FrontKulturDie Kunst des realistischen Schreibens

Die Kunst des realistischen Schreibens

Am 30. Dezember 1819 wurde in der fernen Mark Brandenburg ein Schriftsteller geboren, der auch in der Schweiz immer noch geschätzt wird: Theodor Fontane, Journalist, Dichter und Romancier. Seine Romane inspirierten jüngere Autoren zu eigenem Schaffen, und Generationen von Schülern lernten seine Balladen auswendig.

Mit Ribbecks Birnen und «Effi Briest» steht Theodor Fontane immer noch ganz oben auf der Liste der Bildungsklassiker. Sein 200. Geburtstag bietet die Gelegenheit, den Staub von seinen Büchern zu wischen. Darunter zeigt sich ein überraschend moderner Autor: Globalisierung – damals in der Form von Kolonialismus; Medienrevolutionen – Zeitungssterben gab es auch im 19.Jahrhundert; neue Verkehrs- und Kommunikationsmittel, das sind Themen in seinem Jahrhundert. Damit einher gingen große politische und gesellschaftliche Umbrüche. Fontane hat dies alles erlebt. Sind uns seine Figuren deshalb noch so nah? Was macht ihn lesenswert?

Kurz vor Silvester 1819 wurde Theodor Fontane in Neuruppin, einer kleinen Stadt in der Mark Brandenburg, geboren. Seine Eltern stammten beide aus Hugenottenfamilien, die in Berlin die «französische Kolonie» bildeten. Fontanes Vater hatte gerade eine Apotheke – schon damals eine Goldgrube – in Neuruppin gekauft. Seinen Sohn schulte er sehr eigenwillig, so dass der junge Theodor nach Jahren väterlichen Unterrichts vor allem episodisches Wissen ins Gymnasium mitbrachte. Sein Leben lang lernte Fontane, was ihm wichtig war – seine Interessen waren breit gefächert, entsprachen aber nicht dem damaligen Standard bürgerlicher Schulbildung.

Fontane-Geburtshaus in Neuruppin, die Löwen-Apotheke / commons.wikimedia.org

Schliesslich ergriff er den gleichen Beruf wie sein Vater; die Tätigkeit als Apotheker befriedigte ihn allerdings nie. – Deshalb dauerte es wohl so lange, bis er endlich das Examen bestand. – Viel wichtiger war ihm schon damals das Schreiben, nicht nur Prosa, sondern auch Gedichte, bekannt wurde er allerdings nur in Berliner Kreisen. Zudem war Fontane an der politischen Entwicklung interessiert, aber zu den heissblütigen Revolutionären gehörte er 1848/49 nicht. In den Jahren 1850 bis 1855 weilte auch Gottfried Keller in Berlin und wurde von einflussreichen Berlinerinnen und Berlinern gefördert. Berlin muss schon damals eine so grosse Kulturszene besessen haben, dass es sich nicht nachweisen lässt, ob der Schweizer und  Fontane sich begegneten.

Ein wacher Zeitgenosse

Sein Interesse an den Zeitläuften begünstigte wohl seinen Weg in den Journalismus. Ab 1852 lebte Fontane als Korrespondent zweier Berliner Zeitungen in England – es waren drei prägende Jahre. Auch später arbeitete er als Redakteur, zuerst für die Kreuzzeitung, dann schrieb er Theaterkritiken für die berühmte Vossische Zeitung in Berlin. Er förderte damit unter anderem junge Dramatiker wie Gerhard Hauptmann.

Theodor Fontane im Jahre 1843. Zeichnung von Georg Friedrich Kersting / commons.wikimedia.org

Obwohl Fontane stets geschrieben hatte, wagte er erst 1876, sich als selbständiger Schriftsteller dem zu widmen, was ihm am Herzen lag. Von seinen zahlreichen Werken sei hier nur sein letztes Werk Der Stechlin erwähnt, weniger ein Roman als die Betrachtungen eines alt gewordenen Landbesitzers und Familienvaters; Effi Briest, ab 1893 als Fortsetzungsroman erschienen, gleichsam eine deutsche Version der Madame Bovary, gilt als der meistgelesene Roman Fontanes. Auch heute noch sehr zu empfehlen sind die Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Das sind nicht nur Reisebeschreibungen, sondern auch Beobachtungen zu Land und Leuten – und nicht zuletzt Berichte übers Essen. Fontane nahm das Essen nämlich so ernst wie die Literatur.

Wildgänse an den Blumberger Fischteichen im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin © Uckermaerker / commons.wikimedia.org

In diesen Jahrzehnten erhielt Fontane die Anerkennung als Schriftsteller, die er verdiente. 1891 wurde ihm der Schillerpreis verliehen – Literaturpreise waren damals noch eine seltene Auszeichnung. Im Respekt, den ihm die junge Generation zuteil werden liess, spiegelte sich sein Verdienst: Er hatte durch seine Romane und Erzählungen dem realistischen Schreiben den Weg gewiesen. Diese Anerkennung der Jüngeren schätzte Fontane wohl sehr. In diesen späten Jahren der fleissigen Schriftstellerei fühlte er sich wieder so jung und frisch, dass er sich leicht spöttisch über festgefahrene Haltungen seiner Altersgenossen äusserte:

«Unverständlich sind uns die Jungen»,
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich’s damit halten:
«Unverständig sind mir die Alten.»
Dieses Am-Ruder-bleiben-wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses Sich-unentbehrlich-vermeinen
Samt ihrer «Augen stillem Weinen»,
Als wäre der Welt ein Weh getan -,
Ach, ich kann es nicht verstahn.

Da erkennen wir doch einen höchst lebendigen, witzigen Menschen, der auch uns noch Zeitgenosse sein könnte, der sich nicht total zurückgezogen hatte, als er am 20. September 1898 in Berlin starb. Seine Modernität spricht auch aus dem völligen Fehlen von Pathos und Sentimentalität, die in Romanen des 19. Jahrhunderts verbreitet waren. Sein nüchterner, klarer Blick verband sich mit spontaner Herzlichkeit. Das macht ihn auch heute noch liebenswert – trotz seiner in vielen Belangen konservativen Haltung.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland ist dafür ein deutliches Beispiel. Der joviale Gutsherr verschenkt Birnen an die Dorfkinder und bleibt so über seinen Tod hinaus bekannt und beliebt. Als Symbol für seine Grossmut wächst ein Birnbaum auf seinem Grab, und das Säuseln des Windes erinnert an ihn. Eine solche im Zeitalter des aufblühenden Sozialismus zwar menschenfreundliche Haltung liess die soziale Ungerechtigkeit und die Armut, die Emile Zola oder Charles Dickens anprangerten, ausser Acht.

Fontane wirkt immer noch anregend

Den Widerspruch zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft nahm sich hundert Jahre später Friedrich Christian Delius vor: Die Birnen von Ribbeck.

In diesem zeitkritischen Text, 1991 verfasst als Rollenprosa, erzählt ein Bauer aus Ribbeck, wie er die vergangenen 60 oder 70 Jahre erlebt hat. Denn Ribbeck, 40 Kilometer westlich von Berlin gelegen, gibt es wirklich. Nach dem Mauerfall fährt Delius mit seiner Familie aus dem vorher abgeriegelten Westberlin dorthin und lässt sich so zu dieser kunstvoll komponierten Geschichte inspirieren.

«. . . in Ribbeck fanden sich fast alle Probleme der deutschen Einheit, der deutschen Geschichte um die Birnbäume herum», schreibt Delius in seinem Nachwort 2019 anlässlich der Neuausgabe. Um den eigentlichen Text besser zu verstehen, empfiehlt es sich, dieses Nachwort als erstes zu lesen. Das Buch hat mit Fontane nicht sehr viel zu tun. Eher setzt Delius ein aktuelles Wegzeichen und markiert damit die ungeheuren Umwälzungen im 20. Jahrhundert.

Theodor Fontanes Platz in der deutschen Literaturgeschichte bleibt dadurch unangetastet. Dass er die Anerkennung seiner Zeitgenossen gern, aber mit leichter Ironie akzeptierte, zeigen die folgenden Verse:

Carl Breitbach (1833 – 1904): Theodor Fontane (1883) / commons.wikimedia.org

Eine kleine Stellung, ein kleiner Orden
(Fast wär ich auch mal Hofrat geworden),
Ein bisschen Name, ein bisschen Ehre,
Eine Tochter «geprüft», ein Sohn im Heere,
Mit siebzig ’ne Jubiläumsfeier,
Artikel im Brockhaus, im Meyer,
Altpreussischer Durchschnitt, Summa Summarum,
Es drehte sich immer um Lirum, Larum,
Um Lirum, Larum, Löffelstiel,
Alles in allem, es war nicht viel.

 

Titelbild:  Theodor Fontane, um 1860 / commons.wikimedia.org

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4 Kommentare

  1. Liebe Maja, Fontane ist ein Lieblingsschriftsteller von mir. Freue mich sehr, ihm in SW in seiner ganzen Farbigkeit zu begegnen. Danke für die wunderbare Würdigung mit den schönen Bildern!

  2. Mit den Birnen im Havelland verbindet sich mir eine weit zurückliegende Schulstunde mit Erstgymnasiasten in Basel, also Elfjährigen. Ich, Aushilfslehrerin, sollte der Klasse das berühmte Gedicht näherbringen und vor allem das Norddeutsche näherbringen. Geblieben ist mir der Diskurs um die «lütt Deern». Das Mädchen, die Dirne war schnell ausgemacht, zu «lütt» meldete sich der winzige, aber mehr als aufgeweckte Bub eines Geschichtsprofessors, der im Unterricht mehr als störend, aber nie als unaufmerksam zu ertappen war – er wusst alles, oder auch mehr, weil er wohl zuhause die Bibliotheken seiner gebildeten Eltern längst durchgelesen hatte. Er setzte zu einem seiner Kurzreferate an und erklärte, dass «lütt» dasselbe sei wie hierzulande «lützel», was zwar nur noch in Orts- und Flurnamen vorkäme und «klein» bedeute. Wir hätten es als Pleonasmus im Ortsnamen Kleinlützel (nicht weit entfernt von Basel), ein weiterer sogar dreifacher Pleonasmus in der Region sei die Kehlengrabenschlucht. – Da blieb der Lehrerin (durchaus bewandert in Namenkunde und Dialektforschung) nebst der beeindruckten Zustimmung zu den Ausführungen nichts mehr als dem Rest der Klasse auch auf die Sprünge zu helfen.

  3. Immer wieder erstaunt es mich festzustellen, wie sehr «Die Birnen von Ribbeck» in der Schweiz bekannt und wohl auch beliebt sind. In Deutschland kennt man das Gedicht, aber in meiner Schul- und Studienzeit war es kein Thema. In der Lyrikanthologie aus dem Gymnasium, die ich auch heute noch gern zur Hand nehme, ist dieses Gedicht nicht einmal vertreten. – Nur die Schweizer zitieren es, als hätten sie ohne diese Birnen nicht aufwachsen können.

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