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Musik und Menschenrechte

Christina Daletska ist Sopranistin und Menschenrechtsaktivistin. Sie singt ebenso gern Beethoven wie Luigi Nono: Ihr Repertoire quer durch die Lied- und Operngeschichte ist gigantisch. Zu Besuch bei der Ukrainerin aus Lemberg, die seit vielen Jahren im Kanton Aargau lebt.

SW : Frau Daletska, was haben Musik und Menschenrechte in ihrem Leben miteinander zu tun?

Christina Daletska: Musik und Menschenrechte sind nicht zu trennen. Die meisten Musiker und Komponisten waren immer hellwach für das, was in der Gesellschaft geschieht. Denken Sie nur an Ludwig van Beethoven oder Luigi Nono, die sich beide für eine bessere Welt einsetzten, auch in ihrer Musik. Wichtig ist, dass jene Künstler, die wie ich den direkten Zugang zum Publikum haben, sich mit Gesellschaftsfragen auseinandersetzen. Wir sollten uns nicht hinter der Künstlerwand verstecken und sagen, es gehe nur um die Kunst, der Rest gehe uns nichts an.

daletska cenerentola bernIm Konzert Theater Bern sang Christina Daletska 2013 die Angelina (links im Bild) in Rossinis «Cenerentola». Schon damals war sie Amnesty-Botschafterin.

Sie nannten Beethovens Fidelio einmal Ihre Lieblingsoper. Ist sie das immer noch?

Aber ja, alles was mit Gerechtigkeit oder auch der Bekämpfung von Ungerechtigkeit zu tun hat, liegt mir schon seit je am Herzen. Gerade jetzt befasse ich mich mit den Flüchtlingen, die aus Seenot gerettet werden sollten. Parallelen sind leicht zu finden: Im Fidelio sitzt Florestan unschuldig im Gefängnis und wird von seiner Frau, die sich in Männerkleidung als Fidelio ins Gefängnis begibt, gerettet. Füreinander da zu sein, ist für mich in allen Beziehungen wichtig. Das Grösste aber ist, sich nicht vor Schwierigkeiten zu scheuen und einfach da, wo man steht, etwas gegen Ungerechtigkeit zu tun – eben wie Fidelio.

Wie kamen Sie zu ihrer dezidierten und auch öffentlich kommunizierten Haltung?

Bei den Menschenrechten geht es nicht darum, zu entscheiden, was falsch und was richtig sei. Sondern dass jeder Mensch Anspruch hat auf die Menschenrechte, wie sie in der Charta 1948 formuliert worden sind. Egal, wo er politisch steht, die Menschenrechte sind vorrangig. Wenn man nur nach diesen Grundsätzen lebte, wäre die Welt doch viel besser.

Seit vielen Jahren sind Sie Botschafterin für Amnesty International Schweiz. Wie kamen Sie zu der Aufgabe oder auch wie kam Amnesty zu Ihnen?

Ich engagierte mich schon sehr lange freiwillig für Amnesty, für diese urgent actions. Ich beteilige mich immer wieder an Briefaktionen, wenn jemand akut bedroht ist, etwa wenn in den USA ein Vollzug der Todesstrafe ansteht. Da schreiben viele Leute aus der ganzen Welt.

Im Dezember 2018: Der Amnesty-Stand im Foyer des Wiener Konzerthauses ist bereit. Amnesty-Botschafterin Christina Daletska wird demnächst auf der Bühne singen.

Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen auftrat, fiel mir ein Artikel über die Tennisspielerin Patty Schnyder im Amnesty-Magazin auf. Dort hiess es, dass sie sich neben ihrer Karriere auch für Menschenrechte einsetzt. Das beeindruckte mich und ich dachte, ob man nicht wie Sport und Menschenrechte auch Kunst und Menschenrechte verknüpfen könnte.

In Salzburg hatte natürlich noch nie jemand von so einem Engagement gehört. Es hiess eher, was haben denn die Festspiele mit Amnesty zu tun, dort ist man karriere- oder geschichtsorientiert. Doch es klappte wunderbar, ich konnte auf die Anliegen von Amnesty hinweisen.

Woraus besteht denn die Arbeit einer Botschafterin von Amnesty International?

Meine Mission oder auch meine Vision ist es, Menschenrechte und klassische Musik, auch klassisch zeitgenössische, zusammenzubringen. Für viele Künstler anderer Sparten, beispielsweise im Pop, ist es normal, dass sie sich einsetzen und ihr Publikum mitziehen, in der klassischen Musik dagegen ist es die Ausnahme.

 

Uraufführung: Alejo Pérez, Christina Daletska und der Komponist Philippe Manoury mit dem Ensemble Intercontemporain in Paris

Ich sorge vor einem Auftritt zum Beispiel für eine Anzeige im Programmheft des Konzerts oder der Oper, oder ich arbeite mit einer Lokalgruppe von Amnesty in ganz Europa zusammen, ermögliche, dass sie vor der Aufführung Flugblätter verteilen oder auch einen Stand aufbauen können. Jedenfalls sollen die Aktionen von den Konzert- oder Opernbesuchern wahrgenommen werden. Dazu kommt Medienarbeit zu den Zielen von Amnesty, kurz, ich bin einfach jene, die das alles vorbereitet, vom kleinsten Detail über die Terminplanung oder die Bewilligungen. Es ist viel Management, bis alles klappt.

Etwas vom Lustigsten im Rückblick war ein Auftritt an der Berliner Philharmonie letztes Jahr: Bevor man sagt, worum es gehe, hört man dort gleich nein, das passe nicht – gilt übrigens auch für das Konzerthaus in Wien. Am Ende bekam ich in Berlin von der Geschäftsleitung die Erlaubnis für eine Standaktion, aber dann sagte die lokale Amnesty-Gruppe ab. Ich sorgte noch aus Hamburg, wo unser Konzert am Vortag war, dafür, dass das Material geliefert wurde. Später zwischen Probe und Konzert stellte ich den Amnesty-Stand allein auf. Auch so hat es geklappt: Amnesty war präsent.

Gibt es keine Absagen wegen Ihres Engagements, also sagt kein Veranstalter, Sie wollen wir nicht, Sie passen nicht hierher?

Ja, ich erlebte auch Absagen. Das ist sehr traurig, aber auf meine Aufgabe als Amnesty-Botschafterin zu verzichten wäre ja noch trauriger. Ich selbst lehne auch Angebote ab, beispielsweise trete ich in Ländern, wo es die Todesstrafe gibt, nicht auf, also fahre ich auch nie nach Japan oder in die USA. Meine Agentin sagte mir klipp und klar: Frau Daletska, sie ruinieren ihre Karriere. Aber ich verstehe sie und respektiere das.

Sie sind doch eine sehr bekannte Sängerin, arbeiten aber frei, kann man es sich in diesem Beruf überhaupt leisten, sich so intensiv für Gerechtigkeit einzusetzen?

Gewiss, das muss man sich leisten. Wir müssen uns doch Gedanken machen, in welcher Welt wir sind, welche Zukunft unsere Kinder haben. Beispielsweise zeigt die Klimabewegung, was man gemeinsam erreichen kann. Und ich komme ja aus einem Land, wo man zeigen konnte, was man erreichen kann, wenn man gemeinsam für etwas einsteht, auch wenn sich das System nicht in einem Tag wandelt und plötzlich gut ist. In meinem Bewusstsein bin ich heute Weltbürgerin, aber als Kind wuchs ich in der Ukraine mit dem Bewusstsein auf, endlich sei der Konflikt mit Russland vorbei. Das war naiv. Und es schmerzt mich, dass dieser Krieg noch immer nicht zu Ende ist.

Auch sonst leben wir zurzeit nicht im Frieden, überall sind Brennpunkte. Was können wir denn da überhaupt tun?

Es gibt ganz naheliegende Dinge, beispielsweise wenn ich ein Konzert singe und die Menschen im Programmheft über die Ziele von Amnesty lesen können. Auch die Jugendlichen zeigen, dass sich Einsetzen lohnen kann, aber letztlich kann jeder und jede am Ort, wo er oder sie ist, sich gegen Ungerechtigkeit einsetzen. Wir können nicht einfach die Waffenproduktion aufhalten, aber wir können in unserem Alltag viel erreichen. Zum Beispiel der Sexismus, täglich werden wir damit konfrontiert. Da kann man sich wehren, nicht unbedingt aggressiv oder kämpferisch oder sektiererisch. Eher mit Lächeln und sanftem Druck gelingt es, Änderungen zu bewirken, Angriffe oder Schuldzuweisungen nützen eher wenig.

Statement auf dem Facebook-Profil von Christina Daletska

Deshalb bin ich auch in den sozialen Medien aktiv. Diese Plattformen werden ja meist für Banales benützt, meine Karriere, meine Kinder, was auch immer. Dann beklagen sich viele über diese blöden Sozialmedien, die eine Zeitverschwendung seien, aber man kann sie auch anders nutzen. Ich bin sehr aktiv, lade zwar nie Konzertdaten oder ähnliches hoch, sondern nur Dinge zum Thema Gerechtigkeit in einem weiteren Sinn, das können auch Hinweise fürs bewusstes Einkaufen im Supermarkt sein.

Ich brauche morgens kein neues Selfie von mir auf Facebook, darum geht es nicht, sondern um auf einen Missstand aufmerksam zu machen oder auch nur um die Information: Schau doch hin, wer deine Schoggi produziert.

Sie sagten mal, Sie hätten schon als Ungeborenes gewusst, dass Sie Musikerin werden würden.

Meine Mutter programmierte das so; ich hatte keine grosse Wahl. Ich wollte zwar mit 16 Jura studieren, das war jedoch aus finanziellen Gründen nicht möglich. Die Musik war immer ein Teil von mir, nicht nur meiner Mutter zuliebe. Dennoch: verlorene Kindheit. Andere Kinder durften frei spielen, ich dagegen musste.

Sie traten schon sehr jung als Solistin mit Geige oder Bratsche in halb Europa auf, ein streng getaktetes Leben für ein junges Mädchen. War es eine Wunderkinderexistenz?

Ja, aber heute erweist sie sich als Geschenk: Ich fahre zu einer Probe, schau mir manchmal erst im Zug die Partitur an und kann sie dann einfach singen. Dafür musste ich bereits als Vierjährige zahlen, heute kann ich es geniessen. Meine Mutter spielte Geige, aber ich fand die Haltung unnatürlich, für mich war es mit Schmerz, mit Verspannung verbunden, ich wusste, es ist nicht mein Weg. Gesang kann man erst ab einem gewissen Alter professionell machen, auch wenn ich als Kind viel gesungen habe.

Es gibt auch Kompositionen im Zusammenhang mit Ihrem Amnesty-Engagement.

Der griechische Komponist Georges Aperghis kam vor vielen Jahren nach Frankreich. Eine glückliche Zusammenarbeit, ich durfte schon vor zwei Jahren sein Werk Migrants uraufführen – er hat das Schicksal der Menschen, die im Meer ertrinken, mit seiner musikalischen Sprache unglaublich schockierend beschrieben. Auch von Philippe Manoury konnte ich zwei Werke uraufführen, und er schreibt ein neues für Amnesty und mich. Mich freut die Offenheit der heutigen Komponisten sehr, weil sie sich nicht vor den Ereignissen auf der Welt verschliessen. Und es freut mich, dass sie Zeit finden für mein Anliegen, auch wenn es nicht so lukrativ ist wie andere Projekte, beispielsweise ein Auftragswerk für ein Symphonieorchester.

Und was kommt für Sie als nächstes?

Zum Jahreswechsel trete ich als Contralto in Beethovens Neunter in Mailand und Luzern auf, eine grosse Produktion mit dem Orchestra Sinfonica e Coro Sinfonico Giuseppe Verdi, geleitet von Claus Peter Flor. Es ist purer Luxus für die Seele, das Jahr mit dieser Symphonie zu beenden und das neue damit zu beginnen.

Fotos: zVg
Homepage von Christina Daletska
Hier geht es zu Amnesty International Schweiz

Aktuelle Konzerte mit Beethovens Neunter:
Auditorium di Milano 29., 30., 31. Dezember 2019 und 1. Januar 2020
KKL Luzern: 2. Januar 2020

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