FrontKulturVom Dino-Ei zum Eisprung

Vom Dino-Ei zum Eisprung

Der chinesische Regisseur Wang Quan’an erzählt in seinem Spielfilm «Öndög» in einem herausfordernd langsamen Rhythmus die Annäherung zweier Menschen in der mongolischen Einsamkeit.

Vorbemerkung: Der mongolische Film «Öndög», das siebte Werk des Chinesen Wang Quan’an, machte mich bei der Erstvision etwas ratlos, doch gleichzeitig neugierig, da ich intuitiv spürte, dass es sich hier um ein Werk handelt, das beim Regisseur Betroffenheit ausgelöst hat, die er uns in einer ungewohnt langsamen, doch eindrücklichen Sprache übermittelt. Bei der zweiten Visionierung wurde mein gutes Gefühl bestätigt und ich erlebte berührende Augenblicke und schöne ausserordentliche Erfahrungen.

Ein Kamel, eine Hirtin, ein Polizist 

Annäherung in Langsamkeit und Stille

«Öndög» startet mit einer langen Fahrt in den Bildhintergrund hinein. Nach diesem lauten Einstieg sind wir drin: in den unendlichen Weiten, in denen wir uns allmählich heimisch fühlen, häufig mit der Kamera waagrecht von links nach rechts oder von rechts nach links erfahrbar gemacht. Bilder von Landschaften und Personengruppen, die lange stehen bleiben, zum Verweilen einladen und Dauer ausdrücken, gelegentlich im Stillstand enden. Es fühlt sich oft an, als ob mit den 180-Grad-Schwenks zwischen den Figuren die halbe Welt eingefangen werde. Der chinesische Regisseur Wang Quan’an hat in diesem, seinem siebten Film erstmals für die Kamera den Franzosen Aymerick Pilarski verpflichtet, jemanden, für den die Mongolei neu war. Auf der Tonebene, von einem Handy und im Off, gibt es Rockmusik und Passagen aus Elvis Presleys «Love Me Tender», zu denen ein Junger tanzt, um sich warm zu halten, was die Geschichte historisch und psychologisch situiert. Allmählich wird es mir auch deutlich und verständlich, dass «Öndög» eine einzige grosse Meditation ist über das Bestehen und das Vergehen, zwischen Tradition und Moderne, Himmel und Erde, Feuer und Kälte, Leben und Tod.

Die an sich knappe und einfache Story beginnt damit, dass einige Polizisten bei einer Ausfahrt in der Steppe auf eine nackte tote Frau stossen. Bis die Spurensicherung eintrifft, soll der 18-jährige Polizei-Neuling bei der Leiche Wache halten, denn bald ist es Nacht, und ein Wolf hat bereits Witterung aufgenommen. Sein Chef stellt dem jungen Mann eine junge Hirtin mit dem Spitznamen «Dinosaurier» zur Seite.

In der Mongolei, wo der Film handelt, wurden im letzten Jahrhundert versteinerte Dinosaurier-Eier, Öndögs, gefunden, die in den Erzählungen der dortigen Menschen weiterleben – was dem Film eine zusätzliche, ausweitende, gelegentlich Fragen aufwerfende Dimension gibt. Ob die zwei gewöhnlichen Menschen, mit dem Rückgriff des Films auf die archäologische Vorzeit, stellvertretend für die heutige Zeit das Fortbestehen der Menschheit durch die Liebe von Mann und Frau verkörpern?

Die beiden Liebenden: prosaisch und sinnlich 

Vom Dino-Ei zum Eisprung in der Steppe

Die mit dem extremen Wetter und der heimischen Fauna vertraute 35-jährige Frau ist in der Region die einzige Bewohnerin weit und breit. Sie hilft dem jungen Mann, in der eisigen Kälte die Leiche zu bewachen. Schon bald verschwindet diese zwar aus der Filmerzählung und taucht erst gegen Schluss wieder auf. Die beiden wärmen sich, nach getaner Arbeit, im Windschatten des Kamels, trinken Alkohol, rauchen Zigaretten, kommen sich näher und schlafen miteinander, mit dem Gewehr bei Fuss. Am Morgen darauf rücken die Spezialisten an, es kommt zur Befragung eines Verdächtigen, die Leiche wird abtransportiert, die Obduktion eingeleitet. Für beide war die Liebesnacht einmalig; nach einem Arztbesuch in der Stadt wird der Hirtin klar, sie ist schwanger.

Zur Geburt eines Kalbes, wie früher schon zur Tötung eines Schafes, ruft die Hirtin einen befreundeten Kollegen um Hilfe. Dieser reist mit dem Motorrad an und bringt ihr ein fossiles Saurier-Ei, ein Öndög, als Geschenk. Nachdem sie dem Tier auf die Welt geholfen haben, sitzen sie eine Weile in der Jurte zusammen, und der Mann versucht, die Frau für sich zu gewinnen, ein Paar und schliesslich Eltern zu werden. Ehrlich und wie selbstverständlich erzählt sie ihm, dass sie bereits ein Ei in sich trage. Auch dieser Hilfseinsatz endet mit einer leidenschaftlichen Liebesnacht: dem visuellen und akustischen Höhepunkt und Schluss des ansonsten stillen und ruhigen Films.

Der Film «Öndög» ist, was von Szene zu Szene offensichtlicher wird, kein Abgesang auf eine untergehende Kultur, sondern eine langsame und karge Erzählung, die in ihrer Fremdheit vielleicht auch bei den Zuschauern eigenes Fremdes wachrufen kann. Ihr Fokus liegt auf der Schönheit der Natur, dem Lauf der Zeit, dem Ringen um Harmonie – und es wird unschuldig und mit schöner Selbstverständlichkeit gelebt, gearbeitet, gelacht und geliebt.

Mit oder ohne Mann: eine starke Frau

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Was war der Ausgangspunkt für diesen Film?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in der Mongolei unterwegs bin. Ich mag die Art von Räumen, die man dort findet. Mongolen haben eine nomadische Lebensweise und so eine enge Beziehung zur Natur. Wenn du dich in einer so natürlichen Umgebung befindest, hast du genug Platz, um über dich selbst nachdenken zu können.

Einer Ihrer Protagonisten sagt: «Was wir mit unseren menschlichen Augen sehen, ist nicht unbedingt Realität.»

Diese Idee wird niemanden mit etwas Wissen über östliche Kulturen und Spiritualität überraschen. Für uns ist die Welt eine Illusion. Was wir sehen, ist nicht die Wahrheit, und die Wahrheit unterscheidet sich von dem, was wir sehen. Das bedeutet, dass wir die Welt immer im Auge behalten müssen.

Sie erzählen das mit Humor.

Das ist wichtig. Ich wollte nicht, dass der Film zu ernst wird. In der Mongolei können wir dank der riesigen Weiten tief in den Weltraum sehen. Wir sehen so weit zurück in der Zeit wie möglich, denn in diesen unberührten Landschaften verstehen wir besser als anderswo, dass die Geschichte der menschlichen Gegenwart nur einen kleinen Teil dessen ausmacht, was auf der Erde geschehen ist. Dies hilft, einen Schritt zurückzutreten, und alle Geschichten, so ernst sie auch sein mögen, werden lächerlich.

Einige Aufnahmen im Film, bei denen nur ein Streifen Land und ein Streifen Himmel im Bildausschnitt sind, erinnerten an Mark Rothkos Bilder.

Er und ich haben eine gemeinsame Vorstellung: Je reduzierter etwas ist, umso schöner ist es. Durch die Einfachheit kann man fast alles ausdrücken, einschliesslich der grössten Schönheit. Man muss entfernen, entfernen, entfernen, bis man beim Ausgangspunkt angelangt ist. Wir kehren zur östlichen Philosophie zurück. In der chinesischen Malerei ist eine der Hauptideen, etwas leer zu lassen. Eine Leere, die dem Betrachter erlaubt, sich Dinge vorzustellen.

Titelbild: Unendliche, fast menschenleere Landschaften

Das Interview hat Gregory Coutaut für www.lepolyester.com geführt.

Regie: Wang Quan’an, Produktion: 2019, Länge: 100 min, Verleih: trigon-film

Vorheriger ArtikelEine schöne Geschichte
Nächster ArtikelDas Phänomen Videospiele

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel