael.
In Heinz Bütlers Film Albert Anker. Malstunden bei Raffael unterhalten sich unter anderem Endo Anaconda, Eberhard W. Kornfeld, Ankers Urur-Enkel Matthias Brefin und die Kunsthausdirektorin Nina Zimmer über Ankers Leben und Werk. Nehmen Sie sich Zeit für diesen feinfühligen Film, der zur Gänze im ehemaligen Wohnhaus der Familie in Ins gedreht wurde. Wir sehen Endo Anaconda als Führer und Leser, wohl seine letzte Arbeit vor seinem Tod. Die Worte, die er am Ende dem Maler in den Mund legt, gelten auch für ihn selbst.
Der Film wird regelmässig im Untergeschoss (Vestibül) gezeigt.

Nach langen Erneuerungs- und Erweiterungsbauten wird das Centre Albert Anker (früher Albert-Anker-Haus) in Ins BE voraussichtlich im Juni 2024 wieder eröffnet. – «Lesende Mädchen» gilt als Präludium zur Eröffnung im Centre Albert Anker.

Titelbild: Albert Anker: Cécile Anker, 28. September 1886. Blaue Fayencefarbe auf Papier 16,9 x 23,3 cm. Centre Albert Anker, Ins. Foto: © Kunstmuseum Bern

 

 

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