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Mutter werden und Mutter sein

Der Film «Adam» der Marokkanerin Maryam Touzani, mit der schwangeren Samia, der Mutter Abla und der kleinen Warda, ist ein wunderbares, tiefsinniges Gleichnis über Mutterschaft und Frauensolidarität.

Maryam Touzanis Vorbemerkungen zum Film «Adam»: Ce film est né d’une vraie rencontre, douloureuse mais inspirante, qui a laissé en moi des traces indélébiles. «Adam» est l’histoire de deux femmes, prisonnières chacune à sa manière, de deux solitudes qui s’apprivoisent, se confrontent. J’ai voulu qu’on pénètre leur ȃme, à travers les gestes les plus petits, les plus insignifiants, aller chercher sous la peau de ces deux femmes, creuser pour faire jaillir leur vérité à l’image.

Samia und die kleinen Warda verstehen sich von Anfang an. 

In Erinnerung an persönliche Erlebnisse

Der Spielfilm «Adam» ist aus der persönlichen Begegnung der Regisseurin Maryam Touzani mit einer jungen Frau in ihrer Jugend entstanden, die für beide schmerzhaft, für die Filmemacherin aber inspirierend war und unauslöschliche Spuren hinterliess. Vertieft wurde die Erfahrung, als diese selbst Mutter wurde: «Als ich zum ersten Mal mein eigenes Kind in meinem Körper spürte, als ich sah, dass mein Bauch sich in den Bauch einer Mutter verwandelte, dachte ich an jene Frau zurück, der ich damals begegnet war. Ich fühlte eine Dringlichkeit, die Geschichte von damals zu erzählen und dann zu verfilmen. Das half mir, die Wunden jener Begegnung zu heilen, die Erfahrung des Verlustes, der Not, der Verleugnung, der Trauer jener Frau, aber auch die Freude zu geniessen, selber Mutter geworden zu sein. So nahm der Film «Adam» Gestalt an.»

Wie der Film jetzt vorliegt, ist er von Wärme und Menschlichkeit erfüllt, wie wir sie nur selten im Kino erleben. Im Tiefsten geht es um die Beziehungen zwischen zwei Menschen: Wie die eine Person die andere, die andere Person die eine wahrnimmt, abwehrt, kennenlernt, sich nähert und sie schliesslich zu Freundinnen werden. Um diesen intensiven Prozess gut folgen zu können, bietet der Film uns die notwendige Zeit.


Abla mit ihrem heimlichen Verehrer Slimani

Mit Begegnungen der Einsamkeit entkommen

Die erste und wichtigste Begegnung im Film ist jene der schwangeren Samia, die Arbeit und Unterkunft sucht, mit Abla, einer verschlossenen, verhärmten Mutter. Beide sind eingehüllt in ihre je eigene Einsamkeit: Samia, bedingt durch das Kind, das in ihr wächst und ihren Körper beschlagnahmt; Abla, bedingt durch den Tod ihres Mannes, dem sie nachtrauert. Wie sich die beiden Frauen allmählich näherkommen, erlebt man in einer berührenden Geschichte, die zum Gleichnis wird. Die dritte Person des Kammerspiels ist das kleine Mädchen Warda, als Einzelkind auch es isoliert, obwohl ihm in seiner jugendlichen Neugier und Spontaneität die Annäherung an die beiden Frauen schon bald gelingt. Lebt die Regisseurin, so frage ich mich, in der Figur der kleinen Warda vielleicht ihre Freiheit aus, das früher Erlebte jetzt im Spiel des Films zu verarbeiten? Kurze Zwischenepisoden zeigen weiter lustvoll und erheiternd, wie der sympathische Slimani um die Gunst von Abla wirbt, bis auch diese aus ihrer Einsamkeit herauskommt. Doch das Zentrum der Handlung ist und bleibt das ungeborene Kind von Samia.

Warum Samia fernab von Zuhause in einer fremden Stadt eine Unterkunft sucht, dürfte in den gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen und Normen ihres Umfeldes liegen. Was im Film jedoch nicht polemisch analysiert, sondern als gegeben angenommen wird. Indem explizite Erklärungen weggelassen werden, erhält der Film eine verbindliche Allgemeingültigkeit, meint also nicht bloss die islamische, sondern alle Gesellschaften, die eine Frau mit einem unehelichen Kind verurteilen. Mutter-Werden, Mutter-Sein, Mutterschaft, Mütterlichkeit und die Solidarität unter Frauen ist das Umfassende und Übergreifende des Films von Maryam Touzani, gezeigt an einer werdenden Mutter, einer Mutter, die die Schwangere und schliesslich auch deren Kind bei sich aufnimmt, und einem kleinen Mädchen, das dies alles miterlebt. Der Film übersteigt in Momenten das Frauen-Thema, indem über dem Ganzen zwischenmenschliche Zuneigung, Annäherung, Umarmung und Geborgenheit schweben, die auch vom Mann, vom Kind und der Bevölkerung verkörpert werden.

Abla und Samia, gemeinsam in der Küche (v. l.) 

Wahrheiten in Bildern geoffenbart

Die Kamerafrau Virginie Surdej hat die Handlung in Bilder übersetzt, die vor allem die Tiefe der Beziehung zwischen Abla und Samia veranschaulichen, indem sie durch den Wechsel der Tiefenschärfe Nähe und Distanz der Protagonistinnen erlebbar macht. Die Montage von Julie Naas und selbstverständlich das Drehbuch von Maryam Touzani und Nabil Ayouch, ihrem Ehemann, verleihen dem Film einen Rhythmus, dem wir gerne folgen. Das Hin und Her, das Ja und Nein, das Zusammen und Auseinander der Handlung wird hier in schönen, starken Bildern ausgedrückt.

«Adam» ist ein Film der Atmosphären, Empfindungen, Stimmungen, in dem mit den Händen nicht nur Teig, sondern auch die Seelen geknetet werden. Die Filmemacherin wollte die Befindlichkeiten der Frauen durch kleine, unscheinbare Szenen erlebbar machen, also Details zeigen, in denen Wahrheiten sichtbar werden.

Der Schluss bleibt offen, wie auch bei uns im Alltag das Leben häufig offen bleibt, liefert also nicht wie viele Lehrstücke und Parabeln eine klare Botschaft, sondern lässt vielfältige Realitäten zu, wie wir sie im Leben immer wieder erfahren. Diese Offenheit macht «Adam» so berührend und dürfte bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Und warum die Regisseurin das Kind Adam und den Film «Adam» genannt hat, lässt nochmals weitere Deutungen zu.

Maryam Touzani

Die Regisseurin Maryam Touzani

Maryam Touzani wurde 1980 in Tanger, Marokko, geboren, wo sie auch ihre Jugend verbrachte. Nach dem Studium in London arbeitete sie zunächst in ihrer Heimat als Film-Journalistin, vornehmlich zum Thema des maghrebinischen Films, bis sie Drehbuchautorin und Regisseurin wurde. 2008 drehte sie einen Dokumentarfilm zum ersten Frauentag in Marokko, 2012 den Kurzspielfilm «Quand ils dorment», der mehrfach ausgezeichnet wurde. 2014 entstand der Dokumentarfilm «Under My Old Skin» über Prostitution in Marokko. Davon angeregt, drehte Nabil Ayouch den Spielfilm «Much Loved», für den sie beim Drehbuch mitarbeitete. 2016 folgte ihr Kurzfilm «Aya va à la plage» über die Ausbeutung kleiner Kinder als Hausangestellte. Zum ersten Mal trat sie 2017 als Schauspielerin im Film «Razzia» auf, dessen Drehbuch sie zusammen mit Nabil Ayouch, ihrem jetzigen Ehemann, schrieb. 2019 entstand ihr erster Spielfilm, «Adam», der für die Filmfestspiele von Cannes in die Sektion «Un Certain Regard» und weitere Festivals ausgewählt und ins Rennen um den Oscar 2020 geschickt wurde.

Titelbild: Samia sucht Arbeit und Unterkunft bei Abla (v. l.)

Regie: Maryam Touzani, Produktion: 2019, Länge: 98 min, Verleih: filmcoopi

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