FrontKolumnenSoll-Idarität: Was wir alles sollen

Soll-Idarität: Was wir alles sollen

„Herr Steiger, sie sollten zweimal täglich zwei Minuten lang die Zähne putzen“, sagt der Zahnarzt. „Nein“, sagt die Dentalhygienikerin, „dreimal drei Minuten“. Jetzt, anfangs Jahr, ist es an der Zeit, unsere Soll-Idarität zu überdenken.

Wir sollen keine Plastiksäcke brauchen. Sondern Baumwolle oder Papier. Und damit im Januar keine Himbeeren heimtragen. Das ganze Jahr über keine Billigkleider aus Bangla Desh kaufen. Und, hallo Basler, ihr sollt nicht in Weil am Rhein die Läden stürmen.

Wir sollen keine Würste essen. Besonders keine gebratenen. Und ganz besonders nicht jene vom Rost, deren angekokelte Haut so himmlisch schmeckt. Eigentlich sollen wir gar kein Fleisch essen. Am besten überhaupt nichts von den Tierli.

Wir sollen keinen Alkohol trinken. Sonst, schwips und schwups, wandern die Gehirnzellen aus. Wir sollen auf Fett verzichten und nur ganz ganz wenig Salz verwenden. Wir sollen keinen Zucker essen, macht süchtig. Und ui, ui, ui, die Zähne. Vom Rauchen, igitt, reden wir schon gar nicht.

Wir sollen nicht fliegen, sondern uns schämen. Wir sollen nicht Auto fahren. Zug fahren geht, aber bitte nur mit dem Bummler. Wir sollen Treppen steigen. Weil den Lift hat der Teufel erfunden und die Rolltreppe ist vom Belzebub.

Wir sollen als Männer nicht den Frauen nachschauen. Und die Frauen, ach, die sollen auch irgendwas nicht. Wir sollen früh ins Bett, früh turnen, im Frühtau zu Berge und, Achtung, um die AHV und PK zu schonen, sollen wir früh sterben.

Wir sollen ein Leben lang lernen. Ganz gleich was, Sanskrit, Synchronschwimmen oder Primzahlen auswendig. Wir sollen jetzt im Winter ganz vorsichtig heizen. Wozu haben wir schliesslich die schweineteure Thermowäsche? Wir sollen den Blutdruck messen, ein EKG machen, die Leberwerte kontrollieren. Und nicht vergessen: Brav den Darm spiegeln.

Wir sollen den Abfall trennen, kein Papierli auf die Strasse werfen, Fidos Gaggi entsorgen, positiv denken, plärrende Kinder mögen, nicht im Stehen pinkeln, den Zebrastreifen benützen. Wir sollen, sollen, sollen…

4 Kommentare

  1. Lieber Herr Steiger, den Frauen nachschauen dürfen die Männer so oft, so lang, so sehnsüchtig, wie sie wollen. Aber etwas ging vergessen in Ihrem Text. Männer sollen keine Frauen schlagen! Auf gar keinen Fall! Das ist ernst gemeint!
    Die übrigen Ratschläge finde ich auch nicht schlecht. Aber das Befolgen ist ja immer noch freiwillig!
    Und die Konsequenzen des Nichtbefolgens verteilen sich ja so schön! Von hier bis Bangla Desh! Von heute über morgen bis übermorgen!
    2020 hat kaum begonnen. Machen wir uns auf mit Sorgfalt und Respekt, gegenüber allen, die mit uns den Planeten bewohnen. Auch dann noch, wenn wir uns längst davon gemacht haben!

    • Liebe Frau Stamm
      Immer wieder lese ich Ihre Gedankengänge mit Freude, für mich stets erfrischend ???? dafür überreiche ich Ihnen eine Blume. Liebe Grüsse

  2. Sie haben mit allem Recht, liebe Frau Stamm. Aber all die Gebote und Warnungen anzuhäufen, hat halt auch eine kabarettische Note. Und auch ernst gemeint: Die Soll-Flut vermindert die Soll-Stärke. Wenns allzuviele Mahnungen hat, schwächen sie sich gegenseitig.

  3. Sozusagen das Leben als Kabarett! Und damit die Soll-Stärke bleibt, kann man die Nummern auf die 365 Tage des Jahres verteilen….. Bedenkenswert!

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