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Sie konnten zusammen nicht kommen

… das Wasser war viel zu tief. Ob es allerdings wirklich am Wasser liegt? Im Berner Theater Matte experimentiert und philosophiert ein frühherbstliches Paar über dieses Problem, seine möglichen Ursachen und die verfügbaren Ratgeber und Selbstfindungstrips. Alles in witzigen und komödiantischen Situationen und Dialogen.

Die erwachsene Tochter ist ausgeflogen, jetzt ist man im Zustand der inaktiven Elternschaft und möglicherweise des Wartens auf Enkel. Der Haushalt ist geregelt und steht materiell auf sicheren Füssen, die Gewohnheit hat die schleichende Eroberung des Alltags erfolgreich abgeschlossen. Weiss man noch ganz sicher, was man zusammen und miteinander anfangen soll? Kennt man die Partnerin, den Partner noch so wie am Anfang, zur Zeit der leidenschaftlichen jungen Liebe? Oder gibt man sich zufrieden mit dem, was man über den Anderen zu wissen glaubt, ohne auszubrechen und Neuentdeckungen zu riskieren?

Der Autor von Frühherbst für Anfänger, Manfred Schild, definiert diesen Zustand eines Paares als Frühherbst. Alter so um 45, verheiratet seit etwas mehr als 20 Jahren, erwachsene Kinder ausgezogen, noch längst nicht im Herbst des Lebens angekommen, aber doch schon mit einigen welkenden und bleichenden Blättern am Baum des Zusammenlebens.

Christine und Paul sind in dieser Phase noch Anfänger. Es besteht noch Hoffnung. Offenbar sehen das auch Nachbarn oder Freunde oder wer weiss noch genauso. Oder woher sollte sonst das anonym vor dem Eingang liegende Hochzeitsgeschenk stammen? Ein Buch, eines aus der Reihe der marktgerecht erfolgreichen unsäglichen Ratgeber für alle möglichen und unmöglichen Lebenslagen. «Krieg und Frieden», nicht von Dostojewski, dafür mit dem hinreissenden Untertitel «Fit im Schritt nach 45».

Nicole D. Käser und Adrian Schmid: Christine und Paul Schäfer.

Das Buch liegt wie eine heisse Kartoffel auf dem Boden oder auf den Elementen des konkret-abstrakten Bühnenbilds von Fredi Stettler: Ein rotes Sofa vor dem Grau des angedeuteten Interieurs, zwei graue Blöcke, die sich als Ablage-, als Sitz- und sogar als Spielfläche verwenden lassen. Einfach, wie auch die einheitlich grauen Kostüme von Evelyne Pfeffer, die sich mit lockeren roten Umhängen bequem den spielerisch oder ernsthaft angestrebten erotischen Fantasien anpassen lassen.

Die Konzentration auf dieses Grau mit Rot, auf diesen kargen Spielraum und die verhaltene Einsilbigkeit der Kostüme entspricht dem Inhalt und dem Hintergrund, der Botschaft des Bühnengeschehens aufs beste. Am wirkungsvollsten jedoch erweist sich der Kontrast dieser Ausstattung zum szenischen Spiel und zum Dialog des Paares. Dieser entfacht einen Strauss von bunten Pointen und ironischen Hin- und Widerreden. Manchen streitähnlichen Wechselgesprächen wie auch den erzählten, von Glücks- und Wechselfällen berichtenden Passagen gelingt es hin und wieder, ein verständnisvolles Kopfnicken im Publikum anzuregen. Abstruse Situationskomik, fast immer auf Kosten der verzwicktesten Ratschläge aus dem Buch, sorgt für eine gelöste und beschwingte Theaterstimmung. Die Sache an sich – was tun wir, dass wir wieder zusammen kommen? – hat dabei eher sekundäre Bedeutung; bestimmend ist das Wie des Weges.

Es fängt schon mit der Komposition der beiden Persönlichkeiten an. Paul und Christine sind nicht auf dieselbe Art anfänglich verkrampft. Sie spürt womöglich das Ausbleiben der körperlich erlebbaren, sexuellen Erfüllung der Erotik viel lebendiger, ist sie doch auch als ausübende Musikerin und literarisch belesene Frau vertraut mit sinnlicher Erfahrung. Paul wird mit wenigen starken Strichen als Mathematiker gezeichnet, dessen Lust und Freude schon seit Kinderzeiten auf Primzahlen beruht. An ihnen und an ellipsoiden geometrischen Formen findet er seine ganz spezifische Lust, und im bitterernsten dialektischen Argumentieren ist er unschlagbar. Dass trotz diesen viel zu tiefen Wassern bei beiden sachte Gefühle aufkommen, mit denen sie nicht mehr gerechnet haben, lässt schliesslich doch aufs schönste hoffen.

Corinne Thalmann hat die Mundartfassung erarbeitet, die sprachlich ansprechend und mit differenziertem Ausdruck die Stimmung des Stücks und die vielseitigen, immer wieder witzigen Dialoge wiedergibt. Als Regisseurin der Aufführung beschert sie zusammen mit Nicole D. Käser und Adrian Schmid den Gästen in der Matte einen angeregten, lebendigen, mitreissenden Abend. Das Darstellerpaar spürt den Stil von Text und Inszenierung in jeder Facette differenziert auf und begeistert mit nuancenreichem, bühnenwirksamem Spiel, jederzeit voll spannend das Matte-Publikum.

Alle Bilder: © Rolf Veraguth

Aufführungen Sa. 28. 12. / So. 29. 12. / Di. 31. 12. (16.30 Uhr und 21.30 Uhr) / Fr 03. 01.2020 / Sa. 04.01. / So. 05.01. Dann jeweils Mi. bis So. Letzte Aufführung Sa. 25.01.20, 20 Uhr.

Theater Matte

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